Teil III "8 Wochen später" 1999

"Opposition ist wahre Freundschaft."

(Blake)

 

Seit einiger Zeit schon spürte Joan eine gewisse unterschwellige Spannung zwischen den Menschen im Katapultteam. Sie wirkten unzufriedener, die Flüche über die Bosse, die lebenswichtige Entscheidungen fern auf der Erde am grünen Tisch trafen, wurden lauter und bitterer, obwohl das Katapult nun schon seit mehreren Wochen zufriedenstellend arbeitete. Immer häufiger hatte sie das Gefühl, es ginge irgend etwas vor, doch sie wußte nicht, was. Sie fühlte sich als Außenseiterin und bei aller Herzlichkeit der Kollegen sehr einsam. Als sie eines Tages mit Piet Dankert bei einer Tasse Kaffee in dessen Kabine saß, faßte sie sich ein Herz und sprach ihn direkt darauf an. "Piet, was ist eigentlich hier los?"

"Wie meinen Sie das?" Dankert sah sie überrascht an. "Was ist wo los? Ich denke, es läuft doch alles zufriedenstellend. Wir liefern regelmäßig Rohstoffe, die 'O'Neill' wächst langsam aber unaufhaltsam. Außer dem Routineärger mit der Erde ist doch alles in Ordnung."

"Das weiß ich selbst," sagte sie, "trotzdem hat sich die Atmosphäre hier verändert. Die Leute sind irgendwie aggressiver, und in der Cafeteria ist es mir ein paar Mal passiert, daß das Thema gewechselt wurde, wenn ich an den Tisch kam. Ich tat natürlich immer so, als hätte ich nichts gemerkt; wer gibt schon gern zu, daß er sich ausgeschlossen fühlt. Es tut mir verdammt weh."

Der Ausdruck 'verdammt' war für Joans Sprachschatz ein sehr hartes Wort. Dankert fühlte sich versucht, sie in den Arm zu nehmen. Statt dessen sagte er: "Ich muß gleich noch einmal in die Zentrale. Sie haben doch heute abend frei. Wie wäre es, wenn wir zusammen essen und anschließend bei einem schönen Glas Wein in Ruhe darüber sprechen, abgemacht?"

Joan zuckte die Schultern. "Was bleibt mir denn anderes übrig," seufzte sie. "Bis heute abend dann. Hoffentlich sind Sie dann nicht so ausweichend." Dankert lächelte ihr aufmunternd zu, und sie verließen gemeinsam die Kabine. Auf dem Gang trennten sie sich. Während Piet den Weg zur Zentrale einschlug, kehrte Joan nachdenklich zu ihren Programmen zurück. (Piet hat also auch etwas vor mir zu verbergen, sonst wäre er mir nicht so ausgewichen. Ob er mir heute abend wirklich mehr sagt? Ich weiß nicht mehr, woran ich bin.)

*

Pünktlich um 19.30 Uhr drückte Joan auf den Summer an Piet Dankerts Appartementtür. Er öffnete sofort und lächelte sie einladend an. "Schön, daß Sie gekommen sind, Joan. Die Kantine hat auch schon das Essen geliefert." Es fiel es Joan schwer, ihre Ungeduld zu bezähmen. Als sie bei Kaffee und Cognac angelangt waren, hielt sie es nicht mehr aus.

"Also, Piet, sagen Sie mir jetzt bitte, was hier los ist. Ich will diese Ungewißheit nicht mehr ertragen. Wir haben doch sonst immer alles offen besprechen können."

Piet stand auf und begann, unruhig im Zimmer umher zu gehen. "Sie haben recht," sagte er, "es brodelt hier unter der Oberfläche. Wissen Sie, daß einige Konzerne auf der Erde versucht haben, mehr Einfluß auf die Arbeiten hier bei uns und auf der 'O'Neill' zu gewinnen. Andernfalls wollen sie ihre Lieferungen einschränken oder ganz einstellen. Die Verhandlungen sind noch im Gange, aber was sollen wir machen? Sie haben uns in der Hand. Ohne Nachschub von der Erde sind wir erledigt, und sie können alles, was wir aufgebaut haben, für ihre Zwecke mißbrauchen; jetzt noch, wohlgemerkt. In einigen Jahren sieht das anders aus, dann sind wir autonom. Aber zur Zeit haben die uns an den Eiern."

Joan sah ihn fassungslos an. "Das habe ich nicht gewußt," sagte sie, "woher auch? Mit mir spricht ja keiner über wichtige Dinge."

Piet seufzte und setzte sich wieder hin. "Es stimmt, was Sie sagen, Joan. Sie sind in diesem Fall wirklich eine Außenseiterin. Es gibt hier oben und auf der 'O'Neill' eine Gruppe von Menschen, die die Konzerne und deren Machtstreben bekämpfen. Wir stehen mit Gleichgesinnten auf der Erde in Verbindung. Die Macht der Konzerne wächst auf der Erde immer schneller, und wenn nicht bald etwas geschieht, beherrschen sie nicht nur die Erde, sondern auch den Weltraum. Das würde das Ende des freien Menschen bedeuten. Wir wären ihre Sklaven, im wahrsten Sinne des Wortes. Dieses System würde sich wahrscheinlich über Jahrhunderte halten können und zu einer ungeheuren Machtkonzentration in den Händen einiger Weniger führen, quasi ein moderner Feudalismus, der Positionen nach Eigentum zuweist. Die Politik- und Sozialwissenschaftler halten diese Zeit für einen Kreuzungspunkt, wo verschiedene Trends möglich sind. Es ist also allerhöchste Zeit, etwas zu unternehmen, um diese Entwicklung zu verhindern. Noch gibt es, auch bei den Allermächtigsten, einige Schwachstellen in ihren Abwehrsystemen. Außerdem haben wir zum ersten Mal eine Machtquelle in den Händen, welche den ihren gleichwertig ist. Wir haben das Mondkatapult und das Habitat. Es ist zwar alles noch im Aufbau, aber wir haben es bald geschafft. In der Zwischenzeit treffen wir alle notwendigen Vorbereitungen."

Hier unterbrach Joan ihn ungehalten, indem sie fragte: "Piet, von wem sprechen Sie da? Wer ist WIR?"

Dankert sah ihr ernst und entschlossen ins Gesicht. Dann begann er zu sprechen, und Joan spürte sofort, daß dieses Gespräch ihr Leben verändern würde. "Joan, ich bin Mitglied einer Untergrundbewegung, deren Ziel es ist, Machtkonzentrationen jeglicher Art zu bekämpfen und zu verhindern. Ich versuche gerade, Sie, Joan, für 'Rainbow', so nennt sich unsere Gruppe, zu werben."

Gespannt sah er sie an.

Joan blies geräuschvoll die angehaltene Luft aus. (Das ist es also Aber wenn doch offensichtlich viele der Leute hier oben zu dieser Gruppe gehören, warum dann diese Geheimnistuerei?) Sie fragte Piet danach und bat ihn um mehr Informationen.

Dieser antwortete sofort: "Es stimmt, ein großer Teil der Menschen hier oben gehört zu uns, doch die Konzerne riechen natürlich den Braten und zittern um ihre Profite, und daher versucht die Gegenseite ständig, Spitzel einzuschleusen, und genau wie wir, bedienen sie sich der mannigfaltigen Möglichkeiten der elektronischen Überwachung. Ich habe zum Beispiel den ganzen Nachmittag zusammen mit zwei befreundeten Spezialisten damit verbracht, diesen Raum hier für unser Gespräch heute abend abhörsicher zu machen. Wir haben acht Mikrosender unschädlich gemacht und einen leistungsstarken Störsender, als natürliche Fehlerquelle getarnt, eingebaut." Auf einmal ergaben die vielen, kleinen Vorfälle der letzten Zeit ein deutliches Bild.

(Das war also die Aufgabe des Saboteurs: Dafür zu sorgen, daß wir von der Erde abhängig bleiben. Das ist ja ein richtiger Krieg im Untergrund. Mein Gott, Piet hat recht! Wir müssen etwas unternehmen, aber wie kann ich dabei helfen?) "Piet, ich möchte Sie und Ihre Gruppe gern unterstützen," sagte sie dann entschlossen, "aber was kann ich schon tun?" Dankert wirkte erleichtert, als er weitersprach: "Ich wußte, daß Sie auf unserer Seite stehen, Joan. Sie als Softwareexpertin sind eine Art Joker für uns, besonders da Sie Ihr Fach so gut beherrschen. Wir hoffen, daß Sie für uns fremde Schlüsselcodes knacken und möglichst sichere für unsere Programme entwickeln, unser Kommunikationssystem erweitern, elektronische Überwachung punktuell ausschalten und durch Abhören von, uns zur Zeit unzugänglichen, Kommunikationskanälen Spitzel und gegen uns geplante Aktionen aufdecken können."

Joans Gedanken rasten. (Unter diesem Aspekt habe ich meine Arbeit noch nie gesehen. Mein Computer ist wohl das leistungsfähigste System, das außerhalb der Erde zur Zeit zur Verfügung steht. Ich habe Zugang zur Erde und zur 'O'Neill', ich kann überall 'rein!) "Also, Piet, was muß ich tun?" Er wand sich verlegen: "Tja, da ist noch etwas, wir müssen einen Wahrheitsdrogen-Test mit Ihnen machen. Es ist mir peinlich, aber wir müssen alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen treffen."

Joan unterbrach ihn: "Unsinn, peinlich, natürlich muß das sein! Glaubten Sie wirklich, daß mich das schockieren würde? Schließlich und endlich geht es auch um meine Sicherheit! Außerdem wird es die Zusammenarbeit erheblich erleichtern, wenn wir wissen, daß wir uns gegenseitig absolut vertrauen können." Dankert entspannte sich wieder; tief in seinem Inneren empfand er eine große Hochachtung für sie. Keiner von den Beiden ahnte in diesem Moment, welche Folgen dieses Gespräch haben sollte. Sie verabredeten sich für den nächsten Nachmittag in der Cafeteria, dann wollte er sie zum Aufnahmeritual führen.

*

Sie trafen sich wie verabredet in der Cafeteria. Joan stand sofort auf und ließ ihren Kaffee stehen. Ihre Unruhe war ihr deutlich anzusehen. Piet führte sie zu einem selten gebrauchten Teil der Anlage, in dem sich überwiegend Vorratsräume befanden. Joan betrat mit gemischten Gefühlen hinter Dankert einen der Räume. Dort saßen Wilson und zwei andere, ein Mann und eine Frau, die sie nicht kannte; Joan vermutete, daß sie aus der großen Mondbasis 'Port Armstrong' kamen. (Sie tragen keine Masken! Das heißt, wenn ihnen irgend etwas an mir nicht paßt, dann werde ich diesen Raum nicht lebend verlassen.) Glühendheiß stieg die Angst in Joan hoch, und sie bereute ihren Entschluß, sich auf diese ganze krumme Sache eingelassen zu haben.

Einer der Verschwörer, ein Mann Mitte fünfzig, schmal, schütteres Haar, ergriff das Wort.

"Wir müssen Ihnen eine Injektion 'Reine Wahrheit' geben, eine routinemäßige Vorsichtsmaßnahme. Wir wollen Ihrer Loyalität völlig sicher sein, das verstehen Sie doch?"

Joan nickte stumm. Sie öffnete zögernd den Ärmel ihres Overalls und krempelte ihn auf. Dann legte sie sich auf die bereitstehende Pritsche. Der Mann Mitte fünfzig, der sich nicht vorgestellt hatte, öffnete eine Tasche, zog eine Druckluftspritze hervor und hielt sie an ihren Arm. Es knackte leise. Sie spürte keinen Schmerz. Nach wenigen Sekunden setzte ein Gefühl der Leichtigkeit ein. Nach gut einer Minute verlor sie das Bewußtsein.

*

Joan saß in einem Raum vor einem Computer. Sie versuchte verzweifelt, einen Code zu entschlüsseln. Sie spürte, daß es wichtig war, lebenswichtig, und daß nur noch wenig Zeit zur Verfügung stand. Neben ihr auf dem Boden saß einer der Kämpfer aus ihren Träumen. Sie hatte das Gefühl, leichter zu sein als auf dem Mond. Sie konnte nicht herausfinden, wo sie sich befand. Das beunruhigte sie sehr. Der Mann auf dem Boden sagte etwas, doch sie konnte es nicht verstehen. Wieder hatte sie das Gefühl, keine Zeit mehr zu haben, und doch wirkte die Szene auf sie wie eine Zeitlupenaufnahme. Sie wollte den Mann fragen, was er gesagt hatte. Sie drehte sich zu ihm hin, doch sie brachte kein Wort heraus. Die Szene begann vor ihren Augen zu verschwimmen und wurde immer undeutlicher. Dann fiel sie in eine barmherzige Schwärze und die Spannung der vorangegangenen Minuten wich einer tiefen Bewußtlosigkeit.

*

Mühsam tauchte sie aus ihren Träumen, wie aus großer Tiefe, wieder in ihr Wachbewußtsein zurück. Verschwommen nahm sie die Gesichter der vier Menschen wahr, die sich über sie beugten.

Dankert lächelte beruhigend. "Es ist alles in Ordnung. Du gehörst jetzt zu uns, Schwester Joan."

Joan schloß die Augen und entspannte sich. (Was war das für ein Traum? Wo war ich? Wer war der Mann auf dem Boden? War das eine Vision oder eine Phantasie meines Unterbewußtseins? Jedenfalls war es sehr eindringlich und plastisch.) Sie versuchte, sich aufzurichten, und Piet sprang sofort hinzu, um sie zu stützen.

Mit seiner Hilfe gelang es ihr, sich auf die Füße zu stellen, zu einem der Stühle zu wanken und sich zu setzen. Wilson ergriff das Wort: "Wie fühlen Sie sich, Joan? Ich kenne diesen unangenehmen Zustand und bedauere, daß wir gezwungen waren, dieses Mittel anzuwenden. Ich möchte Ihnen jetzt Schwester Inez Perrez und Bruder Jurij Wossow vorstellen. Sie arbeiten beide in der Hauptbasis. Jurij ist der leitende Arzt des Krankenhauses von Port Armstrong und Inez", er warf der schönen Südamerikanerin einen bewundernden Blick zu, "ist die Stellvertretende Leiterin der Sicherheitsabteilung."

Joan nickte beiden noch leicht irritiert zu und wartete ab, was jetzt kommen sollte. Inez sprach sie mit einer samtweichen Stimme an: "Was wissen Sie über unsere Organisation, Joan?"

"Nur, was Piet mir erzählt hat, und das war nicht viel. Er gebrauchte das Wort 'Rainbow' als Bezeichnung für die Organisation. Außerdem sprach er vom Kampf gegen Konzerne, aber¼ " Sie brach ab und zuckte hilflos mit den Schultern. "Also im Grunde weiß ich gar nichts."

Inez lächelte ihr wohlwollend zu und sagte zu Wilson: "Nun, Ephraim, Du bist der Chef dieser Zelle. Führe Schwester Joan in die Geschichte der Organisation ein."

Wieder sah sie lächelnd zu Joan herüber und zwinkerte mit den Augen. Joan war auch nicht der spöttische Unterton bei dem Wort 'Schwester' entgangen; anscheinend war es Wilson, der auf solchen formellen Anreden bestand. (Ephraim, der Name schreit ja geradezu nach solchen Ritualen.) Wilson räusperte sich, blickte in die Runde und sprach dann Joan direkt an: "Die Organisation besteht in der heutigen Form seit etwa 8 Jahren. Es begann jedoch schon viel früher, so zu Beginn der 80er Jahre. Damals schlossen sich die 'Greenpeace'-Leute der 'Netzwerk' Bewegung an. Sie waren eine der finanzkräftigeren Gruppen und unterstützten eine lose Zusammenarbeit mit ähnlichen Vereinigungen: Künstler, Mediziner, Juristen und andere für den Frieden, 'Freeze' und 'Ground Zero', 'CIub of Rome', diverse Pen Clubs und radikale Teile der Sozialistischen Internationale. Als sich die gesellschaftliche Situation immer mehr zuspitzte, schlossen sich die einzelnen Gruppen enger zusammen und entwickelten ein gemeinsames Konzept. Sie waren sich darüber im Klaren, daß sie nur dann erfolgreich sein konnten, wenn sie in den Untergrund gingen. Auf diesem Gebiet hatten sie jedoch wenig bis gar keine Erfahrung. Zu diesem Zeitpunkt stießen neue Gruppen zu ihnen. Die 'Ökopax'-Bewegung und verschiedene Organisationen revolutionärer Anarchisten. Letztere brachten viel Erfahrung im illegalen Kampf mit. Besonders die Leute von den Spaßguerillas taten sich hervor, da sie es strikt ablehnten, Menschen bei ihren Aktionen zu verletzen oder gar zu töten. Dadurch nutzten sie den moralischen Jiu-Jitsu Effekt von gewaltfreien Aktionen und hatten dadurch einen großen Kreis von Sympathisanten in der Bevölkerung."

*

"Bist Du wirklich sicher, daß das hier eine automatische Sendestation ist?"

"Ja doch, verdammt, und jetzt halt die Schnauze und gib mir den Kassettenrecorder rüber."

"Hier hast Du ihn. Die Klemmen habe ich schon angelötet. Hast Du die richtigen Kabel gefunden?"

"Ich hab doch den Plan, Du Träumer. So, alles klar, Du kannst das Band anlaufen lassen."

Der angesprochene Mann drückte mit seinem schmutzigen Daumen auf eine Taste, und über den größten europäischen Nachrichtensender wurde die folgende Nachricht in das internationale Netz der Nachrichtensatelliten eingespeist:

"UPI 9970331A/1999 SONDERMELDUNG - GEHEIMVERHANDLUNGEN ZWISCHEN DER BUNDESREGIERUNG UND DEM DDR-STAATSRAT AUFGEDECKT - WIE WIR AUS GUTINFORMIERTER QUELLE ERFUHREN, FANDEN IN DER LETZTEN WOCHE GEHEIMVERHANDLUNGEN ZWISCHEN DER BUNDESREGIERUNG UND DEM DDR-STAATSRAT STATT, WELCHE DIE DEUTSCHE WIEDERVEREINIGUNG ZUM ZIEL HATTEN.

ES WURDE GEPLANT, ÜBERMORGEN FRÜH UM 3:0O UHR ÜBERRASCHEND UND GLEICHZEITIG DIE 'BESATZUNGSTRUPPEN' DER ROTEN ARMEE UND DER US-STREIKRÄFTE ZU ÜBERWÄLTIGEN, ZU ENTWAFFNEN UND ZU INTERNIEREN. EINE REGIERUNG DER NATIONALEN EINHEIT SOLLTE DIE WIEDERVEREINIGUNG AUSRUFEN DEN AUSTRITT AUS EG, NATO UND WARSCHAUER PAKT ERKLÄREN. DIESE NACHRICHT WIRD BISHER NOCH VON REGIERUNGSSPRECHERN DER BRD UND DER DDR DEMENTIERT."

"Ob jetzt wohl einige Leute in Washington und Moskau knobeln, wer den Boß wecken muß?"

Die beiden Männer in der vollautomatischen Sendestation schlugen sich bei dieser Vorstellung vor Vergnügen auf die Schenkel. Dann legten sie noch einen Bekennerbrief des Kommandos '30. Februar' auf das Wartungspult und stellten eine Zeituhr auf einen Viertelstundenrhythmus.

"So, jetzt aber nichts wie weg hier!"

*

"Spaßguerillas," unterbrach Joan, "sind das die Leute, die die Ministersessel im Bonner Parlament mit Atomkleber präparierten, um zu zeigen, wie sehr die Politiker an ihren Posten 'kleben'?"

Wilson nickte zustimmend: "Ganz recht, das war eine typische Aktion dieser Gruppe. Von anderen Gruppen wurden jedoch auch Banküberfälle durchgeführt, um Geld für den Ausbau des technischen Bereichs organisieren zu können.

Ein Team von kritischen Wissenschaftlern der verschiedensten Disziplinen baute mit der Zeit an einem bis heute geheimgehaltenen Ort ein Computerzentrum auf und leitete von dort aus die Einsätze der einzelnen Zellen der 'Rainbow'-Organisation. Außerdem arbeitet hier eine andere Gruppe von Spezialisten, die Hacker! Sie sind neben den Spaßguerillas die stärksten Sympathieträger in der Bevölkerung. Das liegt hauptsächlich an ihrer Praxis, die Computer der Sozialämter 'zu besuchen'.

Das erklärte Ziel von 'Rainbow' ist es, Timothy Learys Traum von S.M.I.L.E. zu verwirklichen. Also Auswanderung ins All, diese Phase wird durch den Bau der 'O'Neill' bereits eingeleitet, Intelligenzsteigerung und Lebensverlängerung. An dem Erreichen der beiden letzten Ziele arbeiten unsere Wissenschaftler zur Zeit noch. Wenn sie Erfolg haben, wird es uns gelingen, die Knechtschaft der Konzerne zu brechen und selbstbestimmte, verantwortungsbewußte Menschen heranwachsen zu lassen mit Freizügigkeit und Freiheit im Weltraum und auf der Erde. Die 'O'Neill' wird uns die materielle Basis dazu verschaffen, Sie sehen, Joan, wir haben schon einiges aufgebaut."

"Welche Aufgabe haben Sie mir zugedacht? Piet sprach von Computerprogrammen, die ich erstellen sollte."

Hier schaltete sich wieder Inez Perrez ein: "Das ist richtig Schw¼ Joan." Sie ließ das Wort Schwester absichtlich aus, um Joan zu zeigen, daß es auch ohne Wilsons Rituale ging. Inez wurde ihr langsam sympathischer. "Wir brauchen Fachkräfte wie Sie. Wir möchten Sie gern zur 'O'Neill' schicken, da dort das Zentrum des Widerstands im All liegt. Sie werden dort mit Leuten zusammentreffen, die schon eine Menge Vorarbeit auf dem Gebiet der verdeckten Kommunikation geleistet haben. Sind Sie bereit für diesen Schritt?"

"Diese Bereitschaft habe ich schon durch meinen Beitritt deutlich gemacht, aber wie wollen Sie meine Reise offiziell erklären?" gab Joan die Frage zurück. "Das ist kein Problem," erwiderte die stellvertretende Sicherheitschefin, "Sie müssen ohnehin demnächst zum Habitat, um sich mit den dortigen Experten intensiv auszutauschen. Ich habe den günstigsten Termin bereits herausgesucht; übermorgen soll es sein. Hier kann jetzt alles ohne Sie weiterlaufen. Sind Sie einverstanden?"

Joan antwortete spontan: "Natürlich, ich freue mich schon darauf, endlich das Habitat kennenzulernen."

Wilson wollte noch etwas sagen, aber Piet erhob sich und kam ihm zuvor: "Ich glaube, wir sollten Joan jetzt eine Pause gönnen. Außerdem hat sie bestimmt einige Vorbereitungen für ihre Abreise zu treffen. Wenn also keine weiteren Fragen offen sind, sollten wir sie in ihre Kabine gehen lassen."

Joan sah ihn dankbar an. Die Folgen der Injektion machten sich bei ihr in Form von Müdigkeit und Schlappheit bemerkbar. Die drei Verschwörer verabschiedeten sich von der jungen Frau in dem Bewußtsein, ein wertvolles Mitglied im Kampf für einen freien Weltraum gewonnen zu haben.

*

"Wenn die Herrschenden von Frieden reden, dann meinen sie Krieg." (B. Brecht)

Durch den verbrecherischen Rüstungswahnsinn und durch die anhaltende Sabotage des Projekts 'Weltraumbesiedelung' aus blinder Profitgier ist unser Grundrecht auf Leben tödlich mißachtet worden.

Wir müssen aus der bedrückenden Enge der Erde ausbrechen. Wir müssen andere Planeten kolonisieren und künstliche Welten bauen. Wir müssen unsere Eier schleunigst auf möglichst viele Nester verteilen, dann wird die Chance geringer, daß wir alle durch einen Zufall - einen wahnsinnigen Fanatiker, einen freigesetzten, synthetischen Todesvirus, einen Kometen oder eine Nova - ausgelöscht werden.

Hiermit erklären wir unsere Verpflichtungen den Staaten gegenüber für erloschen. Nationalismus ist im Zeitalter der Kernwaffen und Weltraumhabitate zu einer Phantasie der Ewiggestrigen geworden. Wir erkennen nur noch eine Loyalität an: der Spezies Mensch gegenüber.

Wenn der Tod - atomar oder anders - immer wahrscheinlicher wird, dann haben wir die Pflicht, für das Leben zu kämpfen!

Gruppe 'U.N. Gehorsam'

Diese Nachricht wurde in das internationale Sat-Netz eingespeist und verbreitet. Der Ursprung dieser Nachricht konnte von den zuständigen Behörden nicht ermittelt werden.

*

Zwei Erdtage später brachte Piet Dankert Joan mit einem Buggy nach Port Armstrong. Er mußte dort sowieso noch Nachschubgüter und dringend benötigte Ersatzteile abholen, dadurch gewann Joan einen halben Tag Urlaub und wollte sich in der Hauptbasis umsehen. Nach ihrer Ankunft verabschiedeten sie sich bei einem Drink im 'Stardust'.

Anschließend besuchte sie die Attraktion der Basis: Das neue Wellenbad! Sie stürzte sich begeistert in das Naß. Die Wellen waren abnorm hoch und sehr langsam. Nach einigen zeitlupenartigen Sprüngen hatte sie den Trick heraus und sprang in die Wellenkämme, oder, als das langweilig wurde, in die Wellentäler. Mit wachsendem Mut probierte sie nacheinander das 10, 20 und 30m Sprungbrett aus, mit dem Erfolg, daß sie jeden Respekt vor Höhe in lunarer Umgebung verlor.

Als sie zum Abschied noch einige Minuten die badenden Pioniere beobachtete, wurde ihr klar, wieso die Raumpsychologen diese doch sehr teure Anlage durchgesetzt hatten; sie fühlte sich äußerst beschwingt und ausgefüllt.

Sie machte sich auf den Weg zur Außenschleuse und meldete sich zur Einschiffung.

Nachdem die Formalitäten erledigt waren, stieg Joan in ihren Raumanzug und fuhr mit dem Bus die bekannte Strecke zur Fähre. (Das Raumschiff sieht aus wie eine überdimensionale, unregelmäßige Spinne. Ihre Form spottet allen Gesetzen der Aerodynamik, aber sie wird ja auch nie eine Atmosphäre kennenlernen.) An Bord der Fähre legte sie ihren Raumanzug ab. Etwa 20 Passagiere saßen schon auf ihren Plätzen. Da die letzten Startvorbreitungen schon im Gange waren, begab sie sich zügig zu ihrem Platz und schnallte sich an. Der Start erfolgte ohne Zwischenfälle und war nur durch einen milden Andruck spürbar.

Jetzt erst wandte Joan sich ihrem Nachbarn zu und blickte in das lachende Gesicht von Pepe, dem skandinavischen Spezialisten für ultragekühlte, supraleitende Magnete. "Joan, welch angenehme Überraschung. Haben Sie etwa schon Bleisohlen-Urlaub?" Auch Joan war erfreut über die Aussicht, den ca. fünf Stunden dauernden Flug zur L5 in so angenehmer Gesellschaft zu verbringen.

"Nein, leider noch nicht," erwiderte sie, "ich muß dienstlich zur 'O'Neill'. Doch es scheint, Ihr Zählen hat geholfen."

Pepe begann sofort, begeistert von seinem bevorstehenden Urlaub zu schwärmen. "Ich fliege in meine Heimat, Nordschweden," erzählte er. "Dort haben wir noch einige echte Wälder, sogar ein paar Elche gibt es noch. Ich habe dort eine Jagdhütte an einem kleinen See, selbstverständlich ist eine Sauna eingebaut. Sollten wir je zur gleichen Zeit auf der Erde sein, müssen Sie mich dort unbedingt besuchen."

"Das wird wohl kaum geschehen, solange wir so verschiedene Dienstzeiten haben", erwiderte Joan. Sie plauderten angeregt weiter und spielten später eine Partie 'Stardiggers', das Erfolgscomputerspiel aus den 80ern, als die damals neuen Mikroprozessoren und Heimcomputer sich allgemein durchsetzten. Infolge eines sehr glücklich gewonnenen Gefechts mit einem Raumpiraten und durch ebenso glückliche Galaktaniumfunde auf einem ihrer Planeten konnte sich Joan gegen den geschickt spielenden Pepe behaupten.

*

"Investieren Sie in die 'Weltraumerschließungsgesellschaft'!

Satelliten-Sonnenenergie und Industrien in der Umlaufbahn sind langfristig todsichere Investitionen mit hoher Rendite. Damit nicht genug. Indem Sie sich jetzt ein Aktienpaket sichern, erhalten Sie ein Vorkaufsrecht für ein Grundstück auf einem der neuen Habitate. Sorgen Sie für Sicherheit für Ihre Familie. Wissen Sie, was in den nächsten zehn Jahren auf der Erde passieren wird?

Diese Habitate sind nicht nur sicher im Falle einer Katastrophe oder eines Nuklearkrieges, sie sind auch bequem und luxuriös. Wählen Sie Ihr Klima! Sie lieben die Tropen? Kein Problem, auch wenn Ihr Nachbar es kühler vorzieht. Es ist alles nur eine Frage der richtigen Einstellung der Sonnenspiegel."

Werbeprospekt der 'Weltraumerschließungsgesellschaft'

*

Nach, wie es Joan schien, erstaunlich kurzer Zeit informierte der Pilot seine Passagiere darüber, daß Sichtkontakt zur 'O'Neill' bestand. Joan sah aus dem Fährenfenster. Im grellen Sonnenlicht sah sie ein riesiges Stahlgerippe blinken. Kilometerweit ragte ein Geflecht aus Trägern und Leitungen wie ein kosmisches Spinnennetz in den freien Raum.

Bei näherem Hinsehen bemerkte sie, daß das Gebilde entfernt der Form eines überdimemsionalen Zylinders ähnelte. Die ihr abgewandte Kopfseite des Zylinders sowie die ersten paar hundert Meter des Körpers erschienen ihr bereits weitgehend fertiggestellt. Der Körper machte dort einen schon recht soliden Eindruck. Weiter von der Kopffläche entfernt wandelte sich die Konsistenz immer mehr; Stellen, an denen die Außenhaut noch nicht befestigt war, ließen die Konstruktion hier löchrig erscheinen. Im weiteren Verlauf wies die Station nur noch frei im Raum hängende Träger auf. Einige Kilometer von der Baustelle entfernt schwebten einzeln, verteilt, weder mit der 'O'Neill' noch untereinander verbunden, mehrere unregelmäßig geformte und wesentlich kleinere Körper. Diese schienen planlos aus Treibstofftanks und anderen Teilen zusammengesetzt. Joan vermutete, daß es sich um Wohnquartiere, Labors, Werkstätten oder Lager handelte. Gierig zur Sonne hin ausgerichtet sah sie überall die blanken Flächen unzähliger Sonnenpaddel.

Pepe erzählte über das Problem Mikromüll, Werkzeuge, Schleifstaub etc. und die daraus erwachsende Gefahr für die Weltraumfahrt, doch Joan war viel zu gefesselt von dem phantastischen Bild, das sich ihnen darbot, um dem Monolog zuzuhören. Als die Fähre langsam näher an die 'O'Neill' heranschwebte, bemerkte sie erst die winzigen Gestalten in Raumanzügen, die wie Insekten um eine Straßenlaterne bei Nacht, um die Baustelle herumschwebten und ihren verschiedenen Tätigkeiten nachgingen. Fasziniert durch den Wechsel der Perspektive nahm sie jetzt erst die wirkliche Größe dieses metallgewordenen Traumes wahr.

Es war ein überwältigender Anblick und sie immer noch darin versunken, als der Pilot das Ende des Andockmanövers bekanntgab. Joan verabschiedete sich herzlich von Pepe und wünschte ihm einen erholsamen Urlaub. Dann ging sie zur Schleuse und verließ die Fähre. In der riesigen, trostlos leeren Empfangshalle wurde sie von einer dunkelhäutigen, jungen Frau empfangen. "Miß Kendall? Mein Name ist Anja Mbwele. Ich habe den Auftrag, Sie zu Mr. MacIntosh, unserem Leiter der Flugkoordination, zu bringen." Joans Herz schlug schneller; MacIntosh war der Name ihres Kontaktmannes.

*

"Ich mache nicht mehr mit, Charly, nicht bei so was. Hier ist mein Abschiedsgesuch, und ich gehe hier nicht raus, bevor Du das befürwortet hast!"

Charles Walters, der es bis zum Zwei-Sterne-General der US-Space Force gebracht hatte, seufzte leise vor sich hin, doch sein alter Freund Mac war nicht zu bremsen.

"Als ich von der Air Force zur NASA wechselte, wollte ich mit dem ganzen Millitärkram nichts mehr zu tun haben. Ich arbeitete an einem Programm zur friedlichen Nutzung des Weltraums. Dann wurden wir plötzlich der Space Force unterstellt. Und jetzt soll auch mein Programm zur Verbesserung von Ionen-Triebwerken gestrichen werden, und ich soll wieder Kampfeinsätze fliegen. Nein, Herrschaften, ohne mich! Ich habe die Schnauze voll von Eurer Moral. Ich werde keinen mehr für Euch ermorden"

"Brüll doch nicht so laut, Mac. Es könnte Dich jemand hören. Natürlich werde ich Dein Gesuch befürworten, aber paß in Zukunft bitte auf, was Du redest. Du kommst sonst in Teufels Küche."

"Scheiß drauf, ich werde mich bei der Weltraumerschließungsgesellschaft bewerben. Auf die werdet Ihr ja hoffentlich keinen Einfluß nehmen können!"

Wütend stürmte MacIntosh aus dem Office des Generals und knallte die Tür hinter sich zu.

 

"Every exit is an entry somewhere else."

(Tom Stoppard)

 

- 2 -

Wizard leistete Trauerarbeit. Er hatte die Leitung der Bar abgegeben, sich weitgehend von den Menschen zurückgezogen und meditierte viel.

*

"Heute wieder von Gunilla geträumt, einzelne der Bilder von ihrem Tod kamen hoch.

Ich habe Angst. Morgens im Bett 'Wheel of Death' gelesen. Es geht nur durch den Kopf.

Karte des Tages: The Fool.

Meditation: Der Bodhi-Baum, 45 Minuten, acht Aussetzer. Ich mache Fortschritte.

Merkwürdige Begebenheit: In der Stadt streifte ich eine Hausfrau versehentlich. Geistig sah ich ihren Sohn-Junkie. Er wird übermorgen sterben."

Auszug aus Wizards magischem Tagebuch

*

Der Wizard saß an seinem Schreibtisch über der lange vernachlässigten Buchführung der Bar. Auch wenn er diesen Rick eingestellt hatte, entband ihn das nicht von der Notwendigkeit, die Bücher zu führen. Rick vertrat ihn zwar ausgezeichnet hinter dem Tresen, doch von Finanzbuchhaltung und vernünftiger Lagerhaltung hatte er keine Ahnung. Mitten in seine Gedanken hinein schrillte die Türglocke. Wizard sah unwillig von seiner Arbeit auf; er erwartete niemanden und konnte sich auch nicht vorstellen, wer ihn besuchen sollte.

Seufzend erhob er sich von seinem Schreibtisch, durchquerte das Zimmer und öffnete die Tür. Vor ihm stand ein ihm unbekannter Mann. Er war schmächtig, dunkelhaarig und trug einen weißen Anzug mit Panamahut, den er nach Mickey-Spillane-Art tief ins Gesicht gezogen hatte.

"Entschuldigen Sie bitte die Störung", sagte der Fremde, "ich bin ein Bekannter von Gunilla Svensson. Mein Name ist Miller."

"Miller heißen Sie, so, so", murmelte der Wizard zweifelnd. "Na, wenn Sie schon mal da sind, können Sie auch genauso gut hereinkommen."

Er spürte zwar eine gewisse Spannung und karmische Dynamik, aber keine unmittelbare Gefahr. "Setzen Sie sich doch, wie wäre es mit einem Tee? Sie wollen doch sicherlich länger mit mir reden, und ich selbst hätte gerne einen Tee beim Plaudern." Der andere versuchte die Andeutung eines schüchternen Lächelns und sagte: "Wenn es Ihnen keine Umstände bereitet. Ich bin nämlich extra für dieses Gespräch heute erst angereist und leide doch sehr unter der Hitze hier; ich schwitze stark und muß viel trinken."

Nachdem der Besucher Platz genommen hatte, wandte Wizard sich wortlos ab und ging in die Küche, um Wasser aufzusetzen. (Ich hab' es gewußt. Eines Tages würden sie auftauchen. Jetzt muß ich mich wohl entscheiden; aber habe ich das nicht schon damals, als wir die Informationen bekamen?) Er hantierte weiter in der Küche herum, wollte Zeit gewinnen, um sich auf das Gespräch mit dem Agenten einzustellen. Dann kochte das Wasser, er goß den Tee auf, stellte die Kanne auf das vorbereitete Tablett und ging ins Wohnzimmer zurück.

Miller stand mit dem Rücken zu ihm vor dem Bücherregal. Er war so sehr in das Studium der Buchtitel versunken, daß er Wizards Rückkehr in das Zimmer nicht bemerkte. "Interessieren Sie sich für Magie, Mr. Miller? Ich habe noch sehr viele Bücher über Grenzwissenschaften und verwandte Gebiete im Schlafzimmer. Ich führe Sie gerne herum."

Miller deutete eine unbestimmbar vage Handbewegung an: "Es ist eine beeindruckende Sammlung, die Sie hier stehen haben. Ich selbst verstehe nichts davon, aber einer meiner Freunde ist Spezialist auf diesem Gebiet und von daher kenne ich einige der Autoren dem Namen nach. Ich komme gerade von ihm. Er war einer der Leute, die Ihre Cassette ausgewertet haben. Er bat mich, darauf zu achten, ob ich bei Ihnen Literatur von Eliphas Levi, McGregor Mathers, Crowley, Whaite, Gurdjieff etc. finden würde. Sie sehen, ich spiele mit offenen Karten. Mein Freund. Mr. Jim Garfield, möchte Sie gern kennenlernen, wenn Sie einverstanden sind. Er sagt, Sie hätten etwas vollbracht, das er nie gewagt hätte, und er möchte sehr gern mit Ihnen darüber sprechen."

*

'Life and Leisure' 7/1997

Rätselhaftes Verschwinden des Sanskritforschers Garfield in Tibet! Am letzten Donnerstag um 16:27 Uhr Ortszeit kam der letzte Suchtrupp abgekämpft und halb erfroren aus dem Hochgebirge zurück. Mit ihrer Rückkehr ist auch die letzte Hoffnung erloschen, Jim Garfield noch lebend zu finden.

Seit vier Wochen haben internationale Alpinistenteams und Eliteeinheiten der chinesischen Armee fieberhaft nach dem Wissenschaftler gesucht. Er war unterwegs, um das alte Kloster 'Dharma' im Tanglar-Gebirge zu besuchen. Vor einem Monat fanden Reisende in der Nähe des Tanglar-Passes die verlassenen Fahrzeuge der Expedition. Von Jim Garfield und den ihn begleitenden Tibetern fehlt seitdem jede Spur. Die chinesischen Behörden können sich das Verschwinden der Gruppe nicht erklären.

*

"Garfield, doch nicht etwa DER Jim Garfield; er ist doch seit seiner letzten Tibetexpedition verschollen und für tot erklärt worden."

"Stimmt", nickte Miller, "offiziell! Es war so für ihn am einfachsten, seinen, äh, Stellenwechsel zu bewerkstelligen." Wizard sah die Organisation plötzlich mit ganz anderen Augen an. (Garfield, der macht da mit. Dann muß wohl doch einiges daran sein an dieser Rainbow-Geschichte. Das war allerdings auch zu erwarten, da Gunilla dort mitgemischt hat. Komisch, daß ich früher nie etwas von dieser Gruppe gehört habe. Vermutlich war meine Abneigung gegen Politik und Politiker und mein Beharren auf einem inneren Weg ein schlichtes Vorurteil.) Er schenkte den Tee ein, und bald waren die beiden so verschiedenen Männer in ein intensives Gespräch vertieft.

Die Cassette hatte in der Zelle viel Wirbel ausgelöst. Als erstes wurden die Informationen auf Stichhaltigkeit geprüft. Dies war nicht einfach, da Henderson seine Unternehmungen sehr gut abgeschirmt hatte. Als nach und nach die Bestätigungen einliefen, wurde man zuerst mißtrauisch. Wie, so fragten sich die Verschwörer, kommt ein, nach Gunillas Worten, völlig Außenstehender an solche Informationen? Erst nachdem Jim Garfield eingeschaltet worden war, entschloß sich die Zelle, Kontakt zu Wizard aufzunehmen. Er, Miller, wurde beauftragt, diesen Kontakt herzustellen und ihn zu fragen, ob er mit der Rainbow-Gruppe zusammenarbeiten wollte.

Der Wizard blickte auf den Boden, dann richtete er sich in seinem Sessel auf und sah Miller in die Augen. "Ich habe mich schon ein paar Mal mit diesem Gedanken beschäftigt. Gunilla und ich haben auch schon darüber gesprochen, aber bisher habe ich mich eher als Schamane denn als Politiker gesehen, oder, um mit Arthur Köstler zu reden, eher als Jogi denn als Kommissar", erwiderte der Wizard und nippte an seinem Tee. "Aber Sie haben mich neugierig gemacht, Mister Miller. Ich will Ihre Leute treffen. Ich gebe viel auf den persönlichen Eindruck. Okay?" (Gunilla, die Würfel sind gefallen. Ich werde mein Karma annehmen und Deinen/Unseren Weg zu Ende gehen. Wizard, alter Junge, aufgepaßt! Bloß nicht sentimental werden.)

Miller lächelte erleichtert, sein schüchternes Auftreten fiel wie eine Schale von ihm ab, und streckte Wizard spontan die Hand entgegen: "Das freut mich, Herr Schulz. Meine Auftraggeber legen großen Wert darauf, Sie persönlich zu sprechen."

Der Wizard lächelte zurück: "Das beruht auf Gegenseitigkeit. Wann ist das möglich?", fragte er.

Miller hüstelte und kam auf den springenden Punkt zu sprechen: "Da ist noch eine unangenehme Formalität zu erfüllen. Ich muß einen Wahrheitsdrogentest mit Ihnen durchführen."

Wizard sah ihn zuerst verblüfft an und begann dann zu lachen. "Aber ich bitte Sie, Mr. 'Miller'. Sie tun doch nur Ihre Pflicht. Auch mir liegt ab sofort die Sicherheit der Zelle am Herzen."

Miller griff in die Innentasche seines Jacketts und holte ein kleines, schwarzes Etui heraus. Er öffnete es und begann, das darin liegende Spritzbesteck zusammenzusetzen. Er sägte eine Ampulle 'Reine Wahrheit' auf, brach die Kappe ab und zog die farblose Flüssigkeit durch die Nadel in den Kolben. Er sagte zu Wizard: "Krempeln Sie bitte den Ärmel auf!" dann band er dessen Arm ab und spritze ihm die Droge in eine Vene des rechten Arms, Er lehnte sich zurück und bat den Wizard, sich zu entspannen. Dieser war schon dabei und konzentrierte sich in den nächsten Minuten sehr intensiv auf seinen Körper. Er hatte den Sessel verlassen, den Lotus-Sitz eingenommen, die Augen geschlossen und atmete tief und regelmäßig durch die Nase. Dann begann er zu sprechen.

"Sagen Sie, Mr. Miller, wie wirkt das Zeug? Ich spüre nämlich nichts. Sind Sie sicher, daß es genug war? Die Spritze kam mir doch etwas klein vor." Miller verzog die Lippen in der Andeutung eines wissenden Lächelns. "Keine Sorge, Herr Schulz, das wird schon. Erzählen Sie mir doch in der Zwischenzeit Ihren Lebenslauf."

"Wozu denn, Mr. Miller, den kennen Sie doch besser als ich. Haben Sie in diesem Zusammenhang meine Filme gesehen? Ich war doch ein passabler Karate-Kämpfer, oder finden Sie nicht?" Miller wurde jetzt sichtlich nervös und setzte sich aufrecht hin. "Äh, wie fühlen Sie sich, Herr Schulz," fragte er. Der Wizard kicherte albern: "Sehr gut. Ich sitze hier entspannt auf dem Boden und unterhalte mich mit Ihnen. Wie haben Ihnen denn nun meine Filme gefallen?"

"Ja, ja, ganz gut. Sagen Sie, wie haben Sie eigentlich Gunilla kennengelernt?" Jetzt lachte der Wizard laut. "Entschuldigen Sie, Mr. Miller, aber machen wir der Farce ein Ende. Ihr Zeug wirkt nicht bei mir. Ich hab seit Gunillas Tod sehr viel meditiert und meinen Körper beherrschen gelernt, außerdem habe ich mich verstärkt mit magischer Selbstverteidigung beschäftigt. Nicht nur Ihre Droge ist bei mir wirkungslos, sondern auch ganz andere Verhörtechniken. So kann ich z.B. mein Schmerzempfinden auf ein Minimum reduzieren, und das über eine längere Zeitspanne hinweg. Vergessen Sie nicht, daß ich jahrelang in Japan in verschiedenen Zen-Klostern Körperkontrolle gelernt habe. Ich könnte auch eine größere Menge Gift, wie z.B. Arsen oder Zyankali aus meinem Kreislauf entfernen. Sprechen Sie mit Jim Garfield darüber. Er wird Ihnen bestätigen, daß solche Dinge möglich sind. Mit ihm zusammen hoffe ich, diese Möglichkeiten noch auszubauen, sogar für jedermann erlernbar zu machen."

Miller starrte ihn fassungslos an. "Aber das ist doch nicht möglich, Sie¼ , so etwas ist unmöglich!" Der erfahrene Agent wirkte fassungslos, schien das Offensichtliche nicht glauben zu wollen, doch als Profi hatte er sich schnell wieder in der Gewalt. "Nun gut, dann muß ich eben passen. Mal hören, was die anderen dazu sagen. Ich komme Sie dann morgen mittag abholen. Passen Sie bis dahin auf sich auf¼ Blödsinn, wer könnte das wohl besser als Sie?" Mit diesen Worten stand er auf, nahm er sich seinen Hut und verließ eilig diese ihm unheimliche Stätte. Wizard schmunzelte amüsiert hinter ihm her und räumte dann den Tisch ab. (Jim Garfield, mit dem zusammen muß eine Menge zu erreichen sein.)

*

"Was sagst Du da? Er ist resistent gegen Wahrheitsdrogen? Dann muß er beseitigt werden. Er weiß zuviel!"

Miller saß auf seinem Stuhl vor den Leitern seiner Zelle. Er hatte seinen Bericht abgegeben und wartete auf weitere Anweisungen. Nr.1 hatte wie erwartet auf seine Worte reagiert. Ihm war dieser Mensch aufgrund seiner schnellen und oft radikalen Entscheidungen unheimlich. Jetzt meldete sich Nr.4 zu Wort.

"Ich bin anderer Meinung. Der Bericht des Agenten Miller bestätigt meine Vermutungen. Dieser Mann kann offenbar in irgendeiner Weise Magie benutzen und klare Antworten erhalten. Das ist ausgesprochen wichtig für uns. Unsere Schwäche liegt im Bereich der Aufklärung, und hier bekommen wir eine zusätzliche Informationsquelle frei Haus geliefert. Ich bin dafür, ihn zu rekrutieren. Mit ihm erhöht sich unsere Schlagkraft erheblich. Ich will ihn kennenlernen und werde gegebenenfalIs selbst für ihn bürgen!"

Ein Murmeln lief durch den Raum. Miller wußte, daß Nr.4 hohes Ansehen in der Versammlung genoß. Aber auch einer wie er konnte tödliche Fehler machen.

"Ich plädiere weiterhin für seinen Tod. So einen Mann kann keiner von uns unter Kontrolle halten, auch Du nicht, Jim! Er muß sterben, das Risiko ist zu groß. Das ist meine Meinung, tut mir leid, Jim. Laßt uns abstimmen!"

Miller stand auf und sammelte in einer Schale die Stimmzettel der Verschwörer ein. Dann wurden sie vom Vorsitzenden ausgezählt. Er erhob er mit unbewegter Miene von seinem Sessel und verkündete das Ergebnis der Abstimmung.

"Mit 4 zu 1 Stimmen wurde der Vorschlag von Nr.4 angenommen. Ich bin zwar dagegen, aber so soll es sein. Jim, Du trägst die Verantwortung, sorge bitte dafür, daß er nicht mehr als unbedingt erforderlich erfährt."

*

Als Miller am nächsten Tag an Wizards Tür läutete, hatte dieser gerade seine Tai-Chi-Übungen beendet. Er fühlte sich frisch und ausgeruht, da er fast die ganze Nacht damit verbracht hatte, sich durch Meditation und magische Schutzmaßnahmen auf das bevorstehende Gespräch vorzubereiten. Miller wirkte nervös, und der Wizard spürte die Anspannung des Agenten fast körperlich. "Bitte, Herr Schulz, beeilen Sie sich. Ich möchte diesen Auftrag so schnell als möglich hinter mich bringen."

Wizard sah ihm offen in die Augen und sagte spöttisch: "Was ist los, Miller? Werden Sie verfolgt, oder glauben Sie, ich werde Sie in ein Kaninchen verwandeln?"

Er folgte dem Mann, der ihn zu Jim Garfield führen sollte, hinunter in das wartende Taxi. Sie fuhren in den alten Teil der kleinen Stadt, der ein Labyrinth aus verwinkelten Straßen und Gäßchen bildete, geradezu ideal, um etwaige Verfolger zu erkennen und abzuschütteln. Plötzlich sagte Miller, der die ganze Zeit über schweigend dagesessen hatte: "Gleich werden Sie den Wagen wechseln, bitte haben Sie Verständnis dafür."

Der Wizard amüsierte sich köstlich über das konspirative Gehabe. Als der Wagen hinter einer Kurve hielt, riß er doch die Tür auf und sprang in den Fond des Autos, das mit offenem Wagenschlag neben ihnen am Straßenrand stand. Das Taxi fuhr sofort weiter, und der Wizard konnte sehen, wie eine Puppe seinen Platz einnahm, so daß etwaige Verfolger glauben mußten, es säßen noch immer zwei Männer im Fond der Taxe. Nach einigen Minuten fuhren sie weiter, und die Zeremonie wiederholte sich noch zweimal. Die Fahrer der Wagen sprachen kein Wort mit ihm, sie reagierten nicht einmal auf seinen Gruß.

Endlich, nach einer guten halben Stunde, erreichte der Mystiker sein Ziel. Sie befanden sich in einem der halbfertigen Neubauviertel und hielten in einer verlassenen Tiefgarage. Hier erwartete ihn ein Mann, der so gütig aussah wie der Märchenonkel aus dem Sonntagsvormittags-Programm des Senders "Babys Delight". Dieser gütige Mann führte ihn nach Abfahrt des letzten Taxis durch ein schier endlos wirkendes kahles Treppenhaus in einen großen, unpersönlichen Raum, in dem ihn fünf mit Kapuzen maskierte Männer und Frauen erwarteten.

Sie saßen hinter einer Art halbrunder Theke, und einer von ihnen bedeutete dem Wizard mit einer Handbewegung, sich auf den Stuhl vor ihnen zu setzen. Der Suchende, der sich zum Verschwörer wandeln wollte, entspannte sich und öffnete sich den Gefühlen der vor ihm Sitzenden. Er spürte Mißtrauen und Skepsis, Hoffnung und Fanatismus, aber auch Neugier. Hoffnung und Neugier gingen besonders stark von dem Mann, der in der Mitte saß, aus, und der Wizard konzentrierte sich mehr auf diesen. Als habe er es gespürt, nahm dieser plötzlich die Kapuze ab, und Wizard erkannte Jim Garfield. (Jesus Christus auf dem Motorrad, er ist es! Wie war das noch? Buddhismus- und Okkultismusexperte, bekanntgeworden durch seine Arbeit über den indischen Seiltrick und viele Übersetzungen tibetanischer und ceylonesischer religiöser Texte¼ )

Sie sahen sich an, und beide spürten eine Kraft in sich, die vom anderen auszugehen schien. Die anderen vier Personen waren ausgeschlossen. Beide Mystiker nahmen das wachsende Mißtrauen wahr, die der Angst entspringende Abwehr. Da begann Garfield zu sprechen: "Willkommen, Bruder," sagte er, "da uns Psychodrogen bei Dir nicht weiterhelfen, habe ich die Überprüfungsfunktion übernommen. Willkommen, sage ich, und ich meine es. Wir, pardon, ich bin froh, daß Du da bist. Meine eigene, bescheidene Kraft reichte nicht aus, zu tun, was Du gewagt hast. Doch nun laß uns darüber sprechen, ob es den Prinzipien der Magie entspricht, was wir hier tun."

Wizard sah ihn an, wartete bewußt einige Sekunden, um Dramatik aufzubauen, und begann dann laut zu lachen: "Weißt Du, wie man sich auf dem Weg hierher verhalten hat? Wie in einem schlechten Spionagefilm! Alle paar Sekunden haben wir das Fahrzeug gewechselt, keiner der Fahrer hat auch nur "Guten Tag" gesagt. Alles nur, weil sie Dir nicht glauben, was Du ihnen sagst."

Auch Garfield lachte jetzt: "Damit nicht genug, zehn Leute schirmen das Gebäude nach außen hin ab."

"Was befürchten die denn, ein Bataillon Fallschirmjäger? Ich versichere Dir, ich wurde nicht verfolgt, und ich wurde in den letzten Wochen nur von Euch beschattet, das habe ich gespürt. Nun gut," sagte der Wizard mit einer wegwischenden Handbewegung, "wie geht es weiter?"

Garfield sah ihn an. "Wir müssen mehr über Hendersons Pläne erfahren, und, die allerwichtigste Frage, dürfen wir die Magie für die Zwecke der Politik einsetzen?"

Wizard blickte überrascht auf: "Ich denke, Ihr habt das Band ausgewertet. Diese Frage ist dort doch von 'höherer Stelle' beantwortet worden, wie immer man diese Stelle nennen will, ob Schutzengel, kollektives Unbewußtes oder kosmische Zufallskontrollzentrale. Vor eigennützigen Zielen wurde gewarnt. Ist es Eure Befürchtung, daß das Ganze hier eigennützigen Zielen dienen könnte? Dann sollten zumindest wir beide hier schnellstens verschwinden."

Garfield sah ihn ernst an, und Wizard spürte eine gewisse Besorgnis mitschwingen, als er sagte: "Zumindest sollten wir versuchen, sicherzustellen, daß so etwas nicht passieren kann." Wizard nickte zustimmend und beobachtete wachsam die anderen Männer und Frauen. Diese wurden allmählich unruhig und mißtrauisch. Er wandte sich deshalb direkt an sie: "Diese Fachsimpelei muß Sie langweilen und verwirren, darum schlage ich vor, daß Sie sich jetzt entscheiden, ob Sie Jim Garfield vertrauen wollen oder nicht. Eine andere Möglichkeit zur Zusammenarbeit sehe ich nicht, Sollten Sie ihm nicht ausreichend vertrauen, um Ihre Vorurteile mir und meinen Fähigkeiten gegenüber abzubauen, vergessen wir das Ganze, und ich verschwinde." Er hatte damit offenbar einen wunden Punkt getroffen, denn die maskierten Männer und Frauen wurden unruhig. Einer von Ihnen stand auf und sagte: "Sie haben recht, wir sollten ihm und Ihnen vertrauen. Eine andere Möglichkeit gibt es für uns wirklich nicht. Sie sind vorläufig aufgenommen." Jim Garfield nickte und sagte: "Nochmals willkommen, Wizard, laß uns in unsere örtliche Zentrale fahren. Dort können wir die nächsten Schritte besprechen."

*

Unterwegs im Mietwagen von Ibiza-Stadt nach Santa Eulalia fragte Garfield, der offensichtlich keine Zeit verlieren wollte: "Ich weiß, daß Crowley den Begriff 'Heiliger Schutzengel' benutzt hat, aber mir war nie klar, wie wörtlich das zu nehmen ist. Ich kann mir kaum wirklich vorstellen, daß es so etwas wie Schutzengel gibt. Was meinst Du?"

Wizard lächelte seinen Gegenüber unergründlich an. "Mein lieber Freund, je mehr Du versuchst, Dir einen Begriff zu machen, desto weiter entfernst Du Dich von der Sache. Kapleau, der Zen-Meister, sagte einmal: "Deine Gedanken stehen wie eine Mauer zwischen Dir und der Welt." Nun, das hilft Dir nicht weiter. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf Israel Regardie, den früheren Sekretär Crowleys, der in seinem 'The Eye In The Triangle' zu diesem Thema Stellung genommen hat, Er sagt dort sinngemäß Folgendes: Zu allen Zeiten, von den Gnostikern bis zum 'Golden Dawn' oder zur Anthroposophie gab es Gruppen von Menschen, die ein Wissen vom höheren Selbst anstrebten, die Erkenntnis oder Erleuchtung suchten. Diese Gruppen benutzten verschiedene Begriffe. Die Theosophen sagten 'Höheres Selbst' oder 'Großer Meister', die Zen-Buddhisten sagten Satori, der Golden Dawn nannte es 'Genie', die Ägypter 'Asar-Un-Nefer' und die Gnostiker nannten es Logos. ALLE DIESE WORTE MEINEN DASSELBE! Ja, und Crowley wählte den Begriff 'Heiliger Schutzengel', weil er so einfach ist, daß jedes Kind ihn verstehen kann, und weil ALLE Theorien über das Universum absurd sind, und er deshalb eine besonders absurde bevorzugte, wie das so Crowleys Art war."

Garfield runzelte skeptisch die Stirn und versetzte seinen Kopf in eine nachdenklich schwingende Bewegung.

"Lassen wir den theoretischen Teil einmal beiseite und beschränken wir uns auf die praktischen Aspekte der Angelegenheit. Am wichtigsten für die Gruppe ist die Frage, kann diese unglaubliche Geschichte als nachrichtendienstliches Medium benutzt werden? Damit meine ich, ist es zuverlässig genug, um eine Strategie darauf aufzubauen?"

Wizard wog einen Augenblick seine Worte ab und antwortete dann ruhig und bedächtig.

"Ich weiß nur verhältnismäßig wenig über die wirklichen Möglichkeiten der Magie. Doch im Prinzip müßte es möglich sein. Die Ausbildung ist sehr mühsam und langwierig, und außerdem ist MAGICK nicht ungefährlich. Für Magie als Waffe für die Massen sind wir noch längst nicht weit genug. Ich schlage aber ein Meditationsprogramm vor, welches die korrumpierenden Einflüsse von Macht und konspirativer Arbeit auf die Menschen neutralisieren kann. Doch erzähle mir etwas über die Situation Eurer Organisation, dieser 'Rainbow'-Gruppe. Ich will wissen, worauf ich mich einlasse."

Garfield nickte und holte dann weit aus. Er sprach über die Spaltung der Opposition gegen die Allmacht der Konzerne und über die verschiedenen Standpunkte, die die Oppositionsgruppen trennten. Viele Öko-Gruppen hatten Auseinandersetzungen mit 'Rainbow', da sie glaubten, in der Weltraumbesiedelung und besonders im 'Projekt O'Neill' würden zu viele Ressourcen für zu wenige Menschen gebunden. Garfield stellte 'Rainbows' Gegenargument dar: Die Theorie der Stagnation wäre ein Irrtum gewesen. Die Weltraumbesiedelung war notwendig. Investitionen wären nur in der Anfangsphase fällig. Schon bald würden Ressourcen im Überfluß frei. Dieses war Voraussetzung für ein Leben in Freiheit, da nur so ein Ende der Territorial- und Verteilungskämpfe der Menschen erreicht werden konnte. Bei Rainbow herrschte die Auffassung vor, daß nur über Reichtum und Überfluß für alle, also nur durch eine intensive Weltraumbesiedelung, ein System der Freiheit errichtet werden könnte. "Das schwierigste Problem", so schloß Garfield seinen umfangreichen Vortrag, "mit dem wir am Schluß zu kämpfen haben werden, ist die gefährlichste aller Drogen." Der Wizard nicke verständnisvoll. "Die Macht und ihr unheilvoller Einfluß auf die Menschen, die sie ausüben", sagte er.

Garfield fragte Wizard, wie das denn wirklich sei, mit der Erleuchtung, wie sich das anfühle. "Ich habe ja viel darüber gelesen, aber das ist so widersprüchlich, die Erleuchtung als Einssein. Erzähl mit was darüber." Wizard lächelte. "Es existiert dort keine Zeit." Garfield runzelte die Stirn. "Du meinst, Du hast kein Zeitgefühl?" Wizard verneinte mit einer Kopfbewegung. "Nein, es gibt weder Zeit noch Zeitlosigkeit." Garfield wirkte unzufrieden. "Ich weiß nicht, ob ich das verstehe. Hm, und ist es wahr, daß man eins mit allem wird?"

"Fast; eher ist es so, daß ich wieder eins mit allem bin."

*

Auszug aus dem Tagebuch Jim Garfields:

Ich halte diesen Wizard für eine beeindruckende Persönlichkeit. Ich setzte meine ganze Hoffnung auf ihn.

Unsere Lage wird immer schwieriger. Immer mehr Zellen werden gesprengt. Der Gegner hat einen ungeheuer effektiven Sicherheitsdienst. Unsere Leute verschwinden spurlos von heute auf morgen von der Bildfläche.

Nr.1 wird langsam alt. Er ordnet Exekutionen mit immer leichterer Hand an. Er hat Angst vor neuen Wegen. Beinahe hätte er einen großen Fehler gemacht. Tod allem Neuen - die Arroganz der Macht.

Ohne den grundlegenden Wertewandel, den ich mit vorstelle, werden wir unser politisches Ziel nicht erreichen. Weil wir dann, im Ansehen der Bevölkerung, die Anziehungskraft der moralischen Überlegenheit verlieren. Und Wizard, wenn ich ihn nach dem kurzen Gespräch richtig einschätze, ist genau der Mann, um in unserer Organisation diesen Wertewandel durchzusetzen.

*

Ein paar Tage später waren die Vorbereitungen beendet. Garfield und der Wizard hatten sich nicht geschont und in einer, nur von den nötigsten Pausen unterbrochenen, Mammutsitzung ein vorläufiges Programm zur Ausbildung von Adepten in den wichtigsten Grundlagen der mentalen Disziplinen. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem sich ihre Wege trennen sollten. Garfield übernahm die Ausbildung auf der Erde, während der Wizard zur 'O'Neill' fliegen sollte, um die dortige Zentrale durch seine Fähigkeiten zu unterstützen und das Ausbildungsprogramm einzuführen.

Offiziell sollte er als Angestellter der 'Weltraumerschließungsgesellschaft' gelten, der den Auftrag hatte, die juristischen Notwendigkeiten zur Inbetriebnahme des ersten Segments der 'Gerald K. O'Neill' zu überprüfen; eine völlig unsinnige Erklärung. Der Ausweis jedoch sollte an allen Kontrollen akzeptiert werden, was die partielle Blindheit großer Organisationen beleuchtete.

*

"Mache Dir keine Sorgen, Wizard, ich werde hier schon alles so sagen wie wir es besprochen haben. Sieh Du nur zu, daß Du heil da oben ankommst. Du wirst dort sehr bemerkenswerte Menschen treffen, mit denen Du eine Menge erreichen kannst." Garfield fuhr jetzt langsamer und hielt dann neben dem Fährschiff nach Barcelona. Der Wizard stieg aus und nahm seine Reisetasche aus dem Kofferraum des Wagens. Sie enthielt im wesentlichen seine magischen Instrumente und wenige Textilien. Er drückte Garfield die Hand und sah ihm in die Augen. "Mach's gut, Jim, ich bin froh, Dich getroffen zu haben. Bestimmt sehen wir uns irgendwann wieder. Laß uns so gut wie möglich in Verbindung bleiben."

Als er sich abwandte und der Gangway zustrebte, glaubte er einen blonden, jungen Mann zu sehen, der ihn beobachtete. Doch es schien sich um eine Halluzination gehandelt zu haben, denn als er wieder hinsah war der Mann verschwunden.

Der Wizard setzte sich gleich in den Speisesaal des Fährschiffes und wartete geduldig, bis ein Kellner kam und ihn nach seinen Wünschen fragte. Da die Küche erst in einer halben Stunde geöffnet wurde, bestellte er sich ein Mineralwasser. Seine Gedanken kreisten um die Ereignisse der letzten Zeit. Jim und er waren sich schnell darüber klar geworden, daß es zwar wichtig war, die Schüler zu sensibilisieren, doch sollte Garfield nach Frauen und Männern suchen, die sich schon länger mit Magie und Spiritualismus beschäftigten. Er kannte ja aus seiner vorherigen Tätigkeit genug Menschen mit einschlägigen Erfahrungen. Mit zwei Männern in Nepal hatte er schon Kontakt aufgenommen, und sie würden sich in der nächsten Woche in Pokhara treffen.

Da er in den Pausen des Nachdenkens mühelos in den Zustand der Ruhe, des all in alles, gleiten konnte, standen ihm unerschöpfliche Energiereserven zur Verfügung, und so war er während der Reise nie ungeduldig, ängstlich oder angespannt. Ihm fiel auf, daß er in den Phasen, in denen er mit seinem normalen Wachbewußtsein operierte, die anderen Menschen, deren Ängste und Unausgeglichenheit er so deutlich an ihren Verspannungen sehen und durch ihre Auren fühlen konnte, immer mehr mit dem wohlwollenden, jedoch nicht ganz ernst nehmenden Blick eines Erwachsenen gegenüber spielenden Kleinkindern betrachtete.

Von Barcelona nahm er den Zug nach Madrid. Seine Kontaktadresse war nahe des Bahnhofs gelegen und erwies sich als ein kleines Souveniergeschäft. Er ging durch den Verkaufsraum, klopfte an eine Tür und betrat ein Büro. Hier saß ein Mann an einem Computerterminal und sah ihn forschend und mißtrauisch an. Wizard gab wie abgemacht die Parole: "Guten Tag, mein Name ist Celine. Senor Castaneda schickt mich wegen der verlorengegangenen Lieferung von Trachtenfotos."

Das Gesicht des Mannes hellte sich auf, und er sagte: "Senor Celine, ich habe Sie schon erwartet, Mein Name ist Miller, und die Lieferung ist inzwischen angekommen." Er tippte einen Code in sein Terminal und lautlos schwang ein Teil der Wand vor des Wizard zurück. Im Weitergehen konnte Wizard sich die Bemerkung nicht verkneifen: "Oh, Senor Miller, ich glaube, ich habe einen Verwandten von Ihnen auf Ibiza getroffen. Grüßen Sie ihn von mir, wenn Sie ihn treffen sollten." Dann stand er in einem mit medizinischen Geräten vollgestopften Raum und setzte sich in einen bereitstehenden Sessel.

Einen Augenblick später öffnete sich eine Tür ihm gegenüber, und zwei Männer traten ein, an denen dem Mystiker vor allem ihre hektische Art mißfiel. "Guten Tag, Senor Celine, Ich bin Dr. Brown und das ist Dr. Smith. Wir werden mit unseren bescheidenen Mitteln versuchen, Sie in Mr. Blondini aus Neuseeland zu verwandeln. Leider haben wir nur eine Notausrüstung, so daß wir keine Möglichkeit haben, Ihnen neue Fingerabdrücke wachsen zu lassen, geschweige denn, Ihre Netzhautmuster zu ändern. Auch können wir hier keine Stimmbänderoperation durchführen. Doch Ihr Gesicht werden wir mit ein bißchen Silikon verändern und Ihnen mittels Kontaktlinsen eine andere Augenfarbe verpassen. Die Papiere stammen von einem Mann, der bei einem Auftrag verletzt wurde und in einem sicheren Versteck starb. Für Ihre Zwecke sollte die Tarnung ausreichen. Wie steht es mit Ihrem neuseeländischen Akzent?" Wizard bat darum, ihm während der Behandlung Bänder mit dieser Mundart zur Verfügung zu stellen. Er war überzeugt, daß er das Sprachproblem meistern würde.

*

Mike Blondini, Rechtsanwalt aus Christchurch, Neuseeland, geboren während einer Europareise seiner Eltern in Catania, Sizilien, wo zwischen 1968 und 1984 aufgrund von Personalmangel infolge chronischer Finanzknappheit und fehlenden technischen Einrichtungen das Einwohnermeldeamt nicht in der Lage war, Geburten zu registrieren, befand sich auf einer Urlaubsreise in die Karibik. Er war zwei Wochen durch Europa gereist und flog jetzt von Madrid nach Miami, um von dort zu einer Rundreise durch die Inselwelt zu starten. Später wollte er von Paramaribo oder Cayenne wieder nach Hause fliegen. Diese Tarnlegende erzählte Wizard auf seiner Reise, die er gründlich genoß, jedem, der sie hören wollte.

Er gönnte sich zwei Tage der Erholung in Miami, Florida, da er es als eine Art Abschied von der Erde bis aufs letzte Detail auskostete und nahm dann ein Flugzeug zum europäischen Raumflughafen in Französisch-Guayana. Durch die Papiere aus Madrid hatte er keine Mühe, einen Shuttleflug zur 'Circumterra' im niedrigen Orbit zu buchen. Shuttleflüge waren längst eine alltägliche Angelegenheit, und da er nie einer stärkeren Beschleunigung als vier g ausgesetzt war, hatte er keinerlei körperliche Probleme mit dem Start.

*

Blondini saß im hinteren Drittel einer langen Kabine mit Doppelsitzreihen, die einen schmalen Mittelgang freiließen. Die fehlende Schwerkraft machte ihm mehr zu schaffen, als er erwartet hatte. Ständig mußte er gegen eine leichte Übelkeit ankämpfen. Er beobachtete den Bildschirm an der Stirnwand der Kabine, welcher ein erstaunlich naturgetreues Bild der Erde zeigte. (Großer Kosmos; welch ein Anblick. Diese blaue Kugel mit den milchigweißen Wolkenbändern - von hier sieht man weder Grenzen und Stacheldraht noch die toten Wälder und Gewässer. Sie wirkt wie eine Perle auf schwarzem Samt, ganz heil und doch sehr zerbrechlich.) Zögernd löste er seinen Blick vom Monitor und wandte seine Aufmerksamkeit den Mitreisenden zu. Es befanden sich vorwiegend wohlhabende Touristen in der Passagierkabine. Die Techniker auf dem Weg zur 'O'Neill' und zum Mond erkannte er an der Sicherheit ihrer Bewegungen. Doch sie schienen ihm in der Minderzahl zu sein.

Die Touristen erkannte er daran, daß sie aufgeregt durcheinanderplapperten; jeder wies seinen Nachbarn auf das hin, was für jeden sichtbar auf dem Bildschirm abgebildet wurde. Auf der Bank neben sich bemerkte er dagegen zwei Männer, die so tief in eine Diskussion über 0-g-Architektur versunken waren, daß sie nicht einmal bemerkten, daß einem von ihnen ein Mikrocalculator aus der Brusttasche schwebte; für sie war dieser Flug offensichtlich Routine.

Die verzückten 'Ah's' und 'Oh's' der Touristen lenkten seine Aufmerksamkeit zurück zu der Außenübertragung. Dort war nun ein in der Sonne silbern glänzendes Doppelrad mit vier Speichen zu sehen, welches sich majestätisch um die Nabe drehte. Es erinnerte ihn entfernt an ein altes Sportgerät, ein Rhönrad. Er spürte eine leichte Erschütterung, als die Steuerdüsen eine Kurskorrektur einleiteten. Die Drehung der Station auf dem Schirm verlangsamte sich und ihre scheinbare Größe nahm langsam zu. Die Nabe mit der erleuchteten Andockschleuse bewegte sich immer mehr auf den Mittelpunkt des Bildes zu. In dem Maße, in dem sich das Rechteck der Schleuse vergrößerte, verlangsamte sich seine Drehung bis es stillstand und als Eingang zu eines großen Hangar erkennbar wurde. Rechts voraus erkannte der Wizard ein bereits angedocktes Shuttle.

*

Während der Fahrt mit dem Lift zum Hauptdeck der Circumterra fehlte ihm jegliche Orientierung; mit zunehmender Schwerkraft kehrte das Gefühl für oben und unten jedoch zurück. In der Lobby vor dem Liftausgang blieb er verblüfft stehen. Vor ihm wölbte sich der Boden nach oben. Schräg gegenüber seines Standpunktes sah er Visiphonzellen. Während er darauf zuging stellte er fest, daß er sich immer auf dem Boden der Mulde befand. (Wie ein Hamster im Laufrad komme ich mir vor.)

Blondini setzte sich in die Zelle und schob seine Kreditkarte in den dafür vorgesehenen Schlitz. Als die grüne Lampe aufleuchtete, tippte er die Nummer ein, die er bei Miller-2 hatte auswendig lernen müssen. Auf dem Visi-Schirm erschien eine blonde, junge Frau in einer geschmackvollen, blauen Uniform und meldete sich freundlich lächelnd mit einer angenehmen Stimme: "Hier Habitat 'Gerald K. O'Neill', was kann ich für Sie tun, Sir?" "Mein Name ist Mike Blondini, ich möchte bitte Mr. MacIntosh sprechen, er erwartet meinen Anruf."

Die Zeitverzögerung von gut zwei Sekunden vor der Antwort hatte Wizard erwartet.

"Einen Moment, Sir, ich verbinde Sie"

Im nächsten Augenblick verschwand ihr Gesicht vom Bildschirm und wurde durch das eines Mannes in den mittleren Jahren ersetzt. "Flugkoordination 'O'Neill', MacIntosh." Trotz seines schottischen Namens hatte er das typische Gesicht eines Iren, kupferrote Haare und grüne Augen. "Hallo, Mr. MacIntosh, hier ist Mike Blondini. Ich bin jetzt auf der Circumterra und werde pünktlich da sein." 'Pünktlich' war der verabredete Code für 'Alles in Ordnung, werde nicht verfolgt', 'rechtzeitig' hätte das Gegenteil gemeint und zu einem Abbruch des Unternehmens geführt. "Das ist sehr erfreulich, Herr Blondini, bis bald." Der Wizard unterbrach die Verbindung und beschloß, die Zeit bis zum Weiterflug mit einem Rundgang zu verbringen.

*

Meditation: grünes Pentagramm, nach Uhr 1h34, 3 breaks. Ich kann mühelos auf Satori kommen.

Die Schwerelosigkeit verwirrt mich noch, bin unruhig. Ein Versuch zur Astralprojektion ist mir heute fehlgeschlagen; es muß an der Schwerelosigkeit liegen.

Einen gewöhnlichen ägyptischen geflügelten Globus konnte ich heute nachmittag in der Konzentration nur 17 Minuten halten. Die ganze Meditation war schlecht.

Das Unstete des Reisens erschwert mit die regelmäßige Arbeit.

Tarot, Karte des Tages: Burning Tower

Auszug aus Wizards magischem Tagebuch für die Zeit des Fluges

*

Der Flug mit der Fähre zur L5 dauerte drei Tage. An die Schwerelosigkeit hatte er sich am zweiten Tag gewöhnt. Er hielt sich seitdem häufig in der Aussichtskuppel auf und nahm die grenzenlose Pracht des Sternenhimmels als Meditationsgegenstand.

Seine Satorierfahrung, das Gespür dafür, daß alles Leben in dieser Welt unlösbar miteinander verknüpft ist, dies alles sah er beim Anblick der ungefilterten Sterne und der schrumpfenden Erde. Hier in der Aussichtskuppel konnte er jederzeit ohne Anstrengung Satori erreichen. In diesen Momenten spürte er die Existenz des kosmische Netzes und der Zufallskontrollzentrale. Er versuchte, zögernd, einen Kontakt zu diesem Netz herzustellen, doch noch bekam er keine Antwort.

Als er, wenige Stunden vor der Landung einen ersten umfassenden Blick auf die 'O'Neill' werfen konnte, war er mehr als nur beeindruckt. Er spürte die Bedeutung dieses Bauwerks. (Ein neuer Weg entsteht hier, mitten im All, ein Teil des Kosmischen Netzes.) Doch nicht einmal er wußte sicher, ob sich dieser Weg auch als gangbar erweisen würde.

 

"Für Geld tanzt der Hund."

(spanisches Sprichwort)

 

- 3 -

Henderson lief erregt am Pool seines Hauptquartiers in Colorado auf und ab und tobte mit hochrotem Kopf: "Bin ich nur von Idioten umgeben? Wie konnte das passieren, Tony? Vor acht Wochen habe ich Sie gewarnt. Die Creaver wußte etwas. Jetzt meldet dieses Boulevardgeschmiere "Cybernetics, Gentec & Psychedelics produzieren in ihren Labors das ewige Leben". Wie konnte das passieren?" Wutentbrannt schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser gefährlich klirrten.

*

"¼ in Fachkreisen ist jedoch durchgesickert, daß irgendeiner der großen Konzerne ein lebensverlängerndes Mittel entwickelt hat und dieses verdeckt vermarktet. Bei seinen Recherchen stieß unser Reporter immer wieder auf eine Mauer des Schweigens, aber alle Hinweise deuten auf 'Cybernetics' als Hersteller¼ "

aus 'Life and Leisure' 7/1999

*

Außer Henderson waren nur Savallas und Strauch anwesend. Während Savallas bedrückt den Wutausbruch über sich ergehen ließ und immer wieder besorgt den Kopf schüttelte, hielt Strauch sich im Hintergrund. Sein Gesicht zeigte, wie immer, keine Gefühlsregung. Er wirkte wie eine Maschine in Menschengestalt. Henderson hatte ihn einmal als 'mein Android' bezeichnet. Savallas versuchte gar nicht erst, sich zu rechtfertigen; er kannte seinen Herrn und Meister und wußte, daß jedes Widerwort Hendersons Wut nur noch mehr aufgestachelt hätte.

Strauch meldete sich zu Wort. "Mr. Henderson, Sir, wenn ich einen Vorschlag machen dürfte; ich habe da eine Idee. Ich habe in Ihrem Auftrag doch diesen jungen deutschen TV-Mann gekauft und nach Colorado gebracht. Testen wir doch einmal, ob seine Show nur ein Zufallstreffer war, oder ob er sein Geld wert ist."

Henderson nickte zustimmend. "Sie könnten recht haben," sagte er und betätigte sofort die Com-Anlage. "Homer, treiben sie mir schnellstens diesen deutschen Show-Menschen auf! Ich warte!"

Nach kurzer Zeit schon öffnete sich die Tür, und Homer Matthau schob den verschüchterten Mufti in das Allerheiligste. Die drei mächtigen Männer blickten den Newcomer forschend an, und Mufti fummelte nervös an seiner altmodischen Brille herum. Henderson bot ihm Platz an. "Möchten Sie etwas trinken oder rauchen? Bedienen Sie sich. Wir sind hier ganz unter uns." Jovial lächelnd schob er die mobile Hausbar in Muftis Richtung. Dieser nahm eine Cola und sah Henderson erwartungsvoll an, wenn auch wegen der Zornesröte in dessen Gesicht mit äußerst gemischten Gefühlen.

Der Konzernchef verlor keine Zeit mit Gerede, sondern erklärte ihm die Situation. Mufti war sofort hellwach. Seine anfängliche Furcht schlug sofort in wilden Optimismus um. (Jetzt mußt Du zeigen, daß Du den Renaissance-Schuß verdienst. Eine Medienkampagne, um die Öffentlichkeit bezüglich der Unsterblichkeit in Hendersons Sinn zu beeinflussen, das ist aber wirklich ein Knüller. Möglicherweise können wir die ganze Thematik für die Öffentlichkeit mit Angst besetzen.)

"Das Geheimnis ist also keins mehr," stellte Mufti fest. Äußerlich gelassen, doch innerlich stolzerfüllt, erstmals als gleichberechtigtes Mitglied im Kreis der Unsterblichen, ergriff Mufti das Wort. "Wir müssen die Initiative übernehmen. Ich schlage eine breite Kampagne zur Beruhigung der Massen vor. Die wirklich Großen dieser Welt dürften Sie ja wohl großenteils in der Hand haben. Wann sehen die Hausfrauen, Kinder und arbeitslosen Männer in Amerika fern? Am besten, wir starten etwas im Vorabendprogramm. Mr. Henderson, was halten Sie von einer Filmserie über einen liebenswerten Wissenschaftler, der sich vom Präsidenten zur Renaissance-Injektion überreden läßt. Er setzt sein Wissen zum Wohle der Menschheit ein, und in jeder Folge stirbt einer seiner engsten Freunde oder Kollegen, von mir aus auch noch seine Frau, und er bleibt als einsamer Kämpfer für die Menschheit pflichtbewußt am Leben." (Das ist der Moment. Wenn ihm daran etwas nicht paßt, dann kann ich einpacken. Friß' es, Henderson!) Mufti bemerkte irritiert, daß er heftig zu schwitzen begann.

Die vier Männer aber hingen fasziniert an seinen Lippen. Matthau ergriff als erster das Wort. "Wie lange brauchen Sie, um das zu realisieren," fragte er.

Mufti überlegte kurz: "Wenn ich ein paar wirklich gute Story-Schreiber bekomme und sofort mit der Besetzungsliste anfangen kann, brauche ich nur noch die Höhe des zur Verfügung stehenden Etats. Alles in allem, grünes Licht vorausgesetzt, könnte der erste Teil der Serie in vier Wochen über die Schirme flimmern."

Jetzt hielt es auch Henderson nicht mehr in seinem Sessel. Er hatte seine Entscheidung getroffen. Während er durch das Zimmer an seinen Schreibtisch ging, sagte er über die Schulter zu Mufti: "Sie haben alles Geld, das Sie brauchen. Nehmen Sie nur die allerbesten Leute, wenn nötig, kaufen Sie sie aus anderen Verträgen frei. Savallas, dieses Projekt hat absoluten Vorrang. Sorgen Sie dafür, daß Mr. Großkopf keine Probleme bekommt und vor allem sorgen Sie für Diskretion. Es ist in Ihrem Interesse, daß die Serie ein Erfolg wird, und daß nicht durchsickert, wer diese Sache bezahlt, sonst rollt nämlich Ihr kahler Schädel." Savallas nickte ergeben mit dem Kopf und verließ zusammen mit Strauch und Mufti den Raum.

*

Als Savallas drei Tage später Muftis neueingerichtetes Büro in Houston, Texas, betrat, schnalzte er anerkennend mit der Zunge. Matthau, das Organisationstalent hatte wieder einmal in kürzester Zeit das schier Unmögliche zustande gebracht. Er hatte nicht nur die passenden Räumlichkeiten angemietet, sondern auch die benötigte Ausstattung vom Radiergummi bis zur attraktiven Empfangsdame besorgt. Letztere lackierte nicht einmal ihre Nägel, wie Savallas erwartet hatte, sondern wirkte geschäftsmäßig und effizient. Der Sicherheitschef meldete sich artig bei ihr an und wurde sofort vorgelassen. Mufti erhob sich hinter seinem Schreibtisch und kam Savallas durch den Raum entgegen. Nach einem Händedruck setzten sie sich an einen kleinen Tisch, in den ein Störsender eingebaut war, mit dem jede Lauschaktion nachhaltig unterbunden werden konnte. Lässig aktivierte Mufti den Sender und wandte sich dann an dem Sicherheitschef zu.

Seine Unterlagen ordnend berichtete er: "Wir haben das Konzept aufgestellt. Zur Zeit wählen wir gerade die Sequenzen für die Strobs aus. Strauch hatte die brillante Idee, daß jedesmal, wenn der R-Stoff verabreicht wird , ein Infraschallton über den Tonkanal geht, um diesen Vorgang bei den Zuschauern unterschwellig mit Angst zu besetzen."

Tony Savallas ließ sich die Erleichterung kaum anmerken, die er bei Muftis Worten empfand. "Wann beginnen die Dreharbeiten?" Er richtete einen fragenden Blick auf den Fernsehmann. Mufti sah ihn an und kostete die Situation genüßlich aus: "Übermorgen, Savallas, vorausgesetzt Sie sind weiterhin in der Lage, alles zu arrangieren, was ich brauche. Was ist zum Beispiel mit Thor Nordström für die Hauptrolle? Ich denke, Sie hatten ihn schon unter Vertrag." Savallas griff in seinen Aktenkoffer, holte die Vertragskopien heraus und überreichte sie Mufti.

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Durch eine kostspielige PR-Kampange wurde das Interesse der Bevölkerung auf breitester Basis geweckt. In den wichtigsten Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehwerbesendungen, sowie auf öffentlichen Plakatwänden wurde die Serie beworben, und schon lange vor der Premiere waren die überschwenglichen Kritiken geschrieben.

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"Der Auftakt der neuen TV-Serie des deutschen Senkrechtstarters Herbert Mufti Großkopf verspricht einer der seltenen Lichtblicke in der ansonsten immergleichen, langweiligen Fernsehwüste zu werden."

aus 'Die Nation am Schirm', 7/1999

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"¼ ein weiterer, perfider Versuch der herrschenden Kreise in Richtung auf Ausgrenzung der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung von einem menschenwürdigen Leben. Nach der Arbeitslosigkeit und der Verarmung ist dies ein weiterer, konsequenter Schritt dieser unmenschlichen Strategie. Alle Menschen können nicht ewig leben, dann würden wir alle an Überbevölkerung sterben, es ist so schon eng genug auf der Welt. Aber die geilen Bosse werden auch nicht ewig leben, dafür werden wir schon sorgen. Ab jetzt herrscht Krieg. Tod allen Unsterblichen. Nieder mit der Knechtschaft."

'Trash Phenix'

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Die Serie begann mit einem Gespräch zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und Thor Nordström als Prof. Goodwill. Der Professor, ein sympathischer Mann Anfang 50, sollte sich eine Chemikalie spritzen lassen, welche das Leben verlängerte. Der Präsident erklärte, daß der NSA-Computer den Professor als den fähigsten Mann der Nation bezeichnet hatte und bat ihn inständig, im Dienste der Nation dieses Opfer auf sich zu nehmen. Anfangs fühlte sich Prof. Goodwill geschmeichelt, doch dann wurde ihm klar, daß er seine Frau, seine Kollegen und später auch seine Kinder überleben würde. Er zögerte, haderte mit sich, rang um eine Entscheidung, konnte jedoch mit keinem Menschen über seinen inneren Zwiespalt sprechen, da der Präsident ihn zu strengster Geheimhaltung verpflichtet hatte.

Er zog sich immer weiter in sich selbst zurück, seine Familie drohte zu zerbrechen. Am Ende der ersten Folge entschied er sich für den Vorschlag des Präsidenten und bekam die erste Renaissance-Injektion.

In den nächsten Folgen wandte er Gefahren von der Weltraumstation und einem geheimen wissenschaftlichen Zentrum ab, bekämpfte eine heimtückische Seuche, sprengte einen Spionagering und machte mehrere bahnbrechende Erfindungen. Zwischendurch starben sein altes Mütterchen, der er auf dem Sterbebett gelobte, sich allzeit für das Gute stark zu machen und das Böse zu bekämpfen, sowie zwei seiner Kollegen, die auch privat enge Freunde von ihm gewesen waren.

Am Anfang und am Ende eines jeden Films bekam er eine Injektion mit der Droge, was beim Zuschauer durch den gleichzeitig gesendeten Infraschallton Unbehagen verursachte. Immer wieder äußerte er Zweifel, ob er richtig gehandelt hatte, als er dem Präsidenten sein Wort gab, wirkte innerlich zerrissen und unglücklich.

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"Wenn Du Deine Nase mehr in Deine Bücher stecken würdest, anstatt ewig an diesen Video-Automaten 'rumzuspielen, könntest Du eines Tages auch so werden wie dieser Professor." Charly Lukowskie nahm einen tiefen Schluck aus seiner Bierdose und sah seinen Jüngsten dabei nicht an. "Das hätte Dir auch nicht geschadet", keifte seine Frau aus der Küche. "Aber Du sitzt auch nur fett vor der Glotze auf Deinem Breitwandarsch und bewunderst andere Leute. Nach dem zehnten Bier behauptest Du dann schon, Du wärst auch so ein Supermann gewesen, als wir uns kennenlernten. Dabei hast Du während unserer Ehe nicht einen Tag gearbeitet."

"Halts Maul, Du alte Schlampe! Du träumst doch ständig davon, daß dieser Kerl aus der neuen Serie Dich mal zwischen Deinen Schenkeln trifft."

"Na klar, " schrillte seine Frau zurück, "Du bringst es ja nicht mehr. So ein Kerl, der nicht älter wird, wäre mir schon recht." Charly lachte laut, daß sein Bierbauch zwischen den Hosenträgern wie ein Jojo auf und ab hüpfte. "Der würde sich schön bedanken, so einen alten Besen wie Dich zu bürsten. Der kann doch tausend andere haben, wenn er nur mit den Fingern schnippt."

Er drehte sich um und wollte seinem Sohn triumphierend zugrinsen, doch der hatte sich schon aus dem Staub gemacht. "Ist ja egal, was Du machst, Junge, unsereins wird nie in die Lage kommen, ein ewiges Leben lang die dollsten, jungen Weiber zu pimpern", brummte er vor sich hin und griff nach seiner Bierdose, "und tauschen möchte ich mit dem trotz allem nicht."

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Mufti saß zufrieden in seinem Büro, vor sich einen unübersichtlichen Haufen Zeitungen und Magazine. Es waren die Blätter, deren Journalisten sich nicht kaufen ließen, oder die er nicht kaufen wollte. Sie schrieben in Ihren Kritiken von 'übler Propaganda' und 'Volksverdummung', nannten ihn einen 'Schüler Goebbels' oder unterstellten ihm, als einziges Fachbuch 'Eine Handvoll Venuserde und ehrbare Kaufleute' gelesen zu haben. (Das war zu erwarten, Mufti, vergiß sie, es gibt keine negative Publicity!) Er grinste hämisch vor sich hin und wies seine Sekretärin an, ihn mit Matthau zu verbinden.

"Wir haben den ersten Schritt geschafft!" erstattete er Bericht, "Sie können des Boß mitteilen, daß es keine Fernsehkritik im Lande gibt, die nicht über uns schreibt. Ich werde jetzt in die Vollen gehen."

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Als nächsten Schritt schuf Mufti eine 'wissenschaftliche' Diskussionsrunde, in welcher handverlesene Professoren unter der Führung von Kluth, die alle etwas Geld nebenbei gut brauchen konnten, die psychologischen Belastungen diskutierten, denen ein Mensch durch das längere Leben und die damit verbundene Verantwortung und Vereinsamung unterworfen war. Besonders die Gefahr der Überbevölkerung nahm einen großen Raum ein. Die Sendung war so ansprechend und eindringlich gemacht, daß selbst Mufti sich dabei ertappte, daß er heimlich Bewunderung für die Unsterblichen empfand, selbstverständlich sich selbst eingeschlossen.

Alle großen Blätter und Bildschirmmedien des Kontinents publizierten Leserbriefe und Umfrageergebnisse, in denen die Renaissance-Injektion für die Elite nachdrücklich gefordert wurde. Henderson gratulierte Mufti persönlich zu diesem Erfolg, und dieser verkaufte die Filmserie nach Europa, Australien und Asien.

*

Francis Weinbaum war auf dem Weg zu einem außerordentlichen Treffen mit anderen Bezirksleitern der verschiedenen Gangs und Gruppen von New York. Man traf sich in der Bronx, einem der übelsten Slumviertel der Welt. In der Gasse, die er gerade wachsam durchquerte, stank es nach Urin und billigem Fett; überall lag Unrat herum, und die Ratten beachteten ihn kaum. Er erreichte ein ehemaliges Parkhaus, jetzt war es nur noch als Ruine zu beschreiben, und begann, als Erkennungscode die Melodie von "Kill the one behind me" vor sich hinzupfeifen. In der untersten Etage wurde er das erste Mal sichtbar kontrolliert. Zwei schwer bewaffnete Männer führten ihn zu einem als Containerwrack getarnten Fahrstuhl.

Unten angekommen wurden seine ID-Karte und seine Fingerabdrücke überprüft, dann erst durfte er durch eine Schleuse den Versammlungsraum betreten. Alle Anwesenden trugen, gleich ihm, Gesichtslarven aus Kunstdermo, so daß sie die Illusion hatten, zu unmaskierten Menschen zu sprechen. Diese Maßnahme hatte ein Psychologenteam der 'Rainbows' vorgeschlagen, um die Hemmschwelle bei Gesprächen zwischen den unterschiedlichen, zum Teil verfeindeten Gruppierungen zu senken.

Francis trat an den Tisch, um seine Gruppe in die Anwesenheitsliste einzutragen. Er überflog die Namen der beteiligten Gruppen: Veranstalter war 'Rainbow' mit von der Partie waren die 'Spaßguerillas', die 'Ground Zero', 'Greenpeace', 'Freedom Now!', sowie andere Sozis, Ökos, Anarchos, religiöse Gruppen und alles was radikal und kämpferisch war. Er trug seine Gruppe, die 'Satan's Savage Soldiers', einen losen Zusammenschluß verschiedener Slumgangs, ein und begab sich zu einem freien Stuhl in der Runde.

Nachdem Ruhe eingetreten war, erhob sich ein Mann ohne besondere Merkmale, offensichtlich der Sprecher von 'Rainbow', und begann mit tiefer Stimme zu sprechen: "Brüder und Schwestern im Kampfe gegen die Unterdrückung, ich begrüße und danke Euch für Euer Kommen."

Francis grunzte verächtlich. Daß diese Hohlköpfe nie das Bruder- und Schwestergetue lassen konnten, das kotzte ihn an.

"Ich habe gute Nachrichten für Euch. Durch die große Medienkampagne für das Unsterblichkeitsmittel sind breite Teile der Bevölkerung beunruhigt und verprellt. Wir haben den Eindruck, daß dadurch erfreulicherweise die Wachsamkeit unserer Widersacher nachläßt. Alle Oppositionsgruppen melden einen starken Zuwachs an Mitgliedern. Es ist also an der Zeit, daß wir uns auf den 'Grand Slam' vorbereiten.

Viele von Euch sind der Meinung, daß wir von 'Rainbow' zuviel Macht haben und Euch einschränken könnten. Aber vergeßt nicht, wir haben alle dasselbe Ziel, darum müssen wir jetzt auch eine gemeinsame Front für die Verwirklichung unseres Zieles bilden. Wir stellen unsere weltweite Organisation mit allen internationalen Kontakten zur Verfügung. Alle Gruppen sollen einen Vertreter in ein gemeinsam zu bildendes regionales Leitungskomitee entsenden. Dieses Komitee trifft seine Entscheidungen mit einer 3/4-Mehrheit, und jeder, der es nach dem Kampf verlassen will, kann dies tun. Ich danke für Eure Aufmerksamkeit und bitte um Eure Meinung."

Der Mann setzte sich wieder, und im Nu brach ein ohrenbetäubender Lärm aus, Menschen schrien sich an, und in einer Ecke entstand eine Schlägerei. Die Reaktionen auf die Rede waren so unterschiedlich wie heftig. Vergeblich bemühten sich die Veranstalter beruhigend auf das Chaos einzuwirken. Der Redner von eben, der Mann ohne besondere Merkmale, betätigte eine kleine Glocke, was Francis ausgesprochen erheiterte. Einige der Teilnehmer bewegten sich schon hastig in Richtung der Tür.

Die Versammlung drohte auseinanderzubrechen, als sich eine energisch wirkende Frau erhob und den Meinungsverschiedenheiten mit kräftiger Stimme ein Ende bereitete: "Hört mir zu, Freunde, ich spreche hier für die 'Spaßguerillas'. Wir sind bereit mitzumachen. Ich bin ausdrücklich ermächtigt, dies hier zuzusichern. Wir brauchen uns jetzt gegenseitig, wenn wir etwas erreichen wollen. Wir müssen schnell und an den verschiedensten Orten zuschlagen können, darum müssen alle mitmachen, denn jede Gruppe ist durch die Entwicklungen genauso in ihrer Existenz gefährdet wie die andere. Außerdem brauchen wir uns, da sich unsere Spezialgebiete ergänzen. Sind wir koordiniert, dann werden wir siegen, sind wir zersplittert, dann machen sie uns ein.

Uns stinkt die Vormachtstellung der 'Rainbows' auch, aber sie haben die nötige Organisation und wir gemeinsam die nötige Schlagkraft, darum laßt uns jetzt zusammengehen. Später werden wir weitersehen."

Als sie sich wieder setzte, erhob sich spontaner wenn auch spärlicher Beifall, aber auch abfälliges Pfeifen.

Francis Weinbaum widerte die ganze Sache an. Er konnte Politikergewäsch nicht ausstehen. Und außerdem hatte er auf der anderen Seite des Saales ein Mitglied der 'Roller' an der unverwechselbaren Körpersprache erkannt. Mit Erbfeinden wollte er nichts zu tun haben. Er wollte seine Jungens keinesfalls in einen neuen Bandenkrieg verwickeln. Er spucke verächtlich aus und verließ den Raum.

Zu Hause, bei seinen Leuten, erzählte er in verächtlichen Tönen über die Eierköppe und Trottel.

*

Henderson saß entspannt zurückgelehnt auf der Ledercouch seines Kontrollzentrums in Kerrville, Texas. Neben ihm, auf einem handgeschnitzten Ebenholztischchen, stand eine Karaffe mit 20-jährigem Portwein, in der linken Hand hielt er ein weitgehend geleertes Glas. Mit der Rechten schaltete er über die Fernbedienung seine Monitorwand ein. In seinem elektronischen 'Briefkasten' fand er zwei Memos.

Das erste, welches die Fortschritte in der Arbeit mit intelligenzgesteigerten Delphinen behandelte, überflog er nur lustlos.

Das andere war eine Warnung der Sicherheitsabteilung. Er studierte es gründlich. In der Studie wurde ausgeführt, es könnten nach des Fiasko mit dem Renaissance-Stoff eventuell auch Informationen über die Intelligenzsteigerung und den MBDV-Virus durchsickern. Es gab Hinweise darauf, daß nach den jüngsten Enthüllungen einige Journalisten Informationen über die 'Cybernetics' sammelten. Auch das spurlose Verschwinden von einigen derjenigen, die in der Ausbildung in Texas versagt hatten, wurde untersucht. Der Autor des Memos schloß mit der Feststellung, daß Desinformationsschritte eingeleitet wären, daß jedoch ein behutsames Vorgehen ratsam wäre. Henderson gab ein verächtliches Grunzen von sich. (Mich kann jetzt doch keiner mehr aufhalten.)

Er wechselte die Betriebsart seiner Anlage.

Auf dem Schirm sah er die enge Verhörzelle im Keller der Sicherheitszentrale in Philadelphia. Im Vordergrund war der Hinterkopf und der Rücken des Verhörspezialisten zu sehen, dem Gefangenen blickte Henderson ins Gesicht. Im Hintergrund saß Savallas mit verschränkten Armen und unbeweglichem Gesicht auf einem Stuhl. Der Gefangene lag rücklings, an Händen und Füßen gefesselt, auf einer Pritsche. Von seinem Kopf führte ein Kabelbündel zu der Computeranlage, welche hinter ihm in die Wand eingebaut war. Die verengten Pupillen blickten starr zur Decke, Das Farbbild auf Hendersons Schirm war gestochen scharf.

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"Die Methode der Elektrotrance, bei der feine Platinelektroden ohne Aufbohren des Schädels ins Gehirn des Befragten bewegt werden, ist bei den neuesten Modellen ohne weiteres von einem Sanitätsgefreiten anzuwenden. Die Tastatur gibt die Möglichkeit, zwischen mehreren Zuständen des Befragten zu wählen:

Es wird empfohlen, bei der Induzierung von Schmerz und Angst sehr vorsichtig vorzugehen, da irreparable Gehirnschäden möglich sind."

"Ausbildungsleitfaden des SCCA zur Anwendung von Elektrotrance", Kap. 5, 'Möglichkeiten und Grenzen'

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Mit einem Fingerdruck stellte Henderson den Ton lauter. (Sie haben ihn in Elektrotrance. In welchem Stadium sie wohl sind?) "Wer sind ihre Hintermänner?", hörte er den Spezialisten fragen. (Aha, er schläft schon eine Weile, und jetzt forschen sie ihn aus.)

"Ich kenne keine Namen", sagte der Befragte gerade mit monotoner Stimme, "keiner kennt den Namen des anderen, unsere einzige Sicherheit um als Ganzes zu überleben."

"Was war Dein Auftrag?"

"Ich bin ein Kurier. Ich hatte den Auftrag eine Nachricht abzuholen." "Wo?" Diese Frage wurde so schnell gestellt, daß Henderson unwillkürlich zusammenschrak. "Sitz 5 in der 12. Reihe des Kinos in der 'Radio City Hall'."

"Wie kommt es, daß Du keine Nachricht bei Dir hattest?"

"Es werden immer mehrere Kuriere zu verschiedenen Zeiten dorthin geschickt. Ich weiß nicht, als wievielter ich heute dran war. Vielleicht war die Nachricht schon längst abgeholt, vielleicht hat sie auch der Mann nach mir erwischt und weitergebracht, wer weiß wohin. Ich bin sicher, daß jeder ein anderes Weitergabeziel hatte."

Henderson beobachtete unbewegt aber sehr aufmerksam. Der Gefangene lag mit festgeschnallten Armen und Beinen ausgestreckt auf einer Bahre, während ein Gewirr von Kabeln und Drähten scheinbar chaotisch von seinem Kopf zu einer Computerconsole führte. Savallas saß in einer Ecke des Raums auf einem Stuhl, seinen Verhörexperten und einen Arzt rechts und links von sich an den Instrumenten.

Der Gefangene erzählte mit monotoner Stimme über die zwei Hauptpositionen im Widerstand: Die Position "Renaissance für alle" lag im Widerspruch zu der Position "Renaissance verbieten wegen der Gefahr der Überbevölkerung". Die Spaltung des politischen Untergrunds vertiefte sich täglich. Einigkeit zwischen den beiden Lagern herrschte nur in dem Punkt, daß eine Ausgabe des Unsterblichkeitsmittels an Funktionseliten und Millionäre zu verhindern war.

(Freizeitrevoluzzer verstehen eben nichts von Organisation und effektiver Planung. Sollen sie sich doch gegenseitig an die Kehle gehen, geschieht ihnen recht.) Henderson grunzte gehässig und beobachtete weiter.

Mit einer Handbewegung unterbrach Savallas das Verhör und sprach den Arzt an. "Bereiten Sie eine Injektion 'Glaubsalz' vor."

Während der Arzt die Injektion vorbereitete, stellte Savallas das Elektrotrancegerät auf 'Erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit'. Der Verhörspezialist legte ein vorbereitetes Endlostonband in das Abspielgerät.

"Die Untergrundgruppen sind Feinde der Menschheit. Sie sind Verräter. Du mußt alles tun, um sie zu eliminieren. Die Regierungen und die Konzerne dienen der Menschheit. Der Menschheit zu dienen, ist Deine Pflicht. Die Gesellschaft wird Dir verzeihen, wenn Du in Zukunft Deine Pflicht tust." Monoton wiederholte der Gefangene jeden Satz.

Savallas rief die Wachen herein. Auf einen Wink von ihm verließen die anderen Männer mit ihm den Raum. Der Gefangene sollte jetzt noch ein paar Stunden Tonband hören.

Als Julian Henderson das Sichtgerät abschaltete bemerkte er, wie sein Körper mit einer erhöhten Adrenalinausschüttung kämpfte.

*

"In der Zeit der Jahrtausendwende wuchs die Macht der Konzerne in demselben Maße, wie die Macht der nationalen Regierungen abnahm. Aufgrund der Innovationen Lernmaschine, Renaissance und MBDV-Virus entstand vor allem bei Julian Henderson eine kritische Machtzusammenballung, verstärkt noch durch die lange geheimgehaltene Möglichkeit von Henderson, auf die Anti-Raketen-Laser im Orbit Einfluß zu nehmen. Die Historiker bezeichnen die betreffende Zeit als "äußerst kritische Phase" in der Entwicklung der Menschheit, vergleichbar mit der Phase der Geburt im Leben eines Menschen von der Zeugung bis zum Tod."

Enzyclopädia Galaktica 2085

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Die schwere Limousine hielt vor dem Eingang des Waldorff Astoria in New York. Henderson stieg aus, und der Portier öffnete ihm mit einer tiefen Verbeugung das Portal . Auf dem Weg durch das Foyer zum Fahrstuhl warf er einen Blick auf die Uhr und stellte fest, daß er sich etwas verspätet hatte. Er fuhr in den 5. Stock, in welchem der abhörsichere Konferenzraum des Hotels lag.

Als er eintrat, unterbrachen die vier anwesenden Männer ihr Gespräch. "Na endlich, Julian, wir warten schon eine Weile," begrüßte ihn Walter Rosenbaum, der Präsident von Ixxon. Henderson hob abwehrend die Hände und erwiderte: "Ich bekenne mich schuldig und bezahle das Essen." Die anderen Männer lächelten humorlos, und Henderson setzte sich zu ihnen an den Tisch. Es war eine bemerkenswerte Runde, die sich hier zusammengefunden hatte. Außer Walter Rosenbaum waren anwesend: Jean Genet, von der europäischen Unternehmensgruppe Piemens, Brompson und Khillips, Harold Steiner von IMM und Takeo Nasake als Vertreter von Fitsubishi. Durch die verschiedenen Schachtelbeteiligungen ihrer Konzerne repräsentierten sie einen Großteil der Wirtschaftsmacht des internationalen Kapitals.

Nachdem sie die üblichen Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht hatten, kam Jean Genet schnell zur Sache. "Wir alle haben unter den letzten Maßnahmen der schwedischen Regierung gelitten. Die neuen Auflagen und Steuererhöhungen, verbunden mit der Drohung, unsere Niederlassungen entschädigungslos zu verstaatlichen, können und wollen wir nicht hinnehmen. Da wir alle davon betroffen sind, schlage ich vor, daß wir gemeinsam dagegen vorgehen." Rosenbaum und Henderson nickten sofort zustimmend, Steiner enthielt sich einer Meinungsäußerung, und Nagasake wandte ein: "Alles schön und gut, nur sollten wir die Schweden nicht zu sehr provozieren. Die bringen es fertig und verstaatlichen unsere Betriebe wirklich. Das können wir uns im Moment auf gar keinen Fall leisten."

"NatürIich kann sich das keiner von uns leisten, doch wenn wir gemeinsam vorgehen, sind wir im Vorteil," erwiderte Genet. "Gemeinsam können wir jeden Staat in die Knie zwingen."

Steiner, der bis jetzt geschwiegen hatte, schaltete sich ein: "Du hast recht, Jean. Also was ist Dein Plan?"

"Wir drohen mit Schließung," sagte der Angesprochene, "und zwar alle auf einmal." Henderson schüttelte den Kopf und Rosenbaum erwiderte: "Das ist genau das, was wir nicht tun sollten. Takeo hat es schon gesagt, wir dürfen sie nicht zu sehr provozieren. Wir müssen ihnen eine Chance geben, das Gesicht zu wahren."

"Dann mach einen anderen Vorschlag," entgegnete Genet verärgert.

Jetzt meldete sich erstmalig Henderson zu Wort: "Am besten wir sagen gar nichts, sondern handeln, und zwar so, daß wir eine reine Weste behalten." "Ein vernünftiger Vorschlag," bemerkte der IMM-Mann, "aber wie?"

Takeo Nagasake lächelte und fragte: "Siehst Du das wirklich nicht? Ich glaube, Julian hat es doch deutlich genug gesagt. Wir werden unsere Produktion einschränken und einige Leute entlassen müssen, um die restlichen Arbeitsplätze zu sichern. Die Begründung liegt in den Steuererhöhungen. Wir werden diese Verluste offiziell gerade noch verkraften können und wären gern bereit, bei Rücknahme dieser Auflagen, die Leute sofort wieder einzustellen. Aber vielleicht müssen wir auf längere Sicht auch ganz schließen. Ich denke, unsere Führungskräfte vor Ort werden der interessierten schwedischen Presse gern ein paar Interviews geben."

Genet blickte in die Runde und sah zufriedene Gesichter. "Offensichtlich seid Ihr Euch einig," sagte er, "und Ihr habt verdammt noch mal recht." Takeo Nagasake wandte sich direkt an Henderson und fragte: "Julian, Du solltest jetzt das Dinner bestellen, damit wir in Ruhe die Einzelheiten besprechen können. Inzwischen sollten wir einen Drink auf unsere fruchtbare Zusammenarbeit nehmen. Ich schlage vor, wir stoßen an auf unsere Bemühungen, Arbeitsplätze in Schweden zu erhalten."

 

"Wenn Gott uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann haben wir sicherlich das Kompliment zurückgegeben." (Voltaire)

 

Wizard mußte von der Fähre zum belüfteten Teil der 'O'Neill' etwa 50m durch den Andocktunnel laufen. Nach der Schwerelosigkeit während des dreitägigen Fluges empfand er die Rückkehr der Schwerkraft als angenehm; ein irritierendes Gefühl dabei konnte er jedoch nicht einordnen.

Nach Passieren der Sicherheitsluftschleuse bemerkte er in der großen, leeren und unfertig wirkenden Lobby das Gesicht von MacIntosh, das er von seinem Telefonat aus der 'Circumterra' her kannte.

Als er seinen Schritt beschleunigen wollte, machte sein Körper einen unerwarteten Sprung in die Luft. Geschmeidig schnellte MacIntosh auf ihn zu und ergriff stützend seinen Arm.

"Hoppla, Mr. Blondini, immer langsam. Wir haben hier oben vorerst nur 0.3g. Dabei fühlt man sich auf die Dauer besser, als bei 0g, und das Gewicht der Werkteile hält sich noch in handlichen Grenzen. Na, Sie werden sich schon daran gewöhnen. In einigen Wochen, wenn das erste Segment der 'O'Neill' voll belüftet wird und die Pflanzungen beginnen, werden wir die künstliche Schwerkraft auf vorläufig 0.5g hochfahren. Kommen Sie bitte, die Wohnquartiere sind nicht weit, wir werden zu Fuß dorthin gehen."

Wizard entschloß sich, sein Pseudonym vorerst zu behalten und folgte dem massigen Schotten, der vorausgegangen war. (Blondini, was wissen die schon von mir? Trotz der Empfehlung von der Erde müssen sie sich ein gesundes Mißtrauen bewahren, und ich nicht weniger. Die Vibrations sind vordergründig gut, aber irgendwo hier ist eine negative Unterströmung. Ich werde erst einmal abwarten.)

Schon nach wenigen Schritten bogen sie vom Korridor ab, und vor sich sah der Wizard einen Gang, der in unregelmäßigen Abständen von anderen Gängen gekreuzt wurde. Sie gingen weiter und bald darauf öffnete MacIntosh eine Tür und sagte mit einladender Handbewegung: "Dies ist Ihr persönlicher Raum, Mr. Blondini. Er ist nicht gerade luxuriös, aber das notwendigste ist vorhanden."

Wizard trat in ein zwei mal drei Meter großes Zimmer. Nachdem MacIntosh die Tür geschlossen hatte, ging er zur Wand und deutete auf einen Handgriff: "Hier können Sie Ihr Bett herausklappen, die Sessel und der Tisch lassen sich ebenfalls zusammenlegen und im Boden versenken. Diese Tür verschließt Ihren Kleiderschrank und hinter dieser," er wies mit der Hand auf die gegenüberliegende Wand, "ist eine Duschkabine mit Toilette. Es ist alles noch ein bißchen primitiv, aber man gewöhnt sich schnell daran. Ich schlage vor, Sie erfrischen sich erst einmal, und ich hole Sie dann in einer halben Stunde zum Essen ab."

Wizard erklärte sich einverstanden.

Er räumte sein Gepäck in den Schrank und genoß dann ausgiebig die Dusche. (Hmm, dieser MacIntosh ist ein angenehmer Zeitgenosse. Er hält keine überflüssigen Reden und ist nicht aufdringlich. Hoffentlich sind die anderen auch so.)

Er knöpfte gerade seine Hose zu, als es an die Tür klopfte. MacIntosh kam, um ihn zum Essen abzuholen. Er war in Begleitung einer dunkelhaarigen, sympathischen, jungen Frau, die sich als Joan Kendall vorstellte. "Willkommen, Mr. Blondini, ich bin auch erst seit einer Woche hier. Sie werden gleich noch ein paar unserer Freunde kennenlernen." (Ob hier wohl alle zum Untergrund gehören? Na, das wird sich ja wohl bald klären.)

Sie hatten inzwischen die Kantine erreicht und gingen zu einem großen Tisch, an dem schon mehrere Männer und Frauen saßen. Außer ihnen befand sich niemand in dem Raum, doch als sie sich setzten, kamen zwei Männer mit Speisen und Getränken durch eine Seitentür. MacIntosh stellte alle Anwesenden mit Namen vor, doch der Wizard konnte sich nicht gleich alle merken.

Das Essen schmeckte erstaunlich gut, und, als der Kaffee auf dem Tisch stand, fühlte Wizard sich sehr wohl. Sein Gegenüber, ein gut durchtrainiert aussehender Mann mit blonden Haaren, war ihm als Elektroingenieur vorgestellt worden. Wizard konnte sich jedoch nur an den Vornamen erinnern, John. (Irgendwie kommt mir der Mann bekannt vor.) Er sagte gerade: "Sie sollten sich sobald als möglich das erste Segment anschauen. Auch wenn es noch eine Baustelle ist, bekommt man doch schon eine Vorstellung davon, wie das alles später einmal aussehen wird."

Einige der Leute standen nach und nach auf, um an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren, und bald waren sie nur noch zu fünft: MacIntosh, Joan Kendall, ein Agrarökologe, dieser John und Wizard selbst. Der Ökologe hatte eine Flasche Sherry besorgt, und bald war ein gemütliches Gespräch im Gange. MacIntosh erzählte aus seiner Zeit als Kampfpilot der US Space Force.

"Wenn man länger hier draußen ist, dann verfehlt der Weltraum die Wirkung auf die Psyche nicht. Ich habe sieben Jahre lang militärische Einsätze für die US Space Force geflogen, dann konnte ich es nicht mehr ertragen und zog die Uniform aus. Wir hatten die Zerstörung feindlicher Raumstationen und -schiffe geübt. Während der Krise von 1995 dachte ich, es wäre soweit. Wir warteten nur noch auf den Angriffscode, und als ich unsere Kampfraketen programmierte, da wurde mit der ganze Irrsinn so richtig klar.

Ja, das hat dann den Ausschlag gegeben. Die Erde wirkt von hier oben so klein und zerbrechlich. Ich hatte es einfach satt, daß wir Menschen uns wegen der nichtigsten Anlässe ständig an die Kehle gehen. Aber zurück hinunter konnte ich auch nicht; viele von uns können das nicht mehr. So kamen die Pläne zu Weltraumbesiedelung gerade zur rechten Zeit für mich." Dem Wizard war diese gerade und direkte Art von MacIntosh sofort sympathisch. Er fühlte sich bei diesen Leuten wohl.

*

Norris schenkte sich einen Drink ein. Gerade hatte er seinen täglichen Bericht an die Zentrale auf Terra abgesetzt. Er schüttelte mit gerunzelter Stirn lächelnd den Kopf. Also, wie dieser Blondini hier plötzlich aufgetaucht war. Ich hatte keine Vorankündigung von erdwärts bekommen. Es war nach menschlichem Ermessen unmöglich, daß dieser Mann unbemerkt durch die Kontrollen auf der Erde rutschen konnte. Aber diese Feierabendverschwörer hatten es tatsächlich geschafft. Er achtete gute Leistungen, und das war eine.

Wenn er daran dachte, wie einfach es für ihn gewesen war, in dieser Untergrundgruppe Fuß zu fassen, dann zeigte diese Aktion für ihn eine professionellere Handschrift.

Vor einigen Wochen erst hatte er ihren Wahrheitsdrogentest über sich ergehen lassen. Er hatte genau gewußt, wie er die Wirkung zu simulieren hatte. Vom ersten Tag an hatte er sehr aktiv mitgearbeitet. Das hatte ihm zu einer schnellen Karriere innerhalb der Zelle auf L5 verholfen. Nun, er hatte den Feind ausgemacht und grünes Licht zum Handeln. Ich werde Sie nicht enttäuschen, Mr. Henderson, Sir.

*

Nachdem Wizard von der Stimmung auf der Erde berichtet hatte - seine mangelnden politischen Kenntnisse verblüfften die Verschwörer erheblich, die wachsende Kriegsangst jedoch hatte er sogar auf Ibiza gespürt - drängte MacIntosh auf eine Besichtigungstour. (Der tut ja so, als hätte er dies alles alleine gebaut.) Innerlich lächelte Wizard über den liebenswerten Enthusiasmus der neuen Pioniere.

Joan beugte sich zum Wizard und fragte ihn, ob er einmal auf dem Mond gewesen war. Doch der Mystiker war in seinem Leben nie auf dem Mond gewesen, und auch in den Staaten hatte er sich nie lange aufgehalten.

"Seltsam," sagte Joan, "ich könnte schwören, daß ich Ihnen schon einmal begegnet bin."

Die fremdartige Atmosphäre in dieser riesigen Baustelle, der runde, gewölbte Himmel über ihm beeindruckten den Wizard sehr. Er spürte das grundsätzlich Neue an der Perspektive. (Millionen werden noch zu meinen Lebzeiten unter solchen Habitathimmeln geboren werden.)

Durch die anschaulichen Schwärmereien von MacIntosh meinte er fast, den fertigen Zustand vor sich sehen zu können, keinen nackten Stahlhimmel, sondern eine liebliche, bewachsene, hügelige Landschaft, unterbrochen von Teichen, Ackerfläche und Einzelhäusern. Er ließ seinen Blick schweifen. (Natürlich kann man dann seinen Nachbarn von oben her in den Garten sehen.)

"¼ bevorzugen wir schnell wachsendes Gehölz. Die Wasserlieferungen vom Mond sind sichergestellt. Unsere größte Sorge ist, daß wir keine irdischen Schädlinge hier einschleppen. Das erste Segment ist bald fertig. Wir gehen dann hier auf 0,5 g und beginnen mit der Belüftung und mit dem Placieren der Muttererde, Mein lieber Blondini, wir haben den ersten Schritt fast geschafft."

MacIntosh fuhr fort, die zukünftigen Freizeiteinrichtungen zu beschreiben. Vor allem die Niedrigschwerkraft in der Umgebung der Zylindernabe konnte für Badevergnügen und muskelgetriebene Drachenfliegerei benutzt werden. Vor Wizards innerem Auge entstanden Habitate der hundertfachen Größe mit friedlichen, glücklichen Menschen darin.

Während die Vision Gestalt annahm, erkannte Wizard, daß er nun ein Lebensziel hatte.

*

"¼ kommt in den nächsten Tagen von Terra herüber; ihr Name ist Maria Camero. Dann können wir realistischer Planen."

MacIntosh saß zusammen mit Joan, Norris und Wizard in einem Konferenzsaal. Sie waren über einen abhörsicheren Laserkanal mit Dankert und Wilson am Katapult verbunden. Letzterer hatte gerade den Besuch einer Rainbow-Beauftragten von Terra angekündigt. Norris fragte nach Neuigkeiten von der Erde. Dankert antwortete ihm: "Dort geht alles drunter und drüber. Die Sicherheitskräfte sprengen eine Zelle nach der anderen. Alle Anzeichen deuten auf eine wirtschaftliche Machtkonzentration um Hendersons 'Cybernetics' hin. Ich weiß nicht, ob ihr schon von des 'Renaissance'-Stoff gehört habt. Er soll angeblich das Leben verlängern."

Wizard hatte die ganze Zeit über schweigend zugehört. Jetzt wirkte er zum ersten Mal interessiert. Er hatte einen Mißklang in der emotionalen Sphäre wahrgenommen. (Was ist das? Es muß während Dankerts Bericht passiert sein. Einer von uns ist über die Entwicklung auf der Erde nicht beunruhigt. Er ist befriedigt.) Vorsichtig versuchte er, den Mißklang zu lokalisieren. Er kam sich vor wie ein Voyeur, als er nach und nach die Auren der anderen las. Seiner Auffassung nach war die Aura eines Menschen etwas sehr Intimes, doch hier lag eine Gefahrensituation vor. Nach Joan Kendall nahm er Kontakt mit Norris auf. Er bekam sofort ein ungewöhnlich intensives Flashback, vergleichbar einem starken Stromschlag. Fast im gleichen Moment brach der Kontakt zusammen. Wizard war verwirrt, dann spürte er die geistige Abwehr und ein schwaches Tasten. (Er ist es. Er hat mich bemerkt und sucht jetzt nach mir. Seine mentalen Kräfte sind zwar schwach, aber deutlich spürbar. Ich muß ihn überrumpeln.)

"Sagen Sie, Norris, was hat Henderson eigentlich mit uns vor?"

Norris erstarrte vor Schreck, die anderen blickten fassungslos und mit offenen Mündern auf Norris und Wizard.

Wizard konzentrierte sich und ließ alle Gedanken aus seinem Kopf fließen. Fast augenblicklich spürte er Erschrecken, Überraschung, Haß und unbedingten, kompromißlosen Willen zum Sieg. (Der Mann ist gut!)

Mit der ersten Bewegung kappte Norris die Laserverbindung zum Mond, indem er die Sichtscheibe des Geräts eintrat.

Wizard atmete tief durch den Bauch, um jede Spannung zu lösen und ein inneres Gleichgewicht herzustellen, so daß er Kraft und Schnelligkeit erreichte, ohne dabei Energie zu verschwenden. Konzentriert nahm er alle Begebenheiten in sich auf. Er wußte, daß ein Konzentrieren auf Norris alleine ihn unflexibel machen würde, Er mußte die geringere Schwerkraft berücksichtigen. Und die Tatsache, daß dieser Kampf nicht nach Turnierregeln geführt wurde. Und dann schaltete er ab. Sein Geist wurde völlig leer und ruhig wie die unbewegliche Oberfläche eines Waldsees im Mondlicht.

Und da kam Norris auch schon, übermenschlich schnell, mit einer Dreier-Kombination: Ushiro Geri, Mae Geri, Mawashi Geri, schnellen Fußschläge zum Kopf. Wizard reagierte augenblicklich, als Norris die Schläge ansetzte. Er machte zwei schnelle Schritte schräg links rückwärts. Er hatte die Kombination gespürt. Dennoch hatte er das Tempo von Norris unterschätzt. Nur um wenige Millimeter entging er dem dritten Schlag. Norris hatte aufgrund der geringeren Schwerkraft um eine Kleinigkeit zu hoch gezielt. Ein Konterversuch von Wizard mit Yoko Geri, einem Fußkantenschlag, in Norris Absetzbewegung hinein blieb ergebnislos. Er erwies sich als fast einen halben Meter zu kurz.

Für einen Moment standen sie sich regungslos gegenüber. Norris musterte den Wizard, diesen ihm völlig unbekannten Blondini, abschätzend, kalt, mit neuem Respekt, doch immer noch siegesgewiß.

Wizard dagegen wirkte fast geistesabwesend. Er regte keine Miene und schien durch Norris hindurchzublicken. Dann begann er zu tänzeln, fast spielerisch, gleitend und geschmeidig, von einem Bein aufs andere, in einer Kreisbewegung um Norris herum.

Ein Versuch von Norris mit einer Seitenrolle vorwärts und einem schnellen Fußfeger blieb ergebnislos, da Wizard auch diesen Schlag vorherahnte und ausweichen konnte. Er spürte Norris intelligenzgesteigerten Geist, die Konzentration und die Mordlust. Wizard konnte nachsetzen und seinen Gegner beim Aufstehen sogar etwas in Bedrängnis bringen. Doch Norris kam fast unangefochten auf die Beine und nahm seine Kampfstellung ein. Er rieb sich mit der Innenseite des Daumens unter der Nase. Er stand jetzt auch tiefer, bewegte sich gleitender. Die Miene des Wizard blieb ausdruckslos.

*

Und wenn wir nach innen schauend uns wenden,

und unsere Wahre Natur bezeugen:

"Unser wahres Selbst ist Nicht-Selbst,

unser eigenes Selbst ist Nicht-Selbst",

dann sind wir jenseits von Ich und Wortspielerei.

Dann springt das Tor auf zum Einssein von Ursache und Wirkung.

Nicht zwei und nicht drei - geradeaus läuft der Weg¼

Und so sind wir in Gehen und Wiederkehr immer daheim.

aus Hakuin Zenjis Lobgesang auf ZAZEN

*

Wie die Oberfläche des Wassers bei Windstille ungebrochen das Mondlicht zurückwirft, so nahm Wizard die Energien von Norris in sich auf und warf sie auf ihn zurück. Sein gutes Training, die völlige Konzentration, das Satori und einige Kniffe aus dem Bereich der magischen Selbstverteidigung unterstützten dabei sein natürliches Talent: Geschickt nutzte er die Möbel aus. Ein Versuch von Wizard, seinen blonden Gegner über den mentalen Kanal zu berühren und zu ermüden, war fehlgeschlagen. Er leistete sich deshalb jedoch nicht den Luxus einer Verwunderung. Wizard kämpfte, wie er noch nie in seinem Leben gekämpft hatte.

*

"An einer Seele, die völlig frei von Gedanken und Erregung ist, findet selbst der Tiger keine Stelle, seine Krallen einzuheften."

nach Suzuki 'Zen und die Kultur Japans', Reinbek 1972, S.60

*

Joan Kendall war vor Schrecken wie gelähmt. Ihr Traum wurde Wirklichkeit. Mit starrem Blick und geöffneten Lippen, auf denen der Schrei festgefroren war, verfolgte sie die Bewegungen der beiden kämpfenden Männer, die viel zu schnell für ihr ungeübtes Auge waren. Eben hatte MacIntosh versucht, den Raum zu verlassen. Jetzt lag er bewußtlos in der Nähe der Tür. Mit einer spielerischen Bewegung, die auch Wizard nicht verhindern konnte, und die den Kampf keinesfalls verzögerte, hatte Norris den Schotten an der Schläfe erwischt. MacIntosh hatte keine Chance gehabt, zu reagieren; der Schlag war viel zu schnell gewesen. Er kippte sofort um.

Plötzlich explodierte die Szene vor ihren Augen in ein Gewirr von blitzartigen Bewegungen. (Um Gottes Willen, was ist hier passiert?) Ihr wurde schwindelig. In diesem Moment erstarrte das Durcheinander vor ihren Augen. Beide Männer waren ruckartig zum Stand gekommen, Sie sah es für einen winzigen Moment gestochen scharf wie ein Standfoto, und es schien ihr, als stehe die Zeit still. Der Wizard stand auf dem linken Bein, das rechte bildete mit seinem Oberkörper eine gerade Linie. Seine rechte Ferse bildete den höchsten Punkt dieser Schräge. Sie traf auf Norris' Solar Plexus. Langsam, wie in Zeitlupe, sah sie dessen Körper in der geringen Schwerkraft zu Boden sinken.

Langsam löste sich ihre Erstarrung, und sie bemerkte, daß der Wizard sich übergab und sichtlich zitterte.

Als die verstörte Computerexpertin eine Bewegung in Richtung auf den nun gar nicht mehr heldenhaft wirkenden Mystiker hin machte, winkte dieser ab: "Schon in Ordnung, diese Übelkeit befällt mich nach jedem anstrengenden Kampf. Daß hängt mit dem Abbau meines überhöhten Adrenalinspiegels durch die starke Konzentration zusammen. Sehen Sie lieber nach MacIntosh! Ist er tot?"

Joan beugte sich über die reglos am Boden liegende Gestalt, untersuchte sie flüchtig und antwortete dann: "Nein, er lebt zum Glück. Was ist mit ihm?" Zu diesen Worten deutete sie mit dem Kopf auf Norris.

Wizard, der sich inzwischen etwas erholt hatte, schüttelte den Kopf: "Er lebt auch, schließlich werden wir ihm eine Menge Fragen zu stellen haben. Er ist nicht nur der stärkste Gegner, dem ich bisher begegnet bin, sondern er kann auch sehr viel verkraften.

Darum sollten wir ihn auch so sicher wie möglich verpacken." Joan nickte und ging auf den Gang hinaus zum nächsten Terminal, um die 'Sicherheit' zu rufen.

*

Seit etwas mehr als zwei Stunden standen Joan, Anja Mbwele, ein stark lädierter MacIntosh, der Wizard und zwei Männer von der 'Sicherheit' deren Namen Joan in der Hektik des Vorstellens nicht verstanden hatte, im Krankenzimmer. Der kleinere dieser beiden, er schien Arzt zu sein, hatte Norris Injektionen verschiedener Wahrheitsseren gespritzt. Dieser lag festgeschnallt auf einer Liege, hatte jedoch keinerlei Wirkung angezeigt. Der Arzt wandte sich jetzt an den Wizard: "Er spricht auf keine der Drogen an. So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich bin mit meinen Möglichkeiten am Ende. Wissen Sie einen Ausweg?"

Unbewußt schüttelten die Anwesenden den Kopf.

Wizard schien zu überlegen, dann sagte er: "Ich bin nicht sicher, aber es gäbe da ein paar Möglichkeiten. Persönlich habe ich so etwas noch nie probiert, doch wenn ich die Schriften richtig verstanden habe¼ " Der Rest seiner Worte war unverständliches Gemurmel.

Alle sahen ihm erwartungsvoll zu, als er sich einen kleinen Tisch an das Kopfende der Liege rückte. Mit einer behutsamen Handbewegung legte er die darauf liegenden gebrauchten Druckluftspritzen auf den Fußboden und setzte sich im Lotossitz auf die Tischplatte, so daß er sich in Kopfhöhe von Norris befand. Während die anderen sich Sitzplätze suchten, baute Wizard seine Konzentration auf. Er atmete tief durch den Bauch, machte seinen Seist frei, die Unruhe der anderen ignorierend. Nach einigen Minuten begann er, mit den Fingerspitzen über Augen und Schläfen von Norris zu gleiten. Er wiederholte diese Bewegung mehrfach. Sein Gesicht wirkte auf Joan sehr angespannt. (Was hat dieser Mann bloß vor? Was macht der da? Das ist alles so unwirklich!)

Zu ihrer großen Verblüffung begann der scheinbar bewußtlose Norris mit leiser, monotoner Stimme, als stünde er unter Zwang, zu sprechen.

"¼ hieß es plötzlich, ich hätte Besuch. Na, ich konnte mir keinen vorstellen, der so schnell wußte, daß ich saß. Der Typ hat mir dann erzählt, daß ich nicht zufällig im Knast säße, sondern daß sie da nachgeholfen hätten. Na, ich hab darüber nachgedacht und habe dann unterschrieben. Später erfuhr ich, daß die anderen Agenten auf ähnliche Weise rekrutiert worden waren. Wir stiegen also zu sechst in ein Flugzeug und¼ "

Seine Stimme wurde leiser und Joan glaubte zu bemerken, daß Wizard sich stärker konzentrierte. Sein Blick schien in unendliche Fernen gerichtet zu sein und jetzt verstand sie auch wieder Norris Worte.

"¼ bekam ich den MBDV-Virus gespritzt. Danach drehte sich in meinem Kopf eine Zentrifuge, ich konnte keinen Gedanken festhalten, alles ging plötzlich so wahnsinnig schnell. Dann wurde mir übel, und ich verlor das Bewußtsein. Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich sofort zurecht, obwohl ich mich in einem schneeweißen Raum ohne Fenster oder Türen befand. langsam gewöhnte ich mich an das schnellere Denken, und zwei Wochen später begann das Fachtraining mit dem elektronischen Erzieher. Manchmal machte es sogar Spaß, zu lernen, aber meist dröhnte mir der Schädel nach diesen Sitzungen. Doch wir lernten immer eine Menge in kurzer Zeit."

Joan schüttelte leicht ihren Kopf. Es war ihr absolut unverständlich, was sie hier erlebte. (Wirken die Drogen jetzt plötzlich doch? Was hat es bloß mit diesem Blondini auf sich? Wieso sitzt der da so reglos?) Sie sah sich nach den anderen um, doch die starrten sprachlos gebannt auf das Schauspiel, das sich ihnen bot.

"Wir waren alle von der Organisation abhängig," vernahm sie wieder die monotone Stimme des Liegenden, "jeder auf seine Weise, aber alle total. Einmal, es war beim Kampftraining, sollte einer von uns gegen einen sehr viel schwächeren Kollegen unter realen Bedingungen kämpfen. Das hieß, auf Leben und Tod. Er weigerte sich, den schwächeren zu töten. Im gleichen Moment starb er durch eine MPi-Salve, die ihm der Ausbilder in die Brust schoß. Wer beim Töten versagte, starb."

Joan saß wie erstarrt. Ihr Verstand weigerte sich zu glauben, was sie hier hörte. (Wovon spricht dieser Mann? Der fantasiert doch, oder?) Sie konzentrierte sich wieder auf Norris.

"¼ ich bin fest davon überzeugt, Henderson will die Weltherrscha¼ " Er brach mitten im Wort ab, und Joan hörte plötzlich ein leises Zischen, und dann spritzte aus Norris Hals eine Fontäne roten Blutes. "Scheiße" hörte sie die Stimme von MacIntosh, "er hat eine Gehirnbombe in der Halsvene. Das war's. So ein Mist."

*

Sie saßen in der Kantine, tranken Kaffee und warteten auf den Bericht des Arztes, der die Ursache von Norris Tod untersuchte. Joan blickte Anja Mbwele, MacIntosh und den Wizard an. Sie hatten rotgeränderte Augen vor Übermüdung. Der Wizard sagte gerade: "¼ Einiges habe ich mitbekommen. Da ist dieser 'Elektronische Erzieher', das Prinzip habe ich verstanden. Eigentlich sollten unsere Ingenieure hier so etwas zustande bringen können. Tja, und dann ist da der sogenannte MBDV-23, ein künstliches Virus, welches in das Gehirn eindringt, die Bildung von Synapsen fördert und die Intelligenz und Lernfähigkeit steigert. So etwas können wir hier natürlich nicht selbst zusammenstricken. Wir sollten uns möglichst schnell von Hendersons Labors eine Probe besorgen. Vielleicht können wir die dann entsprechend vermehren¼ "

Joan Kendall fiel ihm ins Wort. "Wie ist es möglich, daß Du das weißt? Ich glaube es nicht. Der Mann ist doch gestorben, als er anfing, zu reden. Ich habe jedes Wort gehört, von diesen Dingen hat er nichts gesagt."

Wizard lächelte sanft und verständnisvoll. "Im Osten war man sich schon immer bewußt, daß es außer der physischen eine geistige Welt gibt. Die Begriffe Meditation, Erleuchtung und Karma sind im Westen nie ganz verstanden worden. Nun, ich arbeite mit Crowley MAGICK, das ist eine Synthese aus östlichen und westlichen Ansätzen. Durch Satori bekommt MAGICK erst richtig Kraft. Ja, mit MAGICK kann man viel machen. Aber Vorsicht, Joan, Es gibt da einen Karmaaspekt. Wenn man diese Techniken zu egoistischen Zwecken benutzt, dann fällt es leicht auf einen selbst zurück."

Joan Kendall sah ihn ungläubig an. (Dieses Gerede von Magie und so, der scheint wirklich daran zu glauben.)

Dabei war der Tag nicht mehr fern, an dem sie selbst noch an ganz andere Dinge glauben sollte.