Teil VI "Entscheidung"

 

"Es gibt wichtigere Ziele, als in Frieden zu leben."

(Alexander Haig)

 

Als Joan erwachte, fühlte sie sich immer noch müde und zerschlagen. In den letzten Tagen war Schlaf zum Luxus auf der ‘O’Neill’ geworden. Sie hatte drei unruhige Stunden geschlafen, dann war sie aus wirren Alpträumen von panikartig flüchtenden Menschenmassen aufgeschreckt. Sie sah auf die Uhr in der Zimmerkonsole und stellte fest, daß sie in zehn Minuten sowieso geweckt werden würde. Seufzend stand sie auf und ging unter die Dusche.

Eine halbe Stunde später betrat sie MacIntoshs Büro. Inmitten des chaotischen Durcheinanders von Kabeln, elektronischen Geräten, überquellenden Papierkörben und hektisch herumlaufenden Menschen saß der Wizard im Lotossitz auf dem Boden. Um ihn herum schien eine Glaswand zu stehen. Jedenfalls machten alle Leute einen Bogen um ihn, ja, sie schienen ihn gar nicht zu bemerken.

Auch Joan ging um ihn herum zu ihrem Platz vor der Konsole. Sie begrüßte die Freunde in ihrer Nähe mit einer müden Handbewegung und setzte sich. Als ihre Finger routiniert über die Tastatur huschten, bemerkte sie es kaum. Doch als die ersten Informationen über den Bildschirm flimmerten, riß sie sich zusammen und las, was das REFLECT-Programm herausgefunden hatte. Es war wenig genug. Alles, was sie jetzt wußten, war, daß das entscheidende Codewort sehr lang war. Es könnte ein kleines Gedicht, ein keines Stück aus dem Kamasutra oder ein beliebiger anderer Text sein. Ein Mann im weißen Kittel kam mit einem Tablett voll dampfender Kaffeetassen vorbei und stellte ihr eine davon neben ihre Tastatur. Joan nickte ihm dankbar zu.

*

Vor ein paar Stunden war Strauch, aus Deutschland kommend, in San Juan gelandet. Er hatte seinem Auftraggeber Bericht erstattet und Julian Henderson hatte ihn über den letzten Stand in seinem Privatkrieg gegen die Spacer informiert.

"In drei Stunden läuft das Ultimatum ab. Sie werden sich ergeben oder sterben. Doch egal, was sie tun werden, sie haben keine Chance. Ich werde sie alle auslöschen!"

Erregt lief Henderson in der Computerzentrale auf und ab. Michael Strauch lehnte sich entspannt in seinem Sessel zurück und beobachtete ihn dabei verstohlen. Da ertönte plötzlich ein nervenaufreibendes Pfeifen aus dem Computer.

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Der Wizard saß mit geschlossenen Augen auf dem Boden. Er war im Trance. Vor seinen Augen tanzten Visionen. Er sah wabernde Farbschleier dann wie einen Filmspot, eine kurze Bildfolge von Muftis Tod. Er sah Strauch den Schuß abgeben und spürte dessen Kraft dann drang Joans Stimme in sein Gedächtnis. Sie sagte: "Die Frequenz habe ich, wir brauchen das Codewort! Es ist lang, wenigstens 120 Zeichen. Doch wissen wir nicht, ob es aus Zahlen oder Buchstaben oder einer Kombination zusammengesetzt ist. Es könnte alles sein. Verdammt, es muß doch einen Weg geben."

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Strauch bediente entspannt die Konsole, und Henderson schaute ihm über die Schulter. Vor Ihnen, auf dem Bildschirm, berichtete ein Mann mit ausdruckslosem Gesicht von einem Angriff auf ihr Hauptquartier.

"Vier Drohnen wurden von der Luftabwehr eleminiert. Gleichzeitig werden wir von Sturmtruppen angegriffen. Sie scheinen uns umzingelt zu haben. Die Kämpfe dauern zur Zeit noch an. Die Gegner sind mit modernsten Waffen ausgerüstet. Ich bitte um die Erlaubnis, Verstärkung anzufordern, Sir."

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Der Wizard war noch immer im Trance. Er erlebte jetzt ein Stück amerikanischer Geschichte. Er sah müde, in verdreckter, abgerissener Uniform dahintaumelnde Unionssoldaten. Einer von ihnen schleppt eine U.S. Flagge. Vor seinem inneren Auge wechseln die Szenen stroboskopartig Männer in den Weltkriegen. Soldaten, die triumphierend über die Körper Gefallener stürmten, in Korea und Vietnam, die Fahne schwenkend. Immer wieder sah er die U.S. Flagge. Er sah sie vor Gebäuden im Wind flattern und dann sah er einen Mann in einem Raumanzug. Alle Szenen waren Variationen der Farben rot, weiß und blau.

Und immer wieder erschien das Sternenbanner, in allen Variationen.

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Strauch saß wieder in seinem Sessel und beobachtete seinen Chef, der einen Befehl nach dem anderen in sein Mikrophon brüllte. Dabei erschienen auf seinen Wangen hellrosa Flecken. Plötzlich zuckte Strauch zusammen.

"Mr. Henderson, ich spüre einen starken ESP Einfluß. Ich weiß nicht, was es ist, aber es ist stärker als alles, was ich bisher wahrgenommen habe. Ich frage mich, ob das ein Mensch ist." Henderson starrte ihn überrascht an. (Es taucht so plötzlich auf, könnte es ein außerirdisches Wesen sein?)

*

Joans Konzentrationsvermögen ließ rapide nach. Sie war übermüdet, und ihr vernachlässigter und schmerzender Körper verlangte nach Ruhe. Sie massierte sich die Schläfe, schloß die Augen und lehnte sich zurück. Plötzlich glaubte sie, eine U.S. Flagge zu sehen. Sie fühlte sich in ihre Schulzeit zurückversetzt. Sie sprach den wöchentlichen Treueschwur zur Fahne, wie ihn alle amerikanischen Schüler leisten.

In ihrem Kopf entstand die Idee, daß dies der gesuchte Code sei. Sie schlug die Augen auf und sah um sich. Ihr Blick blieb an dem Wizard haften. Der saß noch immer auf dem Boden und schien weit weg zu sein.

Sie versuchte es. Sie tippte den Text, den jeder Amerikaner auswendig kannte, in die Konsole.

"Ich gelobe Treue der Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika und der Republik, die sie symbolisiert: eine unteilbare Nation, mit Freiheit und Gerechtigkeit für alle."

Plötzlich veränderte der Bildschirm seine Farbe. Er strahlte jetzt in einem beruhigenden Bernsteinton. Jetzt erschienen die lang ersehnten Worte auf dem Monitor.

"Autorisierung anerkannt! Welche Kommandos?"

"Ich hab’s!" Joans befreiender Jubelschrei riß den Wizard abrupt aus seiner Trance.

*

Strauch arbeitete an der Kontrollkonsole. Henderson stand verkrampft hinter ihm und schlang gierig ein Sandwich hinunter. Strauch runzelte die Stirn und blickte verblüfft auf den Bildschirm. Er gab einige Kommandos an den Computer. "Ich verliere die Kontrolle, Sir!"

Strauchs Worte ließen Henderson vor Schreck erstarren. Er ließ das angebissene Brot fallen.

"Was ist los? Was haben Sie gesagt? Tun sie was, Mann. Sie können gar nicht die Kontrolle verlieren!"

Henderson stieß Strauch unsanft aus dem Stuhl vor der Computerkonsole und begann, noch halb im Stehen, fieberhaft auf die Tastatur einzuhacken.

*

Wizard war aus seiner Trance erwacht und stand jetzt aufmerksam neben Joan am Terminal.

"Ich habe sie jetzt. In das System kommt keiner mehr rein. Wollen wir schießen? Ich habe kein Ziel."

Joans Stimme klang ruhig und sicher. Sie rollte mit ihrem Stuhl ein Stück zurück und streckte die Beine aus.

"Jetzt gehört das komplette Orbitallasersystem uns. Laß die Evakuierung sofort abbrechen. Wir haben gewonnen,"

"Kannst du Hendersons Aufenthaltsort feststellen," fragte der Wizard.

"Ja, das müßte gehen. Der Computer sollte wissen, wo sich sein Herr und Meister befindet. Mal sehen, ja, hier haben wir es: San Juan, Colorado. Hier sind die genauen Koordinaten." Auf dem Bildschirm erschien eine Darstellung von Hendersons Anwesen.

Joan schaltete um auf die Kamera eines Orbitallasers. Sie sahen das Anwesen aus der Vogelperspektive. Sie löste den Zoom aus und vergrößerte damit das Bild. Immer mehr Details waren zu erkennen.

"Stop!" Wizard ging zum Bildschirm und wies auf ein Auto. "Das müßte er doch eigentlich merken in seinem Bunker. Kannst Du das Auto treffen, ohne die Gebäude einzuäschern?"

"Ja, das sollte gehen."

Auf dem Bildschirm erschien ein roter Zielkreis, den Joan geschickt auf das Auto zubewegte. Joan verkleinerte den Zielkreis, bis er nun noch das Auto abdeckte.

Dann gab sie den Feuerimpuls.

*

Henderson sah den blendenden Explosionsblitz auf dem Bildschirm der Verteidigungsanlage. (Mein Gott, was war das?) Nur langsam wurde ihm bewußt, was geschehen war. Panik gewann die Herrschaft über sein Denken. (Sie haben meine Waffe gestohlen. Ich werde ihnen die Sicherheitskräfte auf den Hals schicken. Verdammt, sie haben mir mein Druckmittel genommen. Was soll ich jetzt tun? Ich muß verhandeln, retten, was zu retten ist. Ich bin ein fähiger Kopf, sie werden Leute wie mich brauchen.)

Strauch stand die ganze Zeit schweigend neben ihm. Er beobachtete die Entwicklung der Situation und das Verhalten seines Arbeitgebers und zog seine eigenen Schlüsse daraus. Als Henderson begann, ziellos auf der Tastatur des Computers herumzuhämmern, schlug er ihm mitleidslos die Handkante ins Genick. Es gab ein kurzes, trockenes Knacken, welches an einen brechenden, trockenen Ast erinnerte, und dann sackte Hendersons Körper leblos auf die Konsole.

Mit einer Handbewegung schob er den leblosen Körper vom Tisch und rief die ‘O’Neill’. Fast augenblicklich hatte er Joan in der Leitung und sagte: "Ich habe das Problem gelöst. Der Mann war sowieso am Ende. Er gestand es sich nur nicht ein. Wie alle Machtjunkies war er im Grunde seines Wesens ein Feigling."