"There is always another crisis around the corner."
(Marshall McLuhan)
Auf dem Weg vom Flughafen Fuhlsbüttel zum "Studio Hamburg" im Stadtteil Rahlstedt zu seiner ersten Fernseh-Live-Show sah Mufti durch das Fenster seines Taxis in Sasel kämpfende Jungendbanden und brennende Häuser. Er dunkelte die Scheiben ab und fragte über das Datenterminal des Taxis die Nachrichten des Tages ab. ("Wenn Du live vor der Kamera stehst, dann mußt Du immer absolut up to date sein!", hatte Jojo einmal gesagt.) Nur halb interessiert, in Gedanken bei der Show (Die Generalprobe ist doch prima gelaufen.), las Mufti die Meldungen vom Schirm.
Kaum hatte der Nachrichtensprecher geendet, als auch schon aufdringlich bunte Werbung über den Bildschirm flimmerte. (So ein Dreck, das muß ich mir nun wirklich nicht antun.) Ärgerlich wechselte er die Betriebsart des Terminals. (Da war doch eben Werbung für 'ne Knarre. Mal sehen, was mit meinem Waffenschein ist.)
Zu seiner Freude fand Mufti in seinem 'Elektronischen Briefkasten' die Nachricht, daß sein Waffenschein endlich bewilligt war. Das Gefühl, demnächst bewaffnet sein zu können wie alle wichtigen Personen, versetzte Mufti in einen wilden Machtrausch. Äußerst beschwingt bestellte er daraufhin nach einigem Nachdenken aus dem reichhaltigen Angebot der Firma Deckler und Boch eine moderne Kleinwaffe und die passende Munition dafür. Mufti schaltete zufrieden das Datenterminal ab und regelte die Autoscheiben auf einen halbtransparenten Zustand. Er lehnte sich bequem zurück, zündete sich eine Zigarette an und inhalierte genießerisch. (Ich hab doch unheimliches Glück gehabt. Das mit Jojo vor einem Jahr war ja schon ein mächtiger Dusel. Aber daß der Heidenreich vor sieben Monaten am Spacedust krepiert ist und die keinen hatten für die neue Sendung außer mir, das war echt 'n Break. Tja, das Glück, das auf die Dauer nur der Tüchtige hat.) Selbstzufrieden inhalierte er wieder tief. (Endlich kann ich mir die Frauen kaufen, auf die ich schon immer scharf war. Die letzte Nacht ist jedenfalls nicht übel gewesen. Allerdings bin ich auch ein guter Liebhaber, das macht die Weiber wahnsinnig an.) Bei dem Gedanken an die gutgewachsene Blondine mit ihren üppigen Kurven, die bereitwillig auf seine ausgefallensten Wünsche eingegangen war, stahl sich wilde Erregung in seinen Bauch, die er durch heftiges Inhalieren zu dämpfen versuchte.
Schwungvoll bremste der Taxifahrer in der Tonndorfer Hauptstraße vor dem Schlagbaum des Studio Hamburg. Mufti reichte seine Kreditkarte nach vorne, wo der Fahrer den fälligen Betrag mit Hilfe seines Taxameters abbuchte und sie dann zurückreichte. Er stieg aus und ging durch die Pforte - "Guten Abend, Herr Müller!" - über den erleuchteten Vorplatz zum Studio Zwei hinüber. Barney Hirsch, sein zuverlässiger Assistent, hager, klein, farblos, blond, wartete schon nervös mit einem Bündel Computerausdrucken in der Hand in der kleinen, hellen Garderobe auf ihn.
"Hallo, Barney!" Mit einem besorgten Stirnrunzeln begrüßte Mufti seinen engsten Mitarbeiter. "Wie ist der neueste Stand? Haben wieder Politiker abgesagt?"
Barney lächelte beruhigend: "Mensch, Mufti, ganz ruhig, wir haben alles im Griff. Wir haben den Schreier von der CDSU, Blanke von der SPD, die Soerensen von der Alternativen Bundesliste und diesen Prof, wie heißt er noch, ah hier, Kraski vom Institut für Sozialforschung. Er hat fest zugesagt. Außerdem habe ich hier die Zuschauervorschläge für die Diskussion. Die Politiker regen sich darüber auf, daß sie die Themen nicht schon vorher kennen. Ich habe ihnen gesagt, daß es uns auch nicht besser geht." Kurz darauf fügte er etwas leiser hinzu: "Aber wir müssen ja auch nichts dazu sagen." Mufti atmete tief durch und blickte einen Augenblick gedankenverloren auf die hagere Gestalt seines Assistenten. (Wenn das hier schiefgeht, jage ich mir 'ne Kugel in den Schädel. Gott, wie soll aus diesem Chaos je eine Show werden.)
Dann riss er sich zusammen und sagte: "Du hast recht, ich bin zu nervös. Du weißt doch, das hier ist mein erstes eigenes Ding, und ich hab reichlich Schiß, daß es in die Hose geht. Also laß uns die Themen durchgehen und sehen, was die Leute wissen wollen. Was ist denn im Angebot?"
Mufti setzte sich und steckte sich mit hektischen Bewegungen eine Zigarette an. (Es ist schon ungewöhnlich und beunruhigend, daß ich als Talkmaster selbst die Themen nicht im Voraus kenne. Scheiße! Was da alles schief gehen kann, und dann rollt MEIN Kopf. Andererseits können wir nur so die gewünschte Aktualität erreichen. Mist.)
Barney wühlte in dem Papierhaufen, den er auf seinem Memoboard mit sich herumschleppte und murmelte so etwas wie: "Was in die Hose geht, ist wenigstens nicht ganz verloren." Er fingerte zwei Computerausdrucke hervor und berichtete: "Also, am häufigsten die gestrigen Überfälle der 'Trash-Warriors' hier in Hamburg. Die Überfälle fanden in Blankenese natürlich lohnende Opfer. Das gibt Zündstoff, besonders weil Schreiers Familie betroffen ist." Mufti fühlte sich erleichtert. (Das gibt es also heute abend: emotionale CDSU Politik. Scheiße, Politik ist immer emotional. Puhhh, dieses blöde Muffenklappern beim ersten Mal. Ich sollte mich bemühen, präziser zu denken.) "Wenn wir damit nicht ankommen, sind wir sowieso auf dem falschen Dampfer." Sein alter Optimismus kehrte langsam zurück. "Was steht im Showteil?"
"Wir haben da die 'International Moscito Catching Asc.' mit ihrem Hit 'Die Machtjunkies'. Die sind zur Zeit groß im Kommen. Reine Glückssache, daß wir die im letzten Moment noch unter Vertrag gekriegt haben!" Mufti erhob sich und unterbrach mit einer Handbewegung Barneys Redestrom. Mit einem gestiegenen Gefühl der Selbstsicherheit begab er sich zum Schminktisch. "Damit sind die Würfel gefallen, jetzt müssen wir das alles nur noch gut verkaufen. Aber wir haben ja auch gute Ware."
*
"Noch zehn Minuten, Mufti!" Barneys Stimme klang ruhig im Ohrhörer. Im Geiste ging Mufti noch einmal seine Ansage durch. Er war inzwischen zur Kulisse geschlendert und ließ seinen Blick über die bereits wartenden Studiogäste schweifen.
Professor Kraski, ein kleiner, hochintelligenter Mann mit Eierkopf und Glatze, heute in dunkelblauer Samtjacke erschienen, wie immer sehr selbstsicher und von sich überzeugt, unterbrach seine Gedanken. "Sie sind sich im Klaren darüber, daß ich hier mit meiner ehrlichen Meinung nicht hinter dem Berg halten werde, auch wenn ich einigen der Anwesenden dabei empfindlich auf den Schlips treten sollte." Mufti blickte auf die energiegeladene Gestalt des kleinen Professors und antwortete gelassen: "Nun, Prof, das erwarte ich auch von Ihnen¼ " Eine Regieansage unterbrach Muftis Kommentar. "Mufti, es geht los; noch eine Minute." Sein Ohrhörer war tadellos eingestellt. Die Frau von der Maske tupfte ihm noch ein letztes Mal Puder auf das Gesicht und hastete dann aus dem Empfangsbereich der Kameras. Er rückte das Manuskript zurecht und fixierte den Monitor.
Und¼ "Achtung noch zehn Sekunden, 9¼ 8¼ 7¼ 6¼ 5¼ 4¼ 3¼ 2¼ 1¼ Sendung!" Mufti betrachtete den Bildschirm vor sich. Das Erkennungsvideo seiner Sendung erschien. (Wie lange haben wir daran gearbeitet.)
Die Graphik, ein Netz von goldenen Lichtpunkten, flimmerte über den Schirm. Zu der schwungvollen Musik des Hauskomponisten van Raalte liefen in schneller Folge Bilder von Politikern und Szenen aus dem Alltag ab und formierten sich dann zu den Buchstaben des Titels 'Das sagt die Politik und Wissenschaft, was meinen Sie?'.
Während Mufti die letzten Sekunden auf dem Zählwerk unter dem Monitor dahinschmelzen sah, kämpfte er mit seinen Zweifeln. (Und wenn die Leute nun gar nicht wissen wollen, was ihre Volksvertreter meinen?) Dann hörte er Barneys Stimme auf dem Ohrhörer: "Achtung Mufti, jetzt!"
Sofort waren die Zweifel wie weggeblasen. Mufti atmete tief durch, setzte ein profihaftes Lächeln auf und begann schwungvoll. "Guten Abend meine Damen und Herren! Mein Name ist Herbert Großkopf. Hiermit begrüße ich Sie zu der ersten Folge unserer Live-Show 'Das sagt die Politik und Wissenschaft, was meinen Sie?'. Die Spielregeln dieser Sendung sind einfach: In der Bildschirmecke oben rechts erscheinen von Zeit zu Zeit einige Telefonnummern, und Sie sind herzlich eingeladen, uns unter diesen Nummern anzurufen und uns zu sagen, was Sie von den Aussagen unserer Volksvertreter und des Wissenschaftlers halten. Diese Anrufe werden von einem Computer angenommen und ausgezählt. Zu unserer Themenauswahl nehmen wir jetzt an keine Vorschläge mehr entgegen.
Die am häufigsten gestellte Frage wird heute abend den Politikern vorgelegt. Keiner der anwesenden Damen und Herren kennt in diesem Moment die Frage, sie werden spontan antworten. Anschließend findet eine elektronische Abstimmung statt. Jeder Zuschauer kann über sein Heimterminal oder Telefon mitmachen. Aus Ihren Antworten wird eine Zuschauermeinung hochgerechnet und den Aussagen der Studiogäste gegenübergestellt. Ich möchte Ihnen nun die Sprecher des Abends vorstellen, Ladies first: Frau Andrea Soerensen von der Alternativen Bundesliste, Herr Christian Schreier von der CDSU, Herr Friedhelm Blanke von der SPD und, last but not least, Herr Professor Manfred Kraski vom Institut für Sozialforschung in Freiburg. Alle Anwesenden sind Ihnen seit langem bekannt aus Presse, Rundfunk und Fernsehen, so daß wir sie Ihnen nicht näher vorstellen müssen. Kommen wir also gleich zu unseren - Ihren - Fragen. Ich rufe unseren Mann am Computer, ich rufe Barney Hirsch! Barney, welche Frage beschäftigt unsere Anrufer am meisten?"
Das Bild teilte sich, und Barneys Kopf erschien neben dem von Mufti. Durch die bewußt kontrastierend gehaltenen Hintergrunddekorationen entstand ein interessanter Effekt.
"Hallo und guten Abend Herbert Großkopf, einen guten Abend den Gästen und Zuschauern. Das brennendste Thema des heutigen Abends sind die Überfälle der 'Trash-Warriors' und anderer Jugendbanden auf das sogenannte 'Ausbeuterreservat' in Hamburg Blankenese. Wie, so lautet die am häufigsten gestellte Frage, konnte es dazu kommen, und was wird dagegen unternommen?"
"Danke schön, Barney Hirsch." Muftis Gesicht wurde in das untere, linke Viertel des Bildschirms verbannt, während Aufnahmen der rauchenden Trümmer von Blankenese, von Aufräumkommandos und Leichen über den Bildschirm liefen, schwungvoll kommentiert von Mufti, der einen von Barney vorbereiteten Spickzettel ablas. (Verdammt, wie kommen wir an? Wenn Barney sich doch melden würde.) Muftis Abbild füllte wieder den ganzen Schirm aus und hielt ein Flugblatt vor die Kamera. "Dieses Flugblatt, meine Damen und Herren, wurde wohl als eine Art Bekennerbrief zurückgelassen."
*
B R Ü D E R !
GIBT ES EIN LEBEN VOR DEM TOD? JAWOHL, WIR NEHMEN ES UNS!
ES HAT KEINEN ZWECK MEHR, VON KLEINEN ÜBERFÄLLEN LEBEN ZU WOLLEN! WIR SIND STARK GEWORDEN.
DAHER IST ES ZEIT FÜR EINE SPEKTAKULÄRE AKTION ALLER FORTSCHRITTLICHEN KRÄFTE GEGEN DIE BLUTSAUGER UND EWIG-GESTRIGEN.
WIR LADEN EUCH EIN ZUM PLÜNDERUNGSBUMMEL IM SCHMAROTZERVIERTEL.
DAS GENAUE ZIEL WIRD AUS SICHERHEITSGRÜNDEN ERST HEUTE NACHT BEKANNTGEGEBEN.
EINZELHEITEN KÖNNEN BEI DEN GRUPPENFÜHRERN UND REGIONALHAUPTQUARTIEREN ERFRAGT WERDEN!
JE MEHR WIR SIND, DESTO LUSTIGER WIRD ES. DARUM, KOMMT ALLE! BRINGT EURE WAFFEN MIT! ES SIND GENUG PIGS FÜR ALLE DA!
FUCK THE ESTABLISHMENT! FÜR DIE BRECHUNG DER ZINSKNECHTSCHAFT! TOD DEN BONZEN, SCHWEINEN UND PRIVATSCHWEINEN! DIE ZEIT IST REIF. KEINER DARF FEHLEN!
Gruppen 'TRASH-WARRIORS' und 'BLINDER ZORN'
*
"Jetzt wollen wir keine Zeit verlieren, darum gebe ich die Frage direkt weiter an den Sprecher der CDSU, Herrn Christian Schreier, der selbst auf tragische Weise von den tragischen Ereignissen betroffen ist. Bitte schön, Herr Schreier." (So, und jetzt will ich was hören, Du Spruchkasper; immerhin haben sie Deinen Sohn zum Krüppel geschlagen und Deine Schwiegertochter vergewaltigt.) Mufti lächelte in die Kamera, und während er sich zurücklehnte, schwenkte der Kameramann zur Großaufnahme auf Schreiers teigiges Gesicht.
Barney meldete sich auf dem Ohrhörer: "Klasse, Mufti, Du bist voll auf Kurs, die öffentliche Resonanz ist bisher positiv. Den Rest muß jetzt der Profilügner mit der Profilneurose bringen; angeheizt genug ist er ja. Wenn er abschweifen will, dann hole ihn knallhart auf das Thema zurück. Intendantenschelte können wir uns leisten, solange nur die Einschaltquote hoch ist. Das erste Mal zählt." (Du hast Recht, Barney, das erste Mal zählt. Wenn die Resonanz gut ist und die Einschaltquoten hoch, dann will ich wenigstens so viel Spaß wie möglich haben, denn wenn ich Spaß habe, dann werden die Zuschauer auch ihren Spaß haben.)
Schreiers Stimme klang knarrig und kurzatmig. Mufti wurde an eine alte Seemannstruhe erinnert, die er als Kind bei seinem Großvater gesehen hatte. Deren Deckel hatte beim öffnen ein ähnliches Geräusch von sich gegeben.
"Guten Abend, meine Damen und Herren hier im Studio und daheim an den Empfängern. Ich freue mich, in dieser Sendung, die eine völlig neue Qualität der aktuellen Information auf den Bildschirm bringt, mitwirken zu dürfen. Leider ist unsere Redezeit, wie immer, sehr knapp. Doch wir sind ja daran gewöhnt, von den Journalisten und Moderatoren in jeder Beziehung hart angefaßt zu werden. Wie Herr Großkopf schon sagte, ist meine Familie und bin ich persönlich von diesem sinnlosen und brutalen Terrorakt betroffen. Dieser heimtückische Überfall einer kriminellen und gewalttätigen Bande, die sich bezeichnenderweise die 'Trash-Warriors' also Abfall- oder Abschaum-Krieger nennt, betrifft jedoch nicht nur mich und meine Familie oder die Bewohner von Blankenese. Dieses grausame Massaker an friedlichen Menschen macht jeden anständigen Deutschen betroffen! Gestern haben diese Rotten von arbeitsscheuen, kriminellen und kommunistisch unterwanderten Terroristen Blankenese überfallen, morgen sind sie vielleicht in Winterhude oder Pöseldorf. Die anderen Großstädte haben ähnliche Probleme, übergriffe in Kleinstädten sind keine Seltenheit mehr, und die Gewalt nimmt von Jahr zu Jahr weiter zu. Diese jugendlichen Gewalttäter, zum Teil sind es bestimmt nur irregeleitete Mitläufer, Gefühlsgestörte, Süchtige und Entwurzelte, denen wir zur Umkehr raten ehe es zu spät ist, diese Kriminellen können wir nicht gewähren lassen. Diese Elemente schaden jedoch nicht nur ihren direkten Opfern, alles Steuerzahler unseres Landes und somit Finanzierer des sozialen Netzes, sondern, da sie selbst Sozialhilfeempfänger sind, sich selbst und Millionen anderen, die allesamt anständige Bedürftige sind. Allein diese Überlegungen zeigen, daß es sich bei diesen perversen Massenmördern und verschwörerischen Verfassungsfeinden nur um einige wenige kriminelle Unruhestifter und Perverse handeln kann."
Professor Kraski rief unbeherrscht dazwischen: "Sie irren, Herr Schreier! Ihre wenigen sind schon ganz schön viele geworden."
Mufti brachte den aufgebrachten Professor mit einem diskreten Handzeichen zur Ruhe.
Schreier, viel zu sehr Vollblutpolitiker, als daß er sich durch einen Zwischenruf hätte aus dem Konzept bringen lassen, fuhr ungerührt fort.
"Eine andere skandalöse Tatsache, welche zu der Katastrophe führte, ist die schmerzliche Wahrheit, daß die Sicherheitskräfte in Blankenese aus Geldmangel nur unzureichend bewaffnet und ausgebildet waren. Wir, meine Freunde in der Partei und ich, haben in der Vergangenheit immer wieder auf die Mißverhältnisse in diesem Stadtteil hingewiesen, dessen Sicherheitskräfte, wohl gemerkt, von den Bewohnern über die Steuer hinaus in Eigeninitiative aufgestellt und bezahlt, durch veraltete Volksfrontgesetze unserer Vorgänger, die wir so bald wie möglich beseitigen werden, ständig behindert, daß diese Sicherheitsorgane also im Amt in Ihren Kompetenzen eingeengt werden. Wie soll unsere Polizei den anständigen Bürger schützen, wenn sie keine Explosivgeschosse, kein Reizgas, keine Laser und keine schweren Waffen einsetzen darf? Wie soll sie uns schützen, wenn sie durch die sogenannten Datenschutzgesetze in ihren Nachforschungen behindert wird? Wir von der CDSU hoffen nun, daß die bürgerfeindliche Haltung einiger Parteien, besonders hier in Hamburg, aufgegeben wird zugunsten der Verstärkung unserer Ordnungskräfte¼ "
Wiederum unterbrach Prof. Kraski mit einem Zwischenruf: "Natürlich, dieselben Rezepte, die seit 30 Jahren schon nichts mehr bringen!"
Schreier tat, als hätte er nichts gehört und fuhr aalglatt und unbeirrt fort: "¼ Durch höhere staatliche Zuwendungen sollen außer der Mannschaftsstärke der Sicherheitskräfte und der Qualität der Bewaffnung, vor allem die Trainingsstunden in den Bereichen Kampfsport, Combat-Schießen und Psychologie vermehrt werden. Durch diese Maßnahme würde nicht nur das Leben eines jeden Staatsbürgers besser gesichert, sondern auch neue Arbeitsplätze geschaffen. Liebe Mitbürger, wir, meine Parteifreunde und ich, wissen, daß wir mit der Hilfe aller demokratischen Kräfte in Deutschland durchsetzen werden, daß das Leben und die Gesundheit eines jeden anständigen Bürgers garantiert wird. Sorgen Sie, liebe Mitbürger, mit uns dafür, daß Ereignisse wie die in Blankenese Einzelfälle bleiben. Wir, meine Parteifreunde und ich, werden die Anarchie verhindern und die verfassungsmäßige Ordnung gegen alle Angriffe verteidigen. Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit."
Sofort wurde auf die Kamera mit der Weitwinkelperspektive umgeschaltet. Mufti bedankte sich bei Schreier für die offenen Worte und erteilte dann der Sprecherin der Alternativen, Frau Soerensen, das Wort. (Bin ja mal gespannt, was jetzt kommt. Was die alte Laberbacke wohl bringen wird?) Auf seinem Monitor erschien die gutaussehende Frau mit der bedächtigen Sprechweise jetzt in Großaufnahme und begann zu reden:
"Liebe Kollegen und Freunde hier im Studio und zu Hause an den Fernsehgeräten. Wir von der Fraktion der Alternativen bedauern die Vorfälle und verurteilen sie auf das Schärfste. Wir distanzieren uns deutlich von solchen sinnlosen Gewaltakten und wünschen den Opfern baldige Genesung. Es ist ein Skandal, daß es Menschen gibt, die sich zu so etwas hinreißen lassen. Gerade in diesen schweren Zeiten ist es doch wichtig, daß wir uns solidarisieren. Auch wenn ich die Meinung des Kollegen Schreier, wonach unsere Sicherheitsorgane nur unzulänglich mit Waffen und Kompetenzen ausgerüstet sind, nicht teile, komme ich doch nicht umhin, von der konservativen Regierungskoalition tiefgreifende Maßnahmen zu fordern. Dazu gehören auch und vor allem Maßnahmen, die den Umweltschutz betreffen, um eine Verbesserung unserer Lebensqualität einzuleiten. Wir haben doch schon in der Vergangenheit oft genug erfahren, daß einer Aufrüstung der Sicherheitskräfte nur ein Ansteigen der Gewalt folgt. Unser Plan, welcher der Regierung schon lange vorliegt und auf den wir noch immer keine Reaktion erfahren haben, beinhaltet weitgreifende und Arbeitsplätze schaffende, umweltverbessernde Maßnahmen. Wir müssen, meine Damen und Herren Kollegen von der Regierungspartei, ja nicht auch noch innenpolitisch dem weltweiten Rüstungswahn folgen. Sollten Sie diesen Trend weiter verfolgen, so brauche ich keine prophetischen Gaben, um Ihnen heute schon zu sagen, daß Sie die Antwort spätestens bei den nächsten Wahlen bekommen werden. Noch sind Erscheinungen wie diese 'Trash-Warriors' seltene Minderheiten, die Mehrzahl der Bürger unseres Landes sind, Gott sei Dank, immer noch Demokraten, die wissen, wie man politische Veränderungen bei uns in Deutschland herbeiführt. Wir haben den Kontakt zu unserer Basis nie verloren, wir wissen, was unsere Wähler wollen: Sichere Arbeitsplätze und mehr Lebensqualität durch konsequenteren Umweltschutz und alternative Energiepolitik. Wir von der Alternativen Bundesliste werden niemals aufhören, diese Wünsche unseres Volkes als unsere vornehmste Aufgabe zu verstehen. Ich bedauere die Blankeneser Vorkommnisse und verurteile sie hier nochmals auf das Schärfste, aber ich kann nicht umhin, sie Ihnen als Folge Ihrer verfehlten Innenpolitik vorzuwerfen. Ich bedanke mich bei den anwesenden Freunden hier und den Freunden draußen im ganzen Land für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Interesse und Ihre Unterstützung unserer politischen Arbeit."
Ein erneuter Zwischenruf Kraskis: "Sie schwafeln, gnädige Frau," ließ der so Angesprochenen das Blut ins Gesicht schießen. Sie hielt sich jedoch im letzten Moment mit Mühe zurück. Mufti ignorierte den Zwischenfall (Dieser Kraski ist sein Gewicht in Gold wert. So langsam kommt Schwung in die Sache.) und erteilte MdB Blanke von der SPD das Wort.
Der großgewachsene, muskulöse Mann, der es vom Polier bis zum Juristen gebracht hatte, stand in dem Ruch, ein einmal anvisiertes Ziel mit der Bodenhaftung eines Panzers und mit der Hartnäckigkeit eines hungrigen Wolfes zu verfolgen. Trotzdem hielt Mufti nicht viel von seiner Intelligenz. Dafür gefiel ihm die tiefe Stimme des Politikers, die gut tragend das Studio erfüllte.
"Guten Abend, meine Damen und Herren, liebe Freunde. Sie und ich mußten uns hier heute abend schon eine Menge nutzloser Rezepte anhören. Der Herr Kraski hat das schon in treffende Worte zu fassen gewußt¼ "
"Nicht so viel Honig, bitte. Kommen Sie zur Sache.", erwiderte der Gelobte.
"Ich bin gerade dabei, Herr Professor. Wir Sozialdemokraten haben schon immer vor der Demontage des sozialen Netzes gewarnt. Wir sind immer für ausgewogene Sozialleistungen eingetreten, damit der Bürger sich in unserem Staat sicher und geborgen fühlen kann. Er kann dieses bestimmt nicht bei den Folgen dieser Regierungspolitik. Nur unzufriedene Menschen zetteln Krawalle wie den in Blankenese an. So bedauerlich dieser Vorfall auch ist, Herr Kollege Schreier, so haben Sie und Ihre Parteifreunde doch einen erheblichen Anteil daran. Mit noch mehr Gewalt, besonders mit der Gewalt von diesen schrecklichen Privatarmeen, ist da bestimmt nichts zu verbessern. Wo bleibt denn die von uns geforderte Verbesserung der prophylaktischen Sozialarbeit, wo bleiben unsere Reformen der Waisen- und Erziehungsheime? Sie fordern eine bessere Bewaffnung, nicht unserer Polizei, sondern der Privatarmeen derjenigen, die sich auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung riesige Vermögen anhäuften, aber das Geld wäre besser angelegt, wenn Sie es den Kinderheimen oder der psychologischen Ausbildung unserer Ordnungskräfte zukommen ließen, unseren Ordnungskräften, Herr Schreier, das heißt der staatlichen Polizei, vergessen sie das nicht.
Die Ausbildung von Sozialpädagogen und Erziehern wird immer schlechter und wenn sie dann mit ihrer Ausbildung fertig sind, bekommen sie keine Arbeitsstelle, weil die Kommunen das Geld für die Aufrüstung der Polizei ausgegeben haben. Das muß und wird sich ändern, dafür werden meine Parteifreunde und die Volksmeinung sorgen. Überfälle wie hier in Hamburg werden sich jeden Tag und an jedem Ort wieder ereignen, wenn Sie und Ihresgleichen, Herr Schreier, mit Ihrer Politik der Jugend die Zukunft nehmen und das Vertrauen des Bürgers in den Staat zerstören. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit."
Wieder erschien Mufti in Großaufnahme auf dem Bildschirm. Er machte ein zufriedenes Gesicht und sagte: "Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir haben hier drei verschiedene politische Standpunkte kennengelernt, und nun wollen wir hierzu noch einen Fachmann hören. Professor Kraski, vom Institut für Sozialforschung in Freiburg, hat sich bereiterklärt, uns die Resultate seiner Arbeit vorzutragen. Herr Professor, Sie haben das Wort!"
Das markante Gesicht Kraskis erschien auf dem Bildschirm. Er wirkte wie ein Rennpferd in der Startbox. Er begann sofort zu sprechen: "Ich habe hier heute abend mit Erschrecken festgestellt, daß die Berichte, die ich regelmäßig für unsere Regierung und für die Opposition anfertige, überhaupt nicht zur Kenntnis genommen werden. Gerade in meinem letzten Bericht, der Ihnen schon im vorigen Jahr zugegangen ist, weise ich auf die drei wichtigsten Hauptursachen der desolaten Situation dieses und anderer Länder unseres Planeten hin. Auf die vielen Nebenaspkete können wir in dieser Sendung verzichten. Ich möchte Ihnen jetzt hier sagen, was sie offensichtlich nicht lesen wollen. Ich spreche von Anomie, Partikularismus und der allgemeinen Legitimationskrise."
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"¼ Zusammenfassend ist zu sagen, daß, infolge der Beschleunigung des sozialen Wandels, durch die Beschleunigung der technologischen Innovation und durch die Unfähigkeit der Menschen, diesen Wandel geistig/gefühlsmäßig zu verarbeiten, die Gefahr des allgemeinen Zusammenbruchs von Normen und Regeln wächst. Sollte dieser Fall eintreten, dann läge eine sogenannte 'revolutionäre Situation' vor. Eine solche ist mit polizeilichen Mitteln nicht mehr beherrschbar."
Bericht des Instituts für Sozialforschung in Freiburg unter Federführung von Hr. Prof. Dr. M. Kraski an den Untersuchungsausschuß für Grundsatzfragen des Deutschen Bundestages vom Sept. 1997
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"Anomie, das heißt Normen- und Regelschwäche, bedeutet, daß die Werte und Normen der Gesellschaft nicht mehr auf den Einzelnen durchdringen. >Diese Werte sind nicht meine Werte, sie gelten nicht für mich.<
Die Anomie erkennt man daran, daß die Zahl der Selbstmorde zunimmt und vor allem auch an der Charakterverformung in die Richtung auf Sadismus und Nekrophilie hin und an abweichendem Verhalten, wie das die gestiegene Konsumbereitschaft für Drogen und Alkohol zeigt. Nur am Rande möchte ich hier noch auf die Beobachtungen aus der Arbeit mit Schülern hinweisen: Grimassieren, Fingernägelkauen, motorische Unruhe, hirnorganische Störungen, Konzentrationsschwäche oder körperliche Anfälligkeiten wie Seh-, Hör- und Sprachfehler; all dieses, meine Damen und Herren, tritt in alarmierend ansteigendem Maße auf. Dies sind nicht irgendwelche Kinder von denen ich hier spreche, sondern unsere Kinder, die es ja wohl mal besser haben sollen als wir.
Partikularismus beschreibt ein Phänomen, das sie alle selbst beobachten können. Die Vereinsamung des Einzelnen und/oder den Rückzug auf die Werte des sozialen Umfeldes kennen Sie ja alle, wie z.B. religiöse oder Jugendgruppen o.ä.. Durch die Dritte Industrielle Revolution, die Anpassung der Produktionsprozesse an die Anforderungen der Computerzeit, die neuen Medien und die Tatsache, daß die Leute nicht auf das Schwinden des Arbeitsmarktes vorbereitet waren, ziehen sich die Menschen auf die Kleingruppe oder auf sich selbst zurück. Gestern lernten wir noch, daß jeder die Pflicht zur Arbeit hat und der Mann der Ernährer der Familie ist, und heute stimmen diese Werte alle nicht mehr. Als Folge identifizieren wir uns entweder mit unserem Kegel- oder Fußballverein, oder vielleicht mit unserem Kleinbetrieb, auf keinen Fall aber mit den Deutschen, geschweige denn, mit der Menschheit. Das Wohl der Gesellschaft ist den meisten Menschen völlig egal; nur der Nutzen der Kleingruppe zählt.
Dies alles fördert den dritten Punkt meiner Analyse, die Legitimationskrise. An Äußerungen wie >Politik ist ein schmutziges Geschäft!< oder >Alle Politiker sind korrupt!< erkennt man doch schon, wie die Legitimität unseres Staates von weiten Kreisen der Bevölkerung eingeschätzt wird. Nimmt man neuere Untersuchungen z.B. über die Verbreitung von Polizistenhaß in dieser Gesellschaft hinzu, dann wird das Bild endgültig gespenstisch. Meine These ist, meine Damen und Herren, die Legitimität von Parteien, Gerichten, Konzernen und anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisationen wird von der Bevölkerung in immer geringerem Maße anerkannt¼ "
Der ernsthaft provozierte CDSU-Mann konnte sich nicht mehr beherrschen und rief: "Herr Kraski, vielleicht ist es Ihnen entgangen, in Ihrem Elfenbeinturm, aber wir sind eine demokratisch gewählte Regierung!"
"Sicher," nickte Kraski gelassen, "mit einer Wahlbeteiligung von 43,8%."
Obwohl er sich innerlich über jede Kontroverse freute, griff Mufti jetzt ein: "Aber, aber, meine Herren, lassen Sie bitte den Professor seine Ausführungen beenden. Wir haben später noch Zeit für eine Diskussion."
"Danke," sagte Kraski, "die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig: Die 3. industrielle Revolution und ihre Folgen - Produktionsprozesse und neue Medien, künstliche Intelligenz und Biotechnik und ähnliches - führen zur Vereinsamung und Gefühlsarmut. So wird die Werbung unserer Tage immer aggressiver, indem sie nur noch auf die niedrigsten Bedürfnisse des Menschen, auf Sex, Aggression und Besitzgier abzielt. So wird heutzutage z.B. kein Produkt mehr angeboten, sondern nur noch ein für den einzelnen Konsumenten meist unerreichbares, doch erträumtes Lebensgefühl. Da der überwiegende Teil unserer Bevölkerung sich leider keine Jacht, keine schweren Motorräder und schon gar keine Fernreisen leisten kann, jedenfalls nicht durch ehrliche Arbeit, kommt es zu einem Bedürfnisstau. In der Folge geben sich einige eben nicht mit dem Rauchen der entsprechenden Zigaretten Marke XY zufrieden, sie versuchen, sich das benötigte Geld dort zu holen, wo es offensichtlich vorhanden ist, nämlich in Blankenese und ähnlichen Wohngegenden.
Durch die immer deutlicher werdende Kluft zwischen den sozialen Schichten steigen naturgemäß die Aggressionen der Benachteiligten. Diese werden durch eine korrupte, immer brutaler werdende Staatspolizei und vor allem durch die Privatarmeen noch geschürt. Durch die Art und Weise, in der unsere Massenmedien das Thema Gewalt darstellen, wird die Hemmschwelle davor, Gewalt anzuwenden, bestimmt nicht gesteigert, sondern im Gegenteil, abgebaut. Welche Perspektiven hat wohl ein Sozialhilfeempfänger in Altona? Können Sie sich vorstellen, wie es sich wohl anfühlt, zu wissen, daß Sie hier, aus der Armut, nie rauskommen werden? Nein, Sie können es sich nicht vorstellen, denn Sie waren noch nie in dieser Situation! Auch ich kann es mir nicht wirklich vorstellen. Doch ich bin davon überzeugt, daß es trostlos sein muß. Trostlos, das heißt ohne Trost leben zu müssen. Die einzigen Träume, die dort, in der Gosse, geträumt werden, handeln von einem guten Geschäft, von DER großen Chance, egal in welcher Branche.
Da die verantwortlichen Politiker es versäumt haben, die ihnen anvertrauten Bürger auf die Arbeitslosigkeit und die daraus entstehende Verschuldung vorzubereiten, leidet der Großteil der Bevölkerung unter psychologischem Streß. Dieser wird verstärkt durch die Angst vor Atomkrieg und vor Staatswillkür, was zu einem Gefühl der Misere und Ohnmacht führt und damit zu Schuldzuweisungen an Parteien und Verbände. In dieser Situation greifen viele Menschen zu dem staatlich vertriebenen Suchtgift Alkohol. Die Wirkung dieser Droge ist allgemein bekannt, sie enthemmt, das stärkste Gefühl setzt sich durch, aus Angst entsteht Aggression.
Der staatliche Geheimplan, der mir durch Zufall in die Hände fiel, ist typisch für die Hilflosigkeit der Regierung. Die Steuerung des Individuums zu dem, was normal ist, durch Psychopharmaka und gezielten Einsatz der Massenmedien kann nur einem kranken Hirn entsprungen sein. Das ist nicht nur völlig falsch, sondern auch nur ein kurzfristiges Herumdoktern an den Symptomen und bringt uns einer wirklichen Lösung der Krise um keinen Schritt näher. Die Hilflosigkeit, Ineffizienz und Dummheit der Verantwortlichen wäre rührend, wenn sie nicht so erschreckend wäre.
Was wir brauchen, ist nicht nur ein gerechteres Verteilungssystem, sondern auch ein völlig neues Wertesystem, welches den Menschen eine Orientierungshilfe in dieser sich so schnell verändernden Welt gibt, damit sie diese Gesellschaft wieder als IHRE begreifen können."
Kaum hatte der Professor seine Ausführungen beendet, als Schreier auch schon mit lauter Stimme von Kommunismus und Anarchie sprach. Auch Blanke und Frau Soerensen waren zu hören, letztere mit irgend etwas über 'Umweltschutz'. Kraski lehnte sich entspannt zurück und hob abwehrend die Hände: "Aber, aber, meine Herrschaften", erwiderte er, "entweder Sie lesen meine Berichte nicht, oder Sie messen ihnen keine Bedeutung bei, oder es steht zu befürchten, daß Sie alles wissen und diese Entwicklung aus Dummheit oder Profitgier, das will ich hier einmal dahingestellt sein lassen, billigen."
Schreier sprang, hochrot im Gesicht, auf und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Kraski: "Das ist doch offensichtlich staatsfeindliche Propaganda, was Sie hier betreiben, Sie sogenannter Professor, Sie. Leute wie Sie sollte man unter Verschluß halten, aber es gibt auch billigere Methoden!" Kraski lächelte süffisant und antwortete: "Herr Schreier, Sie entlarven sich selbst."
Der Lärm des Streitgesprächs blieb auf dem Tonkanal, während die Kamera zu Mufti schwenkte. Mufti lächelte entspannt einige Sekunden in die Kamera, während sich im Hintergrund die Stimmen überschlugen. Auf ein Signal von Muftis Fußschalter hin wurde das Geräusch langsam heruntergefahren.
"Lassen wir sie doch einen Moment alleine und kommen zum Showteil. Sehr verehrtes Publikum, wir bieten Ihnen heute die unvergleichliche Quasarrockgruppe 'The International Moscito Catching Association'. Viel Spaß."
*
"Und dann beuten Sie Dich aus, bis zum letzten Tropfen Blut.
Alles was in Dir noch wächst, ist eine mörderische Wut!"
Text aus dem Lied 'Die Machtjunkies' der Gruppe 'International Moscito Catching Association'
*
Auf dem Bildschirm erschienen die Musiker auf einer Bühne und grüßten winkend ins Publikum. Mit dem ersten Ton änderte sich die Szene. In rasendem Tempo wechselten sich Actionszenen aus tieffliegenden Flugzeugen, Atompilze, phantastische Biokreaturen, ein pulsierendes Auge und Lichtmuster stroboskopartig ab. Dazu spielte eine peitschende, schnelle Musik, und der dazugehörende Text drückte Hilflosigkeit, Verzweiflung und Wut aus.
Automatisch wurde nach dem Musikclip auf den Diskussionstisch zurückgeblendet. Noch immer waren die Teilnehmer bis auf den sehr souverän wirkenden Kraski hocherregt. Mufti erschien wieder in Großaufnahme auf dem Bildschirm. Gerade als er anfangen wollte, zu sprechen, wurde er offensichtlich durch eine Mitteilung über seinen Ohrhörer unterbrochen. Doch dann machte er seine Ansage: "Meine Damen und Herren, soeben erreicht mich aus der Regie die Nachricht, daß unsere Telefonzentrale kurz vor dem Zusammenbruch steht. Unzählige Eltern fragen nach rechtlichen Möglichkeiten, ihre volljährigen Söhne und Töchter gegen deren Willen aus solchen Rotten zu befreien. Ich bitte nun die anwesenden Herrschaften, hierzu Stellung zu nehmen. In der Zwischenzeit möchte ich Sie, liebe Zuschauer an den Bildschirmen zu Hause, bitten, jetzt über Ihr Hometerminal oder eine der in Ihren Tageszeitungen ausgedruckten Telefonnummern abzustimmen, mit welcher der hier vertretenen Positionen Sie am ehesten übereinstimmen."
Auf Muftis Zeichen hin wurde der Ton der Diskussionsrunde wieder hochgefahren, und die Gespräche gingen nach draußen. Alle sprachen über die Probleme der Anrufer. Blanke und Schreier waren für Gesetzesänderungen, um Befreiungen möglich zu machen, Soerensen setzte auf Erziehungsarbeit, Kraski beschrieb das Problem der Überbürokratisierung von Behörden und Gerichten: "Von der Antragstellung bis zu irgendeiner Entscheidung vergehen Jahre." Dann sagte er: "Die Lage ist ernst, meine Dame, meine Herren, hier kann nicht einfach so weitergewurstelt werden, sonst bricht uns in ein bis zwei Jahren unser ganzes schönes Wertesystem zusammen, und dagegen, das verspreche ich Ihnen, dagegen, was dann passiert, war die Revolution von 1918 ein harmonischer Kindergeburtstag."
An dieser Stelle schaltete Mufti sich wieder ein: "Meine Damen und Herren, entschuldigen Sie bitte, wenn ich Sie hier in dieser, zweifellos interessanten Diskussion unterbreche. Ich habe hier die Ergebnisse der Meinungsäußerungen unserer Zuschauer. Es haben sich 4,12 Mio. Bürger an der Abstimmung beteiligt. Die Meinung des Abgeordneten Schreier unterstützen 16% der Anrufer. 18,5% folgen den Ausführungen Herrn Blankes und 8% sind der gleichen Meinung wie Frau Soerensen. Die meisten Anrufer folgten jedoch den Argumenten Professor Kraskis. Der Prozentsatz der Anrufe derer, die unentschlossen oder gegen alles sind, ist verhältnismäßig gering. Er liegt bei 1,3%. Natürlich haben sich auch wieder Menschen gemeldet, die sich für besonders witzig halten, dies waren 0,2%. So fragte ein Anrufer z.B., ob die Russen mein Gehalt in $ oder Rubel bezahlen, und ein anderer meinte, man solle doch einfach genug Geld nachdrucken und es den Armen geben. Jeder solle so viel bekommen, wie der reichste Mann der Welt. Nun, das wäre zumindest eine Alternative, das Problem würde dieser Vorschlag leider auch nicht lösen. Doch genug der Scherze, meine Dame und meine Herren, haben Sie das Ergebnis in dieser Form erwartet?"
Frau Soerensen machte den Anfang. Sie sei sehr bestürzt und sehe sich in ihrem Argument bestätigt, daß noch ein langer Lernprozeß bevorstehe, bis die Bevölkerung das komplizierte Problem der Ökologie verstehen könne.
Herr Blanke schimpfte über den schlechten Informationsstand der Bevölkerung, fühlte sich ansonsten jedoch auch bestätigt.
Bestätigt fühlte sich auch Herr Schreier: "Die Zahlen sprechen für sich," sagte er, "belegen aber auch die subtile Propaganda des Herrn Kraski. Der Anteil jener Menschen, die in dieser verwickelten und gefühlsbeladenen Frage vernünftig denken, beträgt immerhin 16%, das darf man nicht aus dem Auge verlieren."
Nur Prof. Kraski äußerte sich überrascht: "Ich bin sehr erfreut, daß ich eine so große Anzahl Menschen erreicht habe. Offensichtlich machen sich mehr Menschen als Politiker Gedanken über die äußerst kritische Situation unserer Gesellschaft."
*
Am Spätnachmittag des nächsten Tages betrat Mufti, vor sich hinpfeifend, seine Wohnung in Berlin. Der Hausmeister hatte ihm ein Paket der Firma Deckler & Boch überreicht. "Ihre Sendung war großartig, Herr Großkopf!" Mufti hatte ihm ein großzügiges Trinkgeld gegeben. (Mensch, das war ein Erfolg. So deutlich hatte ich das nicht erwartet. Eine Einschaltquote von 33%. Es ist unglaublich. Wenn man bedenkt, daß die eingeführten Spitzenreiter mit ihren Multimillionenbudgets bei 41/42% liegen, bin ich mit meiner Erstsendung DER europäische Senkrechtstarter.) Er ging in sein modern und teuer eingerichtetes Wohnzimmer, seinen Konsumnachholbedarf hatte er in Zuge seines sozialen Aufstiegs gründlich befriedigt, und begann seine bestellte Schnellfeuerpistole auszupacken. (Hi, hi, sogar der Intendant ist ausgeflippt und hat mir einen Zweijahresvertrag angeboten. Aber so blöd bin ich nicht; erst mal abwarten was kommt.)
Die Waffe faszinierte ihn. Sie lag gut in der Hand, und Mufti spielte sofort damit herum, indem er in seinem Wohnzimmer imaginäre Feinde, die ihn umzingelt hatten, niedermähte. (Mann, ich hab ihnen allen gezeigt, wer hier der Größte ist. Hey, das ist 'ne Knarre, handlich, Laservisier, Restlichtaufheller und diese Kleinkaliberhochgeschwindigkeitsgeschosse. Auf sowas steh ich. Man weiß ja nie, was alles passieren kann. Jetzt kann ich mich jedenfalls verteidigen.) Er packte die Waffe wieder weg und ging in die Küche, um sich die bereitgestellte Flasche Champagner aus dem Kühlschrank zu holen. (Scheiße, soll ich ganz alleine feiern? Nee, aber auf die Kumpels habe ich jetzt auch keinen Bock. Ich weiß was. Ich ruf mir 'ne Nutte, irgend was Besseres. Wo hab ich bloß mein Notizbuch? Was Erstklassiges will ich haben. Geld spielt doch jetzt keine Rolle mehr für mich. Ach, da haben wir's ja, 741 - 33 - 69).
"Freiheit ist nie gegeben, stets bedroht."
(Adorno)
Die vielen Sitzungen mit dem elektronischen Erzieher waren schon längst Routine geworden, doch das eigenartige Gefühl im Kopf danach, wie aufgedreht, genoß er immer noch wie beim ersten Mal. (Schade, daß es immer nur so kurz anhält.) Julian Henderson öffnete träge die Augen und sah beiläufig aus dem Fenster seiner 'Super Aviation' auf die Landschaft unter sich.
Sein Blick wanderte vom Kabinenfenster mit zufriedenem Besitzerstolz über die verschwenderisch ausgestattete Inneneinrichtung seines Privatjets. Ihm gegenüber, sichtlich entspannt, saß Michael Strauch und nippte an einem geeisten Mangosaft. Man sah diesem seine nordischen Vorfahren auf den ersten Blick an. Er war 1.95m groß, blond mit klaren blauen Augen, die immer aufmerksam in die Welt blickten und denen nichts zu entgehen schien. Sein Körper strahlte die Geschmeidigkeit einer schläfrigen Raubkatze aus: scheinbar unbeteiligt doch zum Töten bereit. Strauch war der Meisterschüler und erste Absolvent von Hendersons vor einem Jahr gegründeten Ausbildungszentrum für handverlesene, hypnogeschulte und intelligenzgesteigerte Agenten. Der Manager hatte diesen bisher einzigartigen Mann zu seinem Privatsekretär und Bodyguard gemacht und hatte bisher noch keinen Anlaß zur Kritik gehabt.
(Diese Ausbildung mit den Intelligenzviren und dem elektronischen Erzieher läuft gut an. Die Behandlung der ersten dreißig Agenten ist weitgehend abgeschlossen. Wenn Savallas nicht so ein Ärgernis für mich wäre, dann könnte ich die Zahl der Rekrutierungen leicht erhöhen. Am liebsten würde ich diesen Westentaschenmafioso bei Gelegenheit durch einen meiner neuen Kämpfer, den ich völlig in der Hand habe, ersetzen. Leider geht es über meine Kräfte, in dieser kritischen Zeit auch noch die Sicherheitsabteilung persönlich zu führen.)
"Haben Sie Vorschläge, Strauch, wie man den Ausbildungsplan Ihrer Kollegen auf der Ranch noch verbessern kann?"
*
Sie hatten ihm eine farblose Flüssigkeit gezeigt und versichert, daß alles ganz harmlos wäre. Dennoch spürte er den metallischen Geschmack der Angst auf der Zunge. Der Gedanke daran, er könnte im schlimmsten Falle den Verstand verlieren, erschreckte ihn erheblich mehr als der Gedanke an den Tod.
Als die unpersönlichen Männer in den weißen Kitteln die Spritze aufzogen, brach er fast in Panik aus. Es dauerte angeblich nur dreißig Sekunden lang, aber es war ihm unendlich viel länger vorgekommen, dann hatte er die künstlichen Lebewesen in seine Halsarterie gespritzt bekommen. Dann passierte ¼ gar nichts! Michael spürte, wie sich kalte Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten. Seine Hand wollte aufwärts zucken, doch die Riemen, mit denen sie fixiert war, verhinderten, daß er den Schweiß abwischen konnte.
Ein paar Minuten später begann sich seine Wahrnehmung zu verändern. Er fühlte sich wie unter einer starken Droge. Sein Körper schien mehr Adrenalin zu produzieren. Herzschlag und Atmung beschleunigten sich. Die Stimmen der Arztes wurde plötzlich lauter und die Farben intensiver. Er hatte den Eindruck, alles viel schärfer, viel genauer zu sehen.
Michael hatte das Gefühl, sich aufzulösen. Seine Panik steigerte sich ins Unermeßliche.
Plötzlich explodierten tausend Farben vor seinen Augen. Sie begannen unerträglich zu strahlen. Sein Kopf schien zu zerspringen. Seine Gedanken überschlugen sich. Er wollte etwas sagen, doch er hatte keine Gewalt mehr über seinen Körper. Die Zunge war einfach nicht fähig, das Tempo der Gedanken in Laute umzusetzen. Mehrere 'ah's und 'oh's waren das Ergebnis des vergeblichen Versuchs, seine Empfindungen in Worte zu fassen.
Die Gedanken verloren vor Tempo jede Richtung, immer schneller, wie ein Karussell. Er konnte sie nicht mehr kontrollieren. Sein Körper hielt diese Spannung nicht mehr aus. Er zitterte. Er brach zusammen; und dann ein klarer Gedanke: "Verdammt, sie haben mich umgebracht." Dann wurde es schwarz um ihn, doch die Gedanken rasten schon wieder weiter¼
*
"Nun, Mr. Chairman, es scheint mir, daß die Ausbildung in Sprachen und technischen Fertigkeiten sehr umfangreich ist. Vielleicht könnte durch eine Spezialisierung sehr viel nützliche Kapazität freigesetzt werden. Ich denke da an eine noch breitere Ausbildung in den Bereichen Wissenschaft und Einsatztechnik."
*
In den ersten Tagen nach der Injektion, als er noch Mühe hatte, sich zu orientieren, war er aggressiv und leicht reizbar. Vor allem die Gedächtnisstörungen behinderten ihn sehr und führten zu endlosen, sinn- und ziellosen Grübeleien. Jetzt konnte er schon bruchstückhaft über seine Erfahrungen sprechen, und obwohl ihn dies noch sehr anstrengte, erweckte diese Verbesserung seines Zustands Erleichterung und Hoffnung in ihm.
Zwar schweifte er beim Sprechen noch häufig ab, da er so viele Zusammenhänge erkannte und nicht mehr linear sondern vernetzt dachte, doch merkte er bald, daß die anderen ihm nicht folgen konnten. So mußte er lernen, in möglichst einfachen Sätzen und sehr langsam zu sprechen. Er hatte die Eintrittskarte zur Hölle schon in der Tasche gehabt, doch er hatte sich stabilisieren können.
*
"Und Mr. Chairman, da ist noch etwas. Die Widerstandskraft gegenüber Wahrheitsdrogen ist ja belegt; darüber hinaus scheinen einige von uns über gesteigerte intuitive Fähigkeiten der Vorahnung zu verfügen. Möglicherweise ist da ein PSI-Effekt entstanden, der gründlich untersucht wird. Wir versuchen gerade, dieses Phänomen zu fördern und zu festigen. Es scheint, als gäbe es so etwas wie Empathie zwischen den MBDV-Behandelten."
Henderson nickte zufrieden und fragte dann: "Hat es bei dem Umzug auf die Ranch größere Rückschläge in der Arbeit gegeben?" Es war ihm sicherer erschienen die Ausbildungsschule für MBDV-behandelte Agenten nach Kerrville nahe San Antonio, Texas auf seine 'Four Leaf Clover Ranch' zu verlegen, weil dort die Geheimhaltung besser zu gewährleisten war.
"Nein, Sir, nur eine unbedeutende Unterbrechung," antwortete Strauch gelassen.
Nachdenklich rieb Henderson sein Kinn. Längst schon behandelte er sich mit dem lebensverlängernden Renaissance-Stoff und nahm regelmäßig Lektionen mit dem elektronischen Erzieher, jedoch zur Intelligenzsteigerung mit den MBDV-Viren hatte er selbst sich bisher noch nicht entschließen können.
(Hm, PSI-Effekt, die Sache klingt lohnend. Die Anwendung der Viren scheint inzwischen auch hinreichend sicher zu sein. Seit fünf Monaten schon hat keine Versuchsperson mehr den Verstand verloren. Ich sollte mich bei nächster Gelegenheit dieser Behandlung unterziehen. Das wird der Arbeit mit dem Lerngerät auch eine ganz andere Effektivität geben.)
"Strauch, machen Sie für mich einen Termin in Reigoldswinkel innerhalb der nächsten vierzehn Tage zur Virusbehandlung. Sprechen Sie nach der Landung deswegen mit Matthau."
Der Gong der Bordkommunikationsanlage ertönte, und die tiefe Stimme Watsons, seines Piloten, riß ihn aus seinen Gedanken.
"Landeanflug ist eingeleitet. In fünfzehn Minuten sind wir da, Sir."
"Danke, Watson." Henderson richtete sich auf und konzentrierte sich auf das unmittelbar vor ihm Liegende. Er wandte sich Strauch zu.
"Jetzt werden Sie meine Privatresidenz kennenlernen, die gleichzeitig das Nervenzentrum des Konzerns ist."
Die Maschine flog einen Bogen, und Henderson deutete aus dem Fenster. "Das ist ein sehr privater Flugplatz," sagte er zu Strauch, "hier starten und landen nur konzerneigene Maschinen. Es ist nur ein Katzensprung bis San Juan, aber als ich das Land kaufte, fingen die Stadträte erst an, den Ausbau der Stadt in diese Richtung zu planen." Der Jet setzte sanft auf und rollte zum Hauptgebäude. Mit energischen Bewegungen stand Henderson auf und ging zur Ausgangstür. Strauch folgte ihm geschmeidig und stand regungslos hinter ihm. Dann rollte die Maschine aus, die Tür öffnete sich, und die Männer verließen die Maschine und schlenderten durch die Nachmittagssonne zu den Gebäuden hinüber, welche sich in der hellen Vormittagssonne in die hügelige Landschaft Colorados duckten.
Auf halbem Wege kam ihnen ein aufgeregter Mann entgegen. Er trug einen stahlblauen Anzug mit einer Weste, und unter seinem Arm geklemmt hielt er eine Dokumentenmappe. Er schien völlig außer Atem zu sein, doch er ruderte mit dem freien Arm in der Luft und rief kurzatmig: "Mr. Henderson, Mr. Henderson, ein wichtiger Anruf aus Kerrville. Sie möchten doch unbedingt heute noch hinüber kommen." Sein Körper zitterte vor Anstrengung. "Ich weiß bald nicht mehr, wie ich alle Termine in 24 Stunden unterbringen soll."
Strauch quittierte die hektische Art des Neuankömmlings mit einem kaum angedeuteten Stirnrunzeln und enthielt sich ansonsten jeglicher Reaktion.
Ruhig sagte Henderson, zu Strauch gewandt: "Ich möchte Sie bekanntmachen. Dies ist Homer Matthau, der Chef meines persönlichen Stabes. Sie werden in Zukunft viel, und wie ich hoffe effektiv, zusammenarbeiten. Homer, dies ist Michael Strauch. Er wird ab sofort immer in meiner Nähe sein. Sorge bitte dafür, daß er einen ZBV-Ausweis bekommt. Ihr habt später noch Gelegenheit, Euch miteinander bekannt zu machen." Die beiden Angesprochenen musterten sich und nickten einander zu.
Dann wandte sich Homer Matthau wieder an seinen Arbeitgeber. Acht Jahre arbeitete er nun schon für Henderson. Er war vorher Wahlkampfmanager eines Senatskandidaten. Der Mann fiel durch, doch die Presse lobte Matthaus effektives Management. Dadurch war Henderson auf ihn aufmerksam geworden. Er hatte sein Talent bestätigt und war unaufhaltsam zum Chef von Hendersons persönlichen Stab aufgestiegen.
"Ansonsten, Sir, habe ich alles so vorbereitet, wie Sie es angeordnet hatten."
Während ihres Gespräches waren die drei Männer durch den Hangar und vor das Fluggebäude gelangt. Sie bestiegen eine große dunkelblaue Limousine, deren Tür von einem uniformierten Chauffeur aufgehalten wurde. Während Matthau Henderson über die anstehenden Termine informierte, musterte Strauch die Landschaft durch die einwegverspiegelten Panoramafenster. Die Fahrt ging durch ausgedehnte hügelige Parkanlagen, und von der Straße hatte man einen sehr schönen Blick auf die Berge Colorados, die mit ihren Wäldern aussahen, als wären sie aus einer anderen, längst vergessenen Zeit. Nach etwa zehn Minuten fuhren sie über einen Hügel und Strauch sah ein malerisches, kleines Tal, an dessen Boden sich mehrere einstöckige Gebäude schmiegten. Neben dem größten befand sich in einem Garten ein riesiger Pool, der wie ein tiefer Gebirgssee wirkte. Der Wagen fuhr in die Auffahrt und hielt vor dem Hauptgebäude.
*
Zusammen mit Strauch betrat Henderson das "Blaue Zimmer". In einer bequemen Sitzgruppe am Fenster saß Anne Creaver. Sie trug ein elegantes graues Flanellkostüm, eine weiße Seidenbluse mit passendem Halstuch, eine Süßwasserperlenkette und schwarze, hochhackige Pumps. Henderson schätzte sie auf etwa 40 Jahre, sie war klein und zierlich, doch wußte er aus dem Dossier, das Matthau ihm unterwegs im Wagen gezeigt hatte, daß sie hochintelligent war, und ihr Einfluß bei den Medien nicht unterschätzt werden durfte. Sie war freiberuflich für die 'Washington Kost' tätig und immer für eine Titelstory gut. Als sie die beiden Männer bemerkte, erhob sie sich und kam ihnen entgegen.
"Guten Tag, Mr. Henderson, ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie mir Ihre sicherlich kostbare Zeit schenken."
"Aber, ich bitte Sie, Miß Creaver, das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite. Was kann es Angenehmeres geben, als meine Zeit mit einer charmanten Frau wie Ihnen zu verbringen. Ich habe übrigens Ihre letzten Artikel gelesen. Ich muß sagen, Sie wissen, wovon Sie schreiben. Besonders Ihr Bericht über die Serie von illegalen Zugriffen auf das Datex-5 System hat mir sehr imponiert." (Die Frau hört wirklich das Gras wachsen, da muß ich verdammt aufpassen was ich sage.)
Strauch hielt sich während des Gesprächs unauffällig im Hintergrund und schwieg aufmerksam. Jetzt bat Henderson ihn, die mobile Hausbar heranzubringen und sich zu ihnen zu setzen. Anne Creaver kam gleich auf den Grund dieses Interviews zu sprechen: "Mr. Henderson, stimmt es, daß Sie eine lebensverlängernde Droge in Ihren Labors herstellen?"
Henderson blickte ihr offen in die Augen, obwohl sein Herzschlag für einen Augenblick auszusetzen schien. (Um Gottes Willen, wo hat sie das her? Ich muß Savallas verständigen! Er muß das Leck sofort abdichten. So eine Schlamperei! Das ist ja eine Katastrophe!) Äußerlich zuckte weder Henderson noch Strauch auch nur mit einer Wimper. Laut sagte der Konzernchef: "Das wäre mal ein Geschäft, aber leider ist mir so etwas noch nicht gelungen. Sie wissen ja, daß international mehrere Teams an dem Problem arbeiten, bisher ohne Erfolg. Doch falls Sie mir ein paar Hinweise geben können, werde ich die Jungs im Labor sofort darauf ansetzen. Das dürfen Sie schreiben, wenn Sie wollen. Im übrigen würde ein Erfolg in der Lebensverlängerungsforschung sofort publiziert. Dem schnellsten Team ist der Nobelpreis sicher."
"Sie sollten wissen, Mr. Henderson, daß ich nie etwas schreibe, das ich nicht zu 100% beweisen kann. Ich habe weder die Sicherheit, daß Sie den Stoff haben, noch, daß Sie ihn nicht haben. Also werde ich weiter recherchieren, bis ich etwas beweisen kann, oder ich werde das Projekt aufgeben, weil ich keine schlüssigen Informationen bekommen kann. Doch es wird lange dauern, bis ich aufgebe."
*
Herrmann Josef Goldhaupt, der Bankier, genoß in einem Liegestuhl auf der Terrasse des Hotels 'Trois Roi' in Reigoldswinkel die kräftige Alpensonne. Seine Gedanken beschäftigten sich mit den Ereignissen der letzten Tage.
Erst hatte er geglaubt, er hätte einen Spinner vor sich, doch ein Anruf bei Henderson hatte ihn eines Besseren gelehrt. Dann hatte er sofort zugesagt. Eine solche Chance glaubte er, nicht ausschlagen zu dürfen.
Am nächsten Morgen war er in Richtung Schweiz abgeflogen und hatte sich noch am gleichen Vormittag in der Klinik gemeldet.
Dort ging alles sehr schnell und undramatisch. Er erhielt eine Injektion und der behandelnde Arzt, der sich nicht vor vorgestellt hatte, erklärte ihm, er sollte noch zwei Tage zur Beobachtung am Ort bleiben, reine Routine.
Als er fünf Minuten später schon wieder das Behandlungszimmer verließ, machte seine Euphorie einer zunehmenden Ernüchterung Platz.
Er spürte nichts. Er wußte selbst nicht, was er erwartet hatte, und wenn er es nüchtern betrachtete, war das auch in Ordnung. Doch war ihm erst in den letzten Stunden klar geworden, auf was er sich eingelassen hatte. Wenn das nun alles ein Trick war, wenn Henderson bluffte?
Er würde den Beweis für Hendersons phantastisches Versprechen frühestens in einigen Jahren bekommen. Bis dahin würde er aber noch einige Injektionen brauchen, denn Henderson verkaufte keinen Vorrat. Also war er in Hendersons Hand. Alles nur, weil dieser behauptete, er besitze die Erfüllung des alten Menschheitstraumes: Das ewige Leben! Henderson, Du bist ein raffinierter Hund.
*
"Dafür sind Sie ja bekannt," sagte Henderson mit spröder Stimme. Er zwang sich zur Freundlichkeit. "Lassen Sie es mich wissen, wenn ich Ihnen dabei helfen kann." Die Journalistin erwiderte im gleichen Tonfall: "Ich habe nichts anderes von Ihnen erwartet, Mr. Henderson. Denn Sie sind in Pressekreisen nur allzu berüchtigt für Ihre Hilfsbereitschaft."
Beide lächelten sich säuerlich zu, und Anne Creaver wechselte geschickt das Thema.
"Was bedeutet für Sie der Zusammenschluß der 'United Tech' mit der 'Genentech' und der 'Artificial Intelligence' und deren Pläne für eine eigene Raumstation? Könnte das nicht eine starke Konkurrenz für Sie werden?"
Henderson setzte ein selbstsicheres Gesicht auf und antwortete: "Sie kennen doch die alte Wirtschaftswahrheit, Konkurrenz belebt das Geschäft. Nein, ich glaube nicht, daß wir uns gegenseitig behindern könnten. Bei aller Ähnlichkeit der Interessensgebiete arbeiten wir doch an zwei verschiedenen Enden des gleichen Fachgebietes, wenn ich das mal so salopp ausdrücken darf."
"Aber wie ich hörte, haben Sie sich doch ziemlich stark in der 'Weltraumerschließungsgesellschaft' engagiert. Wie stark eigentlich, Mr, Henderson?"
(Das Weib wird renitent. Sie muß beneidenswert gute Informationsquellen haben. Hoffentlich kann ich ihre Spürnase in einer Sackgasse verrecken lassen, ohne daß sie es merkt.) Innerlich schäumte Henderson vor Wut.
"Nun, Miß Creaver, ich habe leider keine konkreten Zahlen im Kopf, aber unsere Pressestelle wird sie Ihnen auf Anfrage bestimmt gern zur Verfügung stellen. Doch möchte ich ganz klar sagen, daß es sich heutzutage kein Konzern leisten kann, ein Weltraumprojekt im Alleingang durchzuführen. Die Kosten in dieser Branche sind im wahrsten Sinne des Wortes 'astronomisch'. Darum gibt es zum Beispiel eine 'Weltraumerschließungsgesellschaft', oder es schließen sich mehrere Konzerne zusammen. Jeder so, wie es für ihn am günstigsten ist."
"Und für Sie ist ein stilles Engagement bei einem geradezu gigantischen Projekt am günstigsten?" Die Frage kam zu schnell um spontan zu sein, und Henderson bemerkte es. Er antwortete so ruhig, wie es ihm noch möglich war: "Das ist Ihre Sichtweise Miß Creaver, doch es stimmt insoweit, daß dieses Engagement im Moment für mich günstiger ist als ein kleinerer Zusammenschluß mit anderen Konzernen. Vielleicht ändert sich das ja eines Tages, das weiß heute noch niemand, nicht einmal ich."
Anne Creaver erhob sich graziös aus dem Sessel und verabschiedete sich. "Vielen Dank für das Gespräch, Mr. Henderson. Ich habe zwar nichts von Ihnen erfahren, aber das habe ich erwartet." Nach diesen Worten verließ sie mit trotzig erhobenem Kopf den Raum.
Henderson sah ihr nachdenklich hinterher. Er hätte gern gewußt, was in ihrem Kopf vorging. Er sollte es fast zu spät erfahren.
*
Matthau und Henderson stellten Strauch während eines Rundgangs über das Anwesen die Computer-, Verteidigungs- und Kommunikationseinrichtungen vor. Sie betraten das Datenzentrum im Tiefkeller der Anlage über einen Fahrstuhl. "Für den Fall, daß einmal auch der Notstrom ausfallen sollte, haben wir hier auch eine Treppe." Hendersons Augen glühten vor Besitzerstolz.
Obwohl Henderson sein Universal-Codegerät am Handgelenk trug, mußten alle drei die Prozedur von Netzhaut-, Stimmen- und Hirnwellenkontrolle über sich ergehen lassen. Henderson stellte die Maschine auf Strauch ein, und zwar in der Kategorie B, so daß er zu den gleichen Daten wie Matthau Zugang hatte. Aus Sicherheitsgründen, wie er erklärte, hatte nur Henderson selbst Zutritt zum Programmierraum, und damit die Möglichkeit, die Basisprogramme zu verändern. Die Verteidigungseinrichtungen würden, so Henderson, jede andere Person bei dem Versuch töten, sich dort hineinzuschmuggeln.
Zuerst zeigten Matthau und Henderson Strauch, wie man vom Kontrollraum aus das ganze Areal mit Videokameras überwachen konnte, wie man die Lichtschranken für einzelne Sektoren an- und abschalten konnte und wie die Verteidigungseinrichtungen, die vielen Laser, automatischen Kanonen und Fla-Raketen funktionierten.
Ihr Hauptzweck war es jedoch, Strauch in den Gebrauch von Hendersons umfangreichen Datenbanken einzuweisen. Matthau erklärte: "Dieses System enthält eine Fülle von Informationen aus vielen Computern und Fremdsystemen. Verwertbare Informationen herauszuholen, ist die Aufgabe eines Fachmanns, eines Künstlers mit Fingerspitzengefühl und Inspiration, und ein solcher sollen Sie werden. Das Problem liegt im Dialog. Die Maschine weiß sehr viel und kann noch mehr in Erfahrung bringen. Fragt man zu oberflächlich, dann erfährt man womöglich nicht, was man sucht. Fragt man zu tief, dann wird man mit einer Fülle unverständlicher Informationen überschüttet. Es gibt auf der ganzen Welt nur wenige Spezialisten, die intelligent genug sind, ein so riesiges System zielgerichtet zu benutzen. Wir setzen große Hoffnungen auf Sie, Strauch."
Henderson unterbrach Matthau mit einer ungeduldigen Handbewegung und sagte: "Ich will, daß Sie dieses System beherrschen lernen. Damit kann man nicht nur unsere Datenbank befragen, sondern auch in fremde Systeme eindringen. Es ist alles absolut 'state of the art'. Spielen Sie mal damit, und dann will ich Vorschläge für weitere Anwendungsmöglichkeiten und eventuell für Verbesserungen hören. Ich komme in zwei Stunden wieder, bis dahin lassen wir Sie allein."
*
Schon nach kurzer Zeit konnte Strauch das System bedienen. Probeweise griff er auf verschiedene Datenbanken zu. So rief er zum Beispiel die FBI Akten des Gengenieurs Ochi und des Außenpolitikers Fleishhower ab, deren Namen ihm aus der Presse bekannt waren. Beim Versuch, die Akte 'Julian Henderson' aufzurufen, sperrte sich das System jedoch mit der rüden Mitteilung: "Zugriff nicht autorisiert."
Strauch ließ sich nicht entmutigen und versuchte es erneut, diesmal über einen anderen Zugang zum FBI-Rechner. Doch Hendersons System erwies sich als sicher. Es enthielt Strauch bestimmte Daten vor.
Das Arbeiten in den unüberschaubaren Dateien machte ihm viel Spaß, es reizte seine intellektuellen Fähigkeiten. Nach einiger Zeit vergaß er völlig, daß er in Colorado war und vor einem Terminal saß. Er schwamm durch das weltweite Netz, guckte hier hinein, nahm dort spielerisch eine Änderung vor.
Er war so sehr in seine Arbeit vertieft, daß er nicht einmal Hendersons Rückkehr bemerkte. Der warf einen Blick über Strauchs Schulter und sah wohlwollend dem geschickten Spiel der Finger auf der Tastatur zu. (Der Mann übertrifft meine kühnsten Erwartungen. Da, schon wieder nimmt er eine Änderung vor, so kommt er in das Pressenetz von UPI, doch die nicht bei uns rein. Das hätte ich selbst schon lange sehen müssen. Wenn dieser Mensch so weitermacht, wird das hier zu dem besten Informationszentrum der Welt. Welch eine Machtfülle, und alles in meinen Händen.)
*
Henderson besuchte zur Entspannung die Sauna. Hier traf er Sue Kwoon, ein international gefragtes Fotomodell, mit der ihn seit einiger Zeit eine Freundschaft verband. Zwischen ihren Fototerminen kam sie gern und oft in das Haus in San Juan.
"Julian, wie schön, Dich zu sehen. Ich wußte gar nicht, daß Du hier bist." Henderson ließ seinen Blick wohlwollend über ihren nackten, knabenhaften Körper wandern, wobei sein Gesicht einen milderen Ausdruck als sonst annahm. Sie bemerkte und genoß es.
Nach dem Saunagang schlenderten sie zu dem halbüberdachten Pool. Sie schwammen einige Runden und legten sich dann zusammen auf die Liegen an der Bar. Henderson gab ihr einige 'Afro-Di'-Tropfen in den Mangosaft, sie trank gierig und voller Vorfreude, und er spülte seine eigenen mit einem Longdrink hinunter. Sie plauderten über Belanglosigkeiten. Henderson genoß es, sich zu entspannen, loszulassen, nicht gefordert zu sein.
Nach einigen Minuten setzte bei ihnen die Wirkung der Liebesdroge ein, langsam, sanft und schleichend wie ein Raubtier bei Nacht steigerte sich der Puls und die Wärme im Bauch breitete sich über den ganzen Körper aus.
Sue begann das Vorspiel auf eine routinierte, fast geistesabwesende Art.
Immer wieder ergriff sie die Initiative. Die beiden harmonierten gut, wie ein optimal eingestellter Motor; sie waren seit langer Zeit aufeinander eingespielt. Henderson legte sich zurück und schloß die Augen. Sie war ein genauso verwöhnter Gourmet wie er und ließ seine Lust nur langsam ansteigen.
Er schwelgte eine Ewigkeit lang in den stroboskopartigen Bildern, die vor seinem inneren Auge abliefen, dann öffnete er die Augen. Mit Wohlgefallen ließ er seinen Blick über ihre sanft geschwungenen Rundungen gleiten. Er streichelte ihren Kopf und spürte ihre wachsende Erregung. Nun war auch er bereit, sich ihr zuzuwenden.
Es folgte eine längere Gymnastik, langsam, fast bedächtig, doch äußerst gezielt und erotechnisch perfekt.
Sie genossen beide ihren Orgasmus, so wie sie alles im Leben zu genießen pflegten, mit wenig Gefühlen und auf eine gierige Art.
Nach einer kurzen Ruheperiode, in der Sue ein paar Früchte aß, begann sie sich ihm wieder zu nähern. Da die Wirkung des Aphrodisiakums noch anhielt, war er nicht abgeneigt. Er genoß den Sex jetzt völlig passiv, woran sie gewöhnt war; sie, vom Flair der Macht in seiner Nähe magnetisch angezogen, genoß in solchen Momenten das Gefühl, ihn zu beherrschen.
Danach sanken sie in einen entspannten Halbschlaf, aus dem sie wenig später Hendersons Microcom weckte, der durch eine dunkle, volle Frauenstimme an den bevorstehenden Flug erinnerte.
Er stand auf, streichelte ihr zum Abschied wortlos über den Nacken und ging auf die offenstehende Terrassentür zu. Sie sah ihm nach. Als er im Haus verschwunden war, drehte sie sich auf den Bauch.
*
Nach einem kurzen Flug erreichten Henderson und Strauch die "Four Leaf Clover Ranch" in Kerrville, Texas, Hendersons geheimes Ausbildungs- und Forschungszentrum. Hendersons Kontrollbesuch dort war immer wieder verschoben worden und längst überfällig. Nach der üblichen strengen Identifikationsprozedur, in deren Verlauf ihre Hirnwellen und Netzhautmuster überprüft wurden, erhielten sie elektronische Ausweiskarten.
"Jeder hier darf sich nur in bestimmten Teilen der Anlage bewegen. Das gilt natürlich nicht für Sie, Mr. Henderson." Das Lächeln des Wachmanns war freundlich, doch unpersönlich wachsam.
Bei einem Rundgang über die Ranch erzählte Strauch Henderson Einzelheiten über die Ausbildung, die er absolviert hatte. Er berichtete über die endlosen Karatestunden, über das Waffentraining, das ein breites Spektrum an modernen und antiken Waffen umfaßte.
"Es ist erstaunlich, was der Mensch für eine Phantasie entwickelt, wenn es darum geht, eine Waffe zu konstruieren." Henderson betrachtete Strauch verstohlen von der Seite. (Dieser Mann erstaunt mich immer wieder. So kalt er auch wirkt, die Zeit der Ausbildung scheint einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen zu haben. Diese Psychotechniken sind wohl doch mehr wert, als ich mir eingestehen wollte.)
Strauch sprach mit verhaltener Begeisterung über das Konzentrationstraining, Denksport und Schnelldenken, Sprachtraining, Technik und Wissenschaft und vieles andere mehr. Jeder der MBDV-Modifizierten lernte mindestens fünf Sprachen. Er konnte sowohl ein Flugzeug, als auch ein U-Boot führen; die Spezialfertigkeiten einzelner wurden berücksichtigt und gefördert. Ein gezieltes PSI-Training war jedoch erst im Aufbau begriffen.
"Wir sprachen bereits im Flugzeug darüber, wenn Sie sich erinnern, Sir."
Henderson nickte und ließ sich von Strauch die Tür zu einem scheunenartigen Gebäude öffnen.
Sie traten in einen Sportraum und beobachteten einen Zweikampf mit Kendo-Stöcken, daneben kämpften zwei hübsche, junge Frauen mit Kongos und interessanten Jiu-Jitsu-Techniken.
Das Ganze war eine riesige, langgestreckte Halle, die an beiden Seiten durch Wände so unterteilt war, daß ein Mittelgang frei blieb. So passierten sie verschiedene, links und rechts gelegene Abteile.
Henderson wurde Zeuge von einem Zweikampf mit antiken Bihandschwertern, während gegenüber ein Pioniertraining an einer Kletterklippe mit Kampfgepäck und Sturmgewehr stattfand.
Am Ende der Halle blieben sie an einem Schießstand stehen. Fünf Männer und Frauen übten sich hier im Armbrustschießen.
Strauch erklärte Henderson die Waffe: "Sie besteht aus Titan und Verbundfaserstoffen. Ein Wunder an Mikroelektronik in Form eines Feuerleitcomputers steuert das Laservisier. Bis zu 120m eine absolut lautlose, tödliche Waffe." Selbst der immer beherrschte Henderson war beeindruckt.
Er winkte einen großen, blonden Mann und eine zierliche, dunkelhaarige Frau aus der gegenüber liegenden Abteilung heran und stellte sie Henderson vor.
"Sir, dies sind Miß Modesty de la Mare und Jonny Norris. Sie sind die besten ihres Lehrgangs. Sie werden jetzt nur noch im ESP-Bereich und im waffenlosem Töten weitergebildet."
Henderson gab Strauch ein Handzeichen. "Zeigen Sie mir mal, wie das in der Praxis aussieht."
Strauch nickte kurz und gab Norris einen kurzen Befehl. Die beiden Meisterschüler traten an einen Spind und zogen Full Contact Schuhe und Handschuhe an. Sie traten auf die Matte und verbeugten sich voreinander. Dann begann der Kampf. Sie gingen ein hohes Tempo. Dem geübten Auge hätte auffallen können, daß beide einen einzelnen Kampfstil vermieden. Schläge, Stöße und Griffe des Karate, Judo, Jiu-Jitsu, Aikido und Kung Fu wurden frei vermischt. Auch mit schmutzigen Tricks, wie man sie eher in der dunkelsten Gegend einer heruntergekommenen Hafenstadt vermutet hätte, wurde wie selbstverständlich gearbeitet. Weichteile, Augen, Schläfe und Kehlkopf bildeten bevorzugt anvisierte Ziele. Beide waren sich an Kraft und Schnelligkeit ebenbürtig.
Henderson war überrascht. (Das ist ja unglaublich, dieses Tempo! Wenn mir das einer berichtet hätte, ich hätte es mir nicht vorstellen können.)
Ein Versuch Norris, Strauchs rechten Arm am langen Hebel auszukugeln, wurde durch einen Kniestoß zu den Geschlechtsorganen unwirksam gemacht. Norris konnte nur durch einen schnellen Sprung rückwärts ausweichen. Strauch ging sofort in den Angriff über, versuchte einen gewagten Sprungschlag, einen Joko Tobo Geri, doch damit konnte er Norris nicht überraschen.
Henderson verstand nur wenig vom modernen Kampfsport, und das auch nur auf theoretischer Ebene. Doch was er sah faszinierte ihn mehr als er nach außen hin zugeben konnte.
Nach dem Kampf kamen beide, Strauch und Norris, zu ihm herüber. Die Anstrengung war ihnen kaum anzumerken, sie atmeten nur wenig schneller als vorher.
Auf Hendersons Bitte, ihm Miß de la Mares Fähigkeiten vorzuführen, ging Strauch voran an einen speziellen Schießstand. Hier demonstrierte die Amazone ihr Können mit dem Medusa Handlaser, einer Einsatzwaffe von Anti-Terror-Spezialisten, auf schnellbewegliche Ziele.
Henderson war sehr beeindruckt vom Tempo. (Mit diesen neuen Agenten werde ich unnachsichtig diese Industriespione verfolgen.)
*
Henderson und Strauch verließen die 'Turnhalle' und stiegen in einen Stationcar.
"Bis zur 'Animal Farm' fahren wir etwa fünf Minuten, Sir. Leider steckt auf diesem Gebiet noch alles in den Anfängen, aber ich bin sicher, daß sich der Aufwand lohnt. Einige Erfolge haben die Wissenschaftler schon vorzuweisen, besonders mit den Hunden."
Ein Biochemiker in Jeans und T-Shirt führte sie auf der ausgedehnten Abteilung herum und erzählte: "Wir arbeiten hier mit intelligenzgesteigerten Hunden, Katzen und Affen. In den Pools, die Sie hier rechts sehen," er machte eine weit ausholende Handbewegung, "experimentieren wir mit Delphinen, die unter dem Einfluß der Intelligenzsteigerung starke telepathische Fähigkeiten zu entwickeln scheinen."
(Das mit den Delphinen klingt lohnenswert. Gewässerüberwachung wird immer wichtiger. Wenn die Arbeit hier ausgereift ist, dann ist wenigstens ein gutes Geschäft mit der Navy drin oder mit einem der Tiefseeschürfunternehmen. Möglicherweise eignen sie sich als 'Schäferhunde' in der Fischzucht, jetzt, da die freilebenden Fischbestände immer gefährdeter sind. Vielleicht fällt Strauch ja noch etwas Besseres ein.)
"Wir stützten uns bei unserer Arbeit auf die Forschungen von Thomas Trelone", fuhr der Mann fort, "nur, daß wir, dank des modifizierten MBDV, keine Schwierigkeiten mit dem Gehirnvolumen haben. Leider hat sich, wie schon bei Trelone, die Arbeit mit Katzen als Flop erwiesen. Dagegen haben wir bei Hunden, Affen und Delphinen erstaunliche Ergebnisse erzielt. Tiere, die von Natur aus ein soziales Verhalten gewohnt sind, verkraften die Veränderung am leichtesten. Wir sind soweit, daß I+ Hunde auf schriftliche Notizen ihrer Halter reagieren. Dabei stehen wir erst am Anfang dieser Forschung."
Henderson ordnete an, daß fünf Leute aus dem Ausbildungsjahrgang von Strauch versuchsweise mit je einem der neuen intelligenzgesteigerten Schäferhunde als Team arbeiten sollten.
Außerdem bestellte er drei MBDV-behandelte Schäferhunde für die Bewachung seines Anwesens in Colorado.
"Strauch, was halten Sie davon, wenn Sie sich auch einen Hund als Begleiter aussuchen. Sehen Sie sich in Ruhe um, und wählen Sie sorgfältig."
Strauchs Augen blitzten: "Ja, Sir, ich habe während meiner Freizeit oft freiwillig bei den Trainingsprogrammen hier mitgeholfen. Ich habe damals mit dem Hund Canopus gearbeitet und wir haben uns prächtig verstanden. Ich würde ihn gern bei mir haben."
Henderson nickte zustimmend. "Wie Sie seinen, Strauch." (Dieser Mann scheint für das, was lebt, einen ebenso großen Sinn zu haben wie für Datenbänke.)
Hendersons nächste Anweisung an Strauch kam prompt: "Suchen Sie für mich auch einen aus!" Strauch wählte 'Sirius', einen großen, braunen Rüden.
Ein kurzer Blick in die benachbarte Abteilung 'Plastische Chirurgie' informierte Henderson und Strauch über die Fortschritte auf diesem Gebiet. Zum Zwecke der Einsatztarnung wurden hier nicht nur die äußeren Gesichtsmerkmale der Agenten verändert, sondern auch Augenfarbe, Stimmbänder, Fingerabdrücke etc. manipuliert.
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In der Abteilung Einsatztechnik nahm sich Henderson mehr Zeit. Hackmann, der Ingenieur der Abteilung, führte ihm seine Projekte vor. "Wir haben einige ganz neue Ideen; vielfach genügt es, altbekannte Instrumente mit Silizium-Intelligenz zu versehen. Die Möglichkeiten sind bisher kaum abzuschätzen."
Der Prototyp eines mausgroßen Aufklärungs- und Exekutionsroboters beeindruckte Henderson sehr. Die Maschine konnte sich eingraben, war flugfähig, und ihr Betrieb war sowohl ferngesteuert als auch vorprogrammiert möglich. Ein starker Laser für Attentate o.ä. war eingebaut. (Ich habe doch gewußt, daß dieser Hackmann bei den Hausfrauen- und Spielcomputern völlig unterfordert war. Der Mann ist ein Genie, wenn es um Mikrocomputer geht.)
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"Ich seh Dir doch an, Krysztoff, daß Dich irgend etwas quält. Also komm schon, was ist los?"
Krysztoff Hackmann seufzte und nahm dann seine Frau in die Arme.
"Ach, ich weiß es auch nicht so recht. Es hängt mit meiner Versetzung hierher zusammen. Die Arbeitsbedingungen sind wirklich phantastisch. Ich bekomme alle Geräte und Möglichkeiten, die ich haben will. Aber ich habe Angst vor den Dingen, die ich entwickle. Du weißt, ich darf nicht darüber sprechen, nicht einmal mit Dir."
"Aber Du warst doch so froh über diesen Posten. Du sagtest, es sei eine Verbesserung. Du bekommst hier mehr Gehalt und hast auch mehr Zeit für mich und die Kinder."
Hackmann lächelte und gab ihr einen Kuß. "Du hast ja so recht," sagte er zu seiner Frau, "vielleicht mache ich mir einfach zu viele Gedanken."
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Als nächstes führte Hackmann eine Universalarmbanduhr vor: Sie konnte sowohl als Computer, als Kom-Gerät, Laser und Säurestrahler dienen.
Ein Kugelschreiber mit Laser als Notwehrwaffe, eine programmierbare Armbanduhr, verwendbar als Bombe, ein Gigabyte-Universalcomputer, getarnt als Walkman, und als solcher auch funktionsfähig, eine als Kugelschreiber getarnte 'Fire and Forget'-SAM-Selbstlenkwaffe von fünfzehn km Reichweite, der bunte Reigen an Einsatzwaffen riß nicht ab. Henderson interessierte sich für jede Einzelheit, und Strauch stand ihm an Interesse und Konzentrationsvermögen in nichts nach. (Gut so, wir werden noch über manche Sache hier sprechen müssen. Nicht nur, daß er über alles informiert ist, er ist auch erstaunlich flexibel und belastbar.)
Eine Waffe, welche mit Druckluft psychoaktive Stoffe unter die Haut des Opfers verschoß, fand Hendersons besonderes Wohlwollen. Wie Hackmann erläuterte, ließ sich mit diesem Gerät eine breite Palette von Wirkungen erzielen: Tod, Willenslähmung, Betäubung, völlige Gedächtnislöschung.
(Ich erinnere mich. Das war doch das Zeug, von dem damals der gräßliche Popsänger erzählte.)
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Am Abend, zurück in Colorado, führte Henderson ein Visiphongespräch mit Samuelson, der den Verkauf des Renaissance-Stoffes zu organisieren hatte, über Zweifelsfälle bei der Vermarktung des Renaissance-Stoffes.
"Nun, Samuelson, wie sieht es aus? Gibt es irgendwelche Probleme?"
Der Mann auf dem Bildschirm zuckte die Schultern. "Im Großen und Ganzen läuft alles nach Plan, Sir. Doch habe ich hier ein paar Namen auf der Liste, über deren Träger mir nicht einmal Savallas befriedigende Auskünfte geben konnte. Ich hoffe, daß Sie meine Zweifel beseitigen können."
"Sie haben richtig gehandelt, Moshe, geben Sie mir die Namen durch, und ich werde meine Entscheidung treffen."
"Danke Sir, da hätten wir zuerst Ling Tsung, einen thailändischen Opiumkönig, der im Gebiet des 'Goldenen Dreiecks' arbeitet."
"Genehmigt."
(Bei der angespannten Lage in Süd-Ost Asien ist dieser Mann sicher ein guter Einkauf.)
"Andreas Lederle, ein Schweizer, er nennt sich Abschreibungsspezialist."
"Mmm¼ , er ist in Ordnung, aber¼ nun gut. Er kommt auf die Liste, wird aber vor jeder Injektion neu überprüft. Der Nächste."
"Papst Clemens XV. Ich weiß, wie nützlich er für uns sein könnte, aber Savallas kann nur unbefriedigende Auskünfte geben."
"Der Mann ist in Ordnung."
(Um Gottes Willen, bloß den nicht auslassen. Savallas scheint allmählich wirklich alt zu werden. Ich muß mit Strauch darüber sprechen.)
Es folgten noch einige Namen und Henderson genehmigte sie alle, bis Samuelson den Namen Baumann nannte.
"Moment, Lars Baumann, Zuhälter in Hamburg, Mädchenhandel und Waffenschmuggel?"
Der Mann auf dem Bildschirm bestätigte es.
"Ich hatte da kürzlich ein Memo der Sicherheit auf dem Tisch. Es ist nicht auszuschließen, daß dieser Lude ein V-Mann der Polizei ist. Ich wünsche, daß Sie alle Kontakte abbrechen. Wir wollen in diesem Geschäft keine Öffentlichkeit, auf keinen Fall. Es darf nichts durchsickern. Diskretion bleibt das oberste Ziel! Lieber lassen wir uns die eine oder andere Million entgehen, als daß wir uns im Bereich der Geheimhaltung auf faule Kompromisse einlassen."
(Wenigstens ist Samuelson zuverlässig. Ich werde mich zu gegebener Zeit daran erinnern.)
"Das wäre alles, Sir. Ich bedanke mich bei Ihnen und werde die erforderlichen Schritte in die Wege leiten."
Henderson beendete das Gespräch. Nach einem kurzen Augenblick des Nachdenkens wählte er die Geheimnummer von Luigi DiFausto, dem Paten der gleichnamigen Mafia-Familie an der US-Ostküste.
"Julio, Amigo mio, wie geht es Dir. Ahh¼ und ich muß mich bei Dir noch für die Medikamente bedanken, die Du uns geschickt hast. Ich hoffe, Du bist bei bester Gesundheit."
"Danke, Luigi, alles bestens," unterbrach Henderson den Redefluß des anderen. "Ich freue mich, daß alles gut angekommen ist. Wie geht es Deiner Mama und den Kindern?"
Luigi übergoß Henderson mit einem neuen Redeschwall und fragte dann: "Julio, kann ich etwas für Dich tun?"
Henderson sprach von vergangenen Zeiten und einer gemeinsamen Reise nach Hamburg. Er erwähnte einige Mitglieder von Luigis Familie, fragte ob sie noch in Hamburg lebten und ob es ihnen gut ginge. Nachdem Luigi dies bejaht hatte, erwähnte er den Namen Lars Baumann.
"Natürlich, der nette Mann, der uns alles gezeigt hat. Naturalmente, Amico, ich werde ihn von Dir grüßen lassen."
Henderson bedankte sich und unterbrach die Verbindung. (Dieser Mann wird uns keine Schwierigkeiten mehr machen.)
*
Lars Baumanns Fahrer und Bodyguard Atze Münter lenkte den himmelblauen Cadillac in die Parklücke. Sie waren gerade auf ihrer täglichen Tour, um Lars' 'Pferdchen' abzukassieren.
Auf der anderen Straßenseite, zwischen den grell erleuchteten Eingängen von Peep-Shows, Kneipen, zwischen Schleppern und Chinarestaurants, standen 'Big Tits'-Nena und Biene, die Spezialistin für griechische und russische Arbeit. Die beiden Zuhälter stiegen aus dem Fahrzeug und überquerten die Straße.
"Na, Mädels, wie geht das Geschäft?" Lars lächelte jovial, während Atze sich, wie immer, schweigend im Hintergrund hielt.
Biene lächelte Lars verträumt an und hielt ihm wortlos ein Bündel Scheine hin. Als Masochistin liebte sie den Zuhälter wegen seiner brutalen Art.
'Big Tits'-Nena begann gerade ihr übliches Theater beim Zahlen, und so blickte Atze gelangweilt in der Gegend herum. Er wußte, daß Lars ihn nicht brauchen würde, um Nena zu beruhigen.
Deshalb entgingen ihm auch die beiden Italiener, die, scheinbar auf einem Reeperbahnbummel, sich, laut lachend und offenbar angetrunken, der Gruppe näherten.
Als sie auf einen Meter herangekommen waren, zog der eine Italiener ein Stilett mit geschwärzter Klinge, machte einen schnellen Ausfallschritt und stach das Messer Lars Baumann mit unfehlbarer Präzision von unten durch Kiefer, Zunge und Mundhöhle ins Gehirn.
Es ging so b1itzschnell, daß Atze keine Zeit hatte, zu reagieren. Als er nach seiner 45er griff, hatte ihn der zweite Italiener schon längst im Visier einer Laser-Handwaffe und jagte ihm einen heißen Lichtstrahl durch die Brust.
Atzes letzter Gedanke, bevor er von der Bürde seines Lebens erlöst wurde, war: "Scheiße! Die Sache mit dem Unsterblichkeitsmittel war doch zu heiß! Er hätte auf mich hören sollen, dieser eitle Idiot! Schei¼ "
Er verschied mit dem Gedanken an das Wort 'Scheiße', und diese Tatsache sollte das Karma seines nächsten Lebens ganz entscheidend belasten.
*
Am nächsten Morgen trafen sich Henderson und Strauch im blauen Salon. Strauch begann das Gespräch, indem er Henderson an die Fragen der Creaver erinnerte.
"Sie haben recht, Strauch. Das ist dringend. Verbinden Sie mich sofort mit Savallas."
Nur etwa eine Minute später erschien Savallas Gesicht auf dem Bildschirm.
"Mr. Henderson, Sir." Savallas schien ehrlich überrascht darüber, von seinem Herren und Meister zu hören. "Ist etwas nicht in Ordnung?"
"Das kann man wohl sagen, Tony." Dann berichtete er von seinem Gespräch mit der Journalistin. "Überprüfen Sie sofort Ihr Abschirmnetz. Irgendwo in unserem Laden muß es eine undichte Stelle geben. Tony, Sie fangen doch nicht etwa an, schlampige Arbeit zu liefern?"
Savallas wurde blaß. "Sir, ich versichere Ihnen¼ "
"Papperlapapp," schrie Henderson aufgebracht, "versichern Sie weniger, und sorgen Sie lieber für mehr Ordnung in Ihrer Abteilung. Ich bezahle Sie dafür, daß unsere Firma dicht ist. Ich kann mir keine Fehler leisten, und wenn Sie welche machen, rollt Ihr Kopf, Tony."
Abrupt unterbrach Henderson die Verbindung. Dann wandte er sich ganz ruhig an Strauch.
"Sagen Sie, wie war die Arbeit mit den Datenbanken? Haben Sie etwas Interessantes entdecken können?"
Strauch begann vorsichtig. "Nun, wahrscheinlich wird es für Sie nichts Neues sein. Aufgefallen ist mir folgendes: Die Regierungen sind kein Problem, sie reagieren zu langsam und träge. Was uns zu schaffen macht, sind die anderen Konzerne. Es häuft sich die Anzahl der aufgedeckten Fälle von Industriespionage. Naturgemäß erhöht sich also auch die Zahl der nicht entdeckten Fälle. Dabei scheinen wir es nicht nur mit der Konkurrenz zu tun zu haben. Es werden unverhältnismäßig viele Saboteure aus Untergrundbewegungen gefaßt. Seit einiger Zeit werden uns große Schäden im Datennetz zugefügt. Außerdem habe ich festgestellt, daß sich die 'International Hacker Corp.' der 'Rainbow' Gruppe angeschlossen hat."
Henderson sah ihn nachdenklich an. "Sie scheinen ja sehr gut analysieren zu können. Haben Sie Vorschläge, wie wir dagegen vorgehen sollten?"
*
Als sich die Tür auf sein Klopfzeichen hin öffnete, blieb er stehen. Der kleine Kellerraum sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Überall standen technische Apparate herum. Die Tische und der Fußboden waren mit Computerausdrucken übersät.
Stapel alter Zeitungen, angebissene Kekse, halb ausgetrunkene Kaffeetassen, in denen Kippen schwammen, gaben dem Raum eine malerische Kulisse. Er stakte vorsichtig über ein vergessenes Tablett mit den traurigen Resten wochenalter Hamburger, Pizzas, und Getränkepfützen.
"Hallo Jungs! Ich wollte mal 'reinschauen und fragen, wie ihr mit der Umverteilung der Sozialhilfe vorankommt. Ich hätt' nämlich gern ein paar Stunden an dem Ticker gehackt."
Die beiden übernächtigt aussehenden Männer machten trotz ihrer Müdigkeit zufriedene Gesichter. Dann sagte einer der beiden: "Alles erledigt. Wir haben die Mindestsätze für Sozialhilfe um 200 ECU erhöht. In diesen Monat können sich ein paar tausend Leute mehr satt essen. Was hast Du denn vor?"
Der Besucher kicherte. "Ich hab die letzte Nacht mit 'ner Frau aus der Gerichtsverwaltung verbracht. Sie speichert für die Staatsanwaltschaft die Fälle, die vor Gericht kommen. Wenn man da rein könnte, könnte man bei einigen Verfahren die Anklage fallen lassen. Ein paar von uns haben doch in nächster Zeit Verhandlung, oder? Na, vielleicht werden die ja auch ausgesetzt."
Das Trio lachte launisch.
*
"Ja, Sir. Ich glaube nicht, daß Savallas das Loch noch stopfen kann. Wir müssen die Öffentlichkeit für uns gewinnen, rechtzeitig. Ich habe in den Datenbanken einen Hinweis auf einen jungen Fernsehmann in Deutschland gefunden, einen Senkrechtstarter, erst kurz im Geschäft. Er scheint sehr begabt zu sein, auf jeden Fall ist er erfolgreich. Wir brauchen eine erfolgreiche Medienpolitik. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit. Außerdem sollten wir unseren Einfluß auf dem Mond, der Circumterra und L5 verstärken. Um den Mond und Circumterra soll Savallas sich kümmern. Er wird es als Strafe empfinden und besser arbeiten. Für die L5 schlage ich Norris vor. Er ist gut genug und brennt darauf, es zu beweisen."
"Was Sie sagen, leuchtet mir ein, Strauch. Veranlassen Sie, daß alles so gemacht wird, wie Sie es gerade vorgetragen haben. Noch etwas: Fliegen Sie persönlich nach Deutschland, und kaufen Sie diesen Jungen. Noch Fragen?"
Strauch schüttelte den Kopf, und Henderson entließ ihn mit einer Handbewegung.
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Wenige Tage später saß Julian Henderson entspannt im Penthaus eines New Yorker firmeneigenen Gebäudes, vertieft in die Lektüre des Wirtschaftsfachblatts 'Economy and Finance'. Genüßlich nippte der dabei an einem 'Planters Punch'.
*
Die Verhärtung der internationalen Lage, der Ost-West-Technologiewettlauf und die vielen kleinen aber chronischen Krisenherde sollten es dem besorgten Investor nahelegen, Techno-Rüstungsaktien zu kaufen. Es gibt in diesem Bereich eine ganze Reihe der feinsten Adressen.
Vor einem Einkauf in die 'Weltraumerschließungsgesellschaft' sollten Sie jedoch auf jeden Fall die für die nächste Woche angesetzte Inbetriebnahme des elektromagnetischen Katapults auf dem Mond abwarten. Ein Mißerfolg dieser Anlage könnte die Aktien der Weltraumgesellschaft über Nacht praktisch wertlos machen. Aufgrund von Informationen aus einer Quelle, die ungenannt bleiben möchte, die wir jedoch für verläßlich halten, müssen wir unseren Lesern empfehlen, Aktien des Konzerns "Cybernetics, Gentech and Psychedelics" möglichst zu verkaufen. Die Finanzdecke dieses Hauses scheint in vielen Projekten doch über Gebühr gestreckt worden zu sein.
'Economy and Finance', 6/1999, p. 23
*
Laut lachend legte Henderson die Zeitschrift zur Seite. Ein leises, aufdringliches Summen lenkte seine Aufmerksamkeit auf das Com-Terminal. Mit einem Knopfdruck schaltete er Zerhacker und Verwürfler ein. Fast augenblicklich erschien Strauchs Gesicht auf dem Bildschirm. "Guten Tag, Mr. Henderson, Sir. Ich habe den gewünschten Vertrag mit Herrn Großkopf hier in Deutschland geschlossen. Er wird in wenigen Tagen zu Ihrer Verfügung stehen." Henderson nickte zufrieden und unterbrach die Verbindung.
*
"¼ ich lasse bitten." Kaum hatte Mufti sich in seinen Schreibtischsessel gesetzt, da öffnete sich auch schon die schallisolierte, schwere Eichenholztür und sein Besucher trat ein. "Guten Tag, Herr Großkopf, ich bin Michael Strauch und habe von meinem Arbeitgeber den Auftrag, Ihnen einen Vertrag bei uns in den Staaten anzubieten. Für den Fall, daß Sie interessiert sind, bin ich ermächtigt, mit Ihnen über die Details zu sprechen. Ich möchte Sie jedoch nicht drängen und schlage vor, daß Sie mich anrufen, wenn Sie sich entschieden haben. Dieses Gespräch über die Einzelheiten des Vertrages verpflichtet Sie zu nichts. Wir gehen jedoch davon aus, daß sie dieses Gespräch vertraulich behandeln." Er reichte Mufti eine Karte, die dieser aber nicht weiter beachtete. Strauch schien dies als Zeichen der Zustimmung zu deuten, denn er stand jetzt auf und deutete eine Verbeugung in Richtung auf Mufti an.
In diesem Moment erhob sich Mufti und sagte: "Einen Augenblick, Herr Strauch, Sie kommen hier 'reingeschneit, reden auf mich ein, stehen auf und wollen schon wieder gehen, bevor ich überhaupt ein Wort sagen kann. Wer sind Sie, wer schickt Sie und was wollen Sie?"
Strauch blieb stehen und sagte: "Gut, wenn Sie darauf bestehen, können wir auch gleich darüber sprechen. Setzen wir uns doch." Automatisch setzte Mufti sich wieder hin. Strauch zog einige Papiere aus einer Ledermappe und legte sie vor sich auf den Schreibtisch. "Ich will nicht lange herumreden", sagte er, "sondern gleich mit offenen Karten spielen, Herr Großkopf. Wir haben von Ihrer erfolgreichen Show gehört und sie uns angesehen. Wir sind der Meinung, daß Sie der richtige Mann für uns wären. Sie haben Mut und Kreativität bewiesen und haben mit Ihrer Sendung genau das gebracht, was der Konsument sucht. Wir prüfen schon seit einiger Zeit Männer wie Sie, um den Posten eines Medien-Koordinators zu besetzen." Mufti fühlte sich unbehaglich, gleichzeitig war er von dem Angebot jedoch fasziniert. (Mensch, Amerika, das wäre schon was. Daß die ausgerechnet auf mich gekommen sind, aber warum auch nicht, ich bin gut! 'Wir prüfen Männer wie Sie', das heißt doch wohl, daß ich sogar für amerikanische Verhältnisse gut bin, was sag ich denn: der Beste! Aber irgend etwas ist hier falsch. Wenn ich bloß wüßte, was. Also, der Kerl kommt hier 'rein und quatscht mich voll und will gehen. Ich stehe auf und halte ihn zurück, so weit, so gut. Dann bietet ER mir einen Sitzplatz an, in MEINEM Büro. Der alte Schwanzlutscher hat mich nach Strich und Faden ausgetrickst. Verdammte Scheiße, Mufti, reiß dich jetzt zusammen und paß genau auf was der sagt.)
"Wer sind 'wir', und was genau wäre meine Aufgabe?"
Strauch lächelte unmerklich. "Ihre Aufgabe wäre zum Beispiel, neue Sendungen zu kreieren und auf den Bildschirm zu bringen. Ein solcher Posten beinhaltet natürlich einige, der Verantwortung angemessene Annehmlichkeiten. Es stehen Ihnen konzerneigene Wohnungen und Häuser zur Verfügung, ein Spesenkonto ohne Limit, diverse Dienstwagen und Flugzeuge, na ja, was eben sonst noch alles dazu gehört."
(Verdammt der Kerl ist mir unheimlich. Jetzt bloß keine Fehler machen. Die Sache hat garantiert irgendeinen Haken.) "Sie sagten, Sie spielten mit offenen Karten. Also dann sagen Sie mir auch, wo der Haken bei der Sache ist."
"Es gibt keinen Haken, Herr Großkopf, Sie bekommen den Auftrag, eine Sendung für einen bestimmten Zweck zu entwerfen, und Sie haben völlig freie Hand, wie Sie die Sache gestalten wollen." Strauch sah Mufti jetzt gerade in die Augen und fügte leise hinzu: "Sie würden zum engsten Führungskreis des Konzerns zählen, und unsere Top-Leute werden ewig leben." Mufti sah seinen Gegenüber verblüfft an.
(Ach so, das ist 'n Verrückter. Scheiße, die ganze Zeit bin ich auf einen Blender 'reingefallen, Scheiße, Scheiße!) "Äh, habe ich Sie richtig verstanden, sagten Sie 'ewig leben'?"
Strauch lehnte sich entspannt zurück und legte geziert seine Fingerkuppen aneinander. "Sie haben richtig gehört, Herr Großkopf, die 'Cybernetics, Gentech und Psychedelics' hat einen Stoff entwickelt, der praktisch unsterblich macht." (Mein Gott, spinnt der oder stimmt das was er sagt? Nein, sowas kann es nicht geben, oder doch? Kacke, wenn das stimmt, und ich lehne ab, bin ich ein toter Mann. Die würden mich mit diesem Wissen nicht lange leben lassen, viel zu riskant für sie. Wie könnte ich mich davor schützen? Ob der mich wohl hier in meinem Büro killen würde? Kaltblütig genug sieht er ja aus. Loki, Schutzgott aller Glattzüngigen und Betrüger, erleuchte mich! Was soll ich tun?)
Mufti straffte sich und sagte: "Wenn das stimmt, was Sie mir hier sagen, bin ich Ihr Mann."
"Ich wußte, daß Sie annehmen würden. Unterschreiben Sie hier, und wir werden alles für Sie regeln." Mufti unterschrieb, und Strauch sammelte seine Papiere ein, ließ Muftis Vertragskopie auf dem Schreibtisch liegen und verabschiedete sich. (Was habe ich bloß gemacht? Ich muß total bescheuert sein. Mufti und unsterblich, ha, 'ne Nummer größer ham Sie's wohl nicht. Aber hier liegt der Vertrag, ich habe nicht geträumt. Mensch, wenn das stimmt, bin ich der Größte, ich, Mufti Großkopf, unsterblicher Topmanager. Ich flipp aus. Andererseits hat mich noch nie jemand so fest in der Hand gehabt. Wenn die wollen, können die mich jederzeit Fallenlassen. Da gilt nur die beste Arbeit etwas, die allerbeste. Mufti, Du bist eine Hure, aber Du verstehst es, gute Preise auszuhandeln. Verdammt, wie soll das weitergehen.)
*
Henderson ging nach dem Essen für die Wirtschaftsvertreter im Weißen Haus auf den Präsidenten zu. Dieser sah ihm erfreut entgegen. "Mr. Henderson, ich freue mich, daß Sie hier sind. Wir haben uns einige Zeit nicht mehr gesehen. Genaugenommen, seit den Verhandlungen mit Ostasien. Sind Sie inzwischen zu einem Abschluß gekommen?"
"Ja, Mr. President, dank Ihrer Hilfe haben wir dort ein Werk gebaut. Doch leider ist die ganze Sache durch die verstärkten Ost-West-Spannungen bedroht. Es wird immer schwerer, ein sicheres Land für Investitionen zu finden. Mr. President, viele meiner Freunde in Industrie und Handel fühlen sich durch die internationale Lage auch bedroht."
"Tja, mein Freund, ich pflichte Ihnen bei. Leider habe ich als Präsident nur meinen Willen zum Frieden. Ich wollte, die anderen Staatsführer würden mich mehr unterstützen. Doch leider¼ " Er ließ unausgesprochen, was leider war.
Henderson verabschiedete sich und schlenderte durch den Raum. Er wollte jetzt seinen Gedanken nachhängen. (Von dem Renaissance-Stoff hat er kein Wort gesagt, dieser Mr. Ohne-Einfluß. Aber eines Tages werde ich Dir Feuer unterm Hintern machen!)
Auf den alten Dampfschiffen der letzten Jahrhundertwende mußten die Heizer eine höhere Versicherungsprämie bezahlen.
"Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann."
(Francis Picabia)
Seit sechs Stunden lagen Wizard und Gunilla im Bett und machten Liebe. Die Tantra-Liebe hatten sie seit einem Jahr geübt; von mal zu mal beherrschten sie sie besser. Von mal zu mal wurde es intensiver und von mal zu mal konnten sie etwas länger durchhalten, ohne vorzeitig einen Orgasmus auszulösen. Immer, wenn bei einem von beiden die Erregung zu stark wurde und ein Orgasmus drohte, gaben sie dem anderen ein Zeichen. Dann machten sie einen Moment Pause, gingen an den mit Krabben, Langusten, Salaten, Weißbrot und Tee gedeckten Tisch, aßen, genossen das Essen und genossen es, den anderen anzusehen, und ließen die Erregung langsam etwas abklingen, nur um sich nach kurzer Zeit einander wieder in die Arme zu fallen.
Sechs Stunden lang war die Spannung in Wizard gewachsen; er fühlte sich, als wäre sein Nervensystem mit 1.000.000 Volt geladen. Durch einen fluoreszierenden Schleier goldener Farbe nahm er Gunillas Gesicht wahr. Es war selig entspannt und stark gerötet, die Pupille unnatürlich erweitert - er konnte keine Iris mehr sehen. In diesem Zustand sah sie wie ein sechzehnjähriges Mädchen aus.
Die Spannung nahm zu. Glühendes Metall schien durch seine Adern zu rollen. Er hatte das Gefühl, als würde er zerplatzen. Sein Gesichtsfeld trübte sich zusehends; Gunilla verschwand für ihn hinter wogenden Schleiern goldener Farbe. Dann brach es aus ihm hervor.
Dies war kein Orgasmus. Dies war etwas völlig anderes. Sein Leben lief in kaleidoskopartigen Bildern vor seinem inneren Auge ab. Er verstand den Begriff Karma nun. Er fühlte die Zusammenhänge, das komplizierte Wechselspiel von Ursache und Wirkung. Das komplizierte Gewebe des Schicksals, das alle Menschen, alles Leben zusammenhielt, das Rad des Lebens, das sich immer weiterdrehte. Er verstand intuitiv, wie blind die Menschen durchs Leben gingen, die selben Fehler immer und immer wieder machten. Er erlebte den Schock seiner Geburt noch einmal, die Phase davor - ungeboren im Mutterleib. Die reißende Flut der Bilder trug ihn weiter. Er sah das Leben davor (Stukapilot in Görings Luftwaffe, mit zweiundzwanzig Jahren in der Sowjetunion nahe Kursk abgeschossen), das Leben davor (Kulake im zaristischen Rußland), das Leben davor (Raubritter in der Burg Drachenfels am Rhein), das Leben davor (Kurtisane am Hof von Konstantinopel), und der Vorgang beschleunigte sich immer mehr. Sein Leben als Mensch verging und er sah sich als Tier. Sein Leben als Tier verging und er sah sich als Pflanze.
Er sah sich als Mineral. Dann war da nur noch weißes Licht, in dem er zu schweben schien.
SATORI !
Als die reine Ekstase, das Gefühl der völligen Auflösung des Körpers den Höhepunkt erreichte, begann er zwanghaft zu schluchzen - zu schluchzen vor Mitleid und Scham für seine Mitmenschen.
Das Mahayana-Ritual dröhnte immer wieder in seinen Ohren; jede Faser seines Körpers vibrierte in ihrem Takt, regenbogenartige Farben produzierend.
Alle Wesen, ein Körper, wir geloben zu befreien!
Endlos blinde Triebe wir geloben zu entwurzeln!
Karma-Tore unzählig wir geloben zu durchdringen!
Den hohen Weg Buddhas wir geloben zu erringen!
Alles war kristallklar für ihn. Er weinte voll Trauer ob der Zeit, die vergehen mußte, bis alle fühlenden Wesen befreit sein konnten. Er weinte ob der schier unauflöslichen Knoten von Schuld und Sühne, die er zum ersten Mal EMPFINDEN konnte.
Er verlor jedes Zeitgefühl.
Als sich (Nach Stunden? Nach Jahrhunderten?) sein Gesichtsfeld etwas klärte, als er wieder begann, die ersten Schemen seiner Umwelt wahrzunehmen, bemerkte er als erstes die Tränen auf Gunillas Wangen. Ihre Augen trafen sich. Er hatte sofort Kontakt. Er WUßTE sofort, daß sie das Satori-Erlebnis geteilt hatten. Nie hatte er sich einem Menschen so nah und verbunden gefühlt. Es war wie Telepathie in der Science Fiction, so als ob sie mit einem Kopf dachten. Wortlos blickten sie sich in die Augen und ließen die Gedanken fließen.
*
"Die Bedeutung der Erleuchtung von Gunilla Svensson und Rolf Schulz für die Ereignisse des großen Wandels der Jahrtausendwende und für die Geschichte der Menschheit kann gar nicht wichtig genug eingeschätzt werden. Das Satori-Phänomen an diesen Personen zu diesem Zeitpunkt war eine der Grundvoraussetzungen für die Entwicklung von SMILE gegen alle Widerstände. Historiker und Biographen sind sich einig, daß Rolf Schulz ohne Satori niemals seine Politikfeindlichkeit überwunden hätte. Es darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden, daß um die Jahrtausendwende der Begriff Erleuchtung oder Satori für die überwiegende Mehrzahl der Menschen nicht existierte. Nur kleine Minderheiten wie Zen-Buddhisten im Osten oder Theo- und Anthroposophen u.ä. im Westen interessierten sich derzeit für höhere Bewußtseinszustände, und selbst deren Kenntnisse waren getrübt durch Halbwissen und fehlerhafte Interpretationen der psychischen Tatsachen."
Enzyclopädia Galactica 2085
*
Irgendwann standen sie wortlos auf, ganz entspannt in völliger Übereinstimmung mit sich selbst und miteinander, zogen sich an und gingen aus dem Haus. Sie schlenderten Hand in Hand durch die Mondnacht den Strand entlang. Ein angenehmer Abendwind umschmeichelte ihre leicht bekleideten Körper. Als sie ein Stück weit gegangen waren, sahen sie in der Ferne ein großes Feuer; doch sie wollten jetzt keine anderen Menschen treffen und bogen auf dem nächsten Pfad in die Dünen ab. So schlugen sie einen Bogen um das vermeintliche Strandfest. Als sie eine höhere Düne bestiegen hatten, konnten sie auf den Platz um das Feuer herabblicken. Was sie sahen, ließ sie erstarren. Dort unten prügelten etwa 40 Jugendliche aufeinander ein. Durch ihre uniformähnliche Kleidung waren deutlich zwei verschiedene Gruppierungen auszumachen. Sie waren mit Messern, Knüppeln, Nunchakus und Ketten bewaffnet und wandten diese Waffen rücksichtslos an. Es war ein blutiger Kampf, und während die beiden unbemerkt dort auf der Düne standen und zusahen, liefen ihnen Tränen des Schmerzes und der Trauer über das Gesicht.
Später, als beide Parteien schon längst das Schlachtfeld geräumt hatten, gingen sie nach Hause, das, was sie gesehen hatten, nicht verurteilend sondern begreifend, und es gab absolut nichts dazu zu sagen. Nach Stunden erst fühlten sie sich in der Lage, miteinander zu sprechen. (Diese Verbundenheit wird bleiben. Nie wieder wird es so sein wie früher.)
*
Am nächsten Mittag saßen sie bei einem späten Frühstück. Sie hatten während der Nacht wenig gesprochen, zu überwältigt waren sie von dem Erlebten. Sie spürten ihrer beider Emotionen sehr deutlich.
Wizard wollte das Schweigen brechen, doch Gunilla kam ihm zuvor. "Ich weiß, was Du sagen willst, und Du hast recht. Ich hätte es Dir schon bei unserer ersten Tarot-Session sagen sollen, doch damals war ich wohl noch nicht in der Lage dazu. Ich bin Mitglied der Gruppe 'Rainbow'; ich bin im Untergrund. Du bist politisch nicht sehr interessiert, ich weiß, aber auch Du weißt, wer die Gruppe 'Rainbow' ist." Wizard nickte mit dem Kopf; er hörte ihr aufmerksam zu.
*
"Svensson, Gunilla, geboren in Nässjö, Schweden; Studium der Anthropologie und Psychologie; Mitglied verschiedener oppositioneller Studentengruppen, wie 'League for Social Justice', 'Freeze', und ähnliche. Häufig wechselnde Pseudonyma. Sie wird in Kanada wegen staatsfeindlicher Umtriebe gesucht. Nach unbestätigten Berichten seit 1996 Aufklärer und Kurier für Rainbow. Sie ist intelligent und gefährlich."
Auszug aus dem Interpol Dossier 'Gunilla Svensson' von 1999
*
"Nun, 'Rainbow' ist ein Zusammenschluß mehrerer Gruppen. Ich bin Mitglied einer Gruppe, zu deren Aufgaben es gehört, geheime Unterlagen von wissenschaftlichen Forschungsprojekten zu besorgen, um sie dann zu veröffentlichen. Das unfeinere Wort dafür heißt Industriespionage und Verrat. Ja, ich lebe gefährlich, sogar lebensgefährlich. Ich bin auf einen Konzern angesetzt worden, der nach unseren Informationen über ein Mittel verfügt, mit dem angeblich der Prozeß des Alterns gebremst wird. Deshalb bin ich so viel gereist. Es scheint hier auf Ibiza eine Verteilungszentrale für diesen Stoff zu geben, welche den Mittelmeerraum beliefert.
Erinnerst Du Dich noch an die drei Hofkarten? Der Prinz der Becher lag zwischen den Rittern der Stäbe und der Scheiben. Viele Hofkarten können eine Person ergeben, sagtest Du damals, und Du sprachst von einem Mann, der mich oder uns bedroht. Nun, der Chef dieses Konzerns, Henderson, Du hast den Namen bestimmt schon einmal gehört oder gelesen, ist so ein Mann, wie Du ihn beschrieben hast. Wenn er je erführe, wer und was ich in Wirklichkeit bin, würde er mich sofort töten lassen. Ich habe Dir damals auch gesagt, wenn ich Hilfe bräuchte, käme ich zu Dir. Du hast mir durch Deine Liebe und Dein Verständnis sehr geholfen, mehr als ich mit Worten ausdrücken kann. In der letzte Nacht ist mir so vieles durchsichtig geworden, daß ich noch gar nicht alles verarbeitet habe."
Wizard spürte, wie sich die emotionale Spannung verflüchtigte. Es gab keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen. Er sah sie an und sagte: "Nimm mich in Deine Arme und erzähle mir Deine Geschichte." Sie setzten sich auf das Sofa und er legte seinen Kopf in ihren Schoß. Während sie ihn streichelte, begann sie zu erzählen: "Während meiner Studienzeit in Upsalla schloß ich mich einer linksorientierten Hochschulgruppe an. Damals war es noch ungefährlicher als heute, politisch zu arbeiten; jedenfalls war es nicht lebensgefährlich. Die Mitglieder unserer Gruppe gehörten verschiedenen Fachrichtungen an. Meine politische Arbeit begann mit dem Verteilen von Flugblättern gegen Aufrüstung und Zerstörung der Umwelt. Später genügte es mir nicht mehr, nur zu demonstrieren. Ich trat einer radikalen 'Greenpeace'-Gruppe bei. Wir fuhren mit Schlauchbooten in verseuchten Gewässern umher, wir flogen mit Heißluftballons über Industrieschlote, um die Öffentlichkeit auf die Umweltvergiftung aufmerksam zu machen. In dieser Zeit verliebte ich mich in einen Mann, der Mitglied meiner jetzigen 'Rainbow'-Gruppe war. Er war es, der die Kontakte herstellte und bei meiner Aufnahme für mich bürgte.
Nach 18 Monaten Schulung auf den verschiedensten Gebieten hatte ich meinen ersten Einsatz. Es spielt jetzt keine Rolle, was das war, aber etwa zu diesem Zeitpunkt wurde mein Freund enttarnt und nach einem Verhör getötet. Sie müssen vieles aus ihm herausbekommen haben, aber meinen Namen hat er ihnen offensichtlich nicht genannt, sonst wäre ich schon lange tot. Wahrscheinlich hat man ihn nicht direkt nach mir befragt. Ich glaube nicht, daß ein normaler Mensch den heutigen Verhörmethoden widerstehen kann." Sie machte eine Pause.
*
Allison Smith, ein zum Töten ausgebildeter Agent, bekam von Savallas, dem allmächtigen Sicherheitschef der 'Cybernetics', die Akte 'Gunilla Svensson' auf den Tisch.
"Dies ist ein nasser Job, Smith. Aber Vorsicht, sie ist schlüpfrig wie ein Aal." Smith nickte wortlos.
"Ich will saubere Arbeit sehen."
Smith brauchte vier Tage, dann hatte er Gunillas Fährte in Spanien aufgenommen.
Er war einer der besten Spürhunde überhaupt. Bisher hatte er noch nie bei einem Job versagt.
*
Wizard schwieg, und nach einer Weile fuhr sie fort: "Mein jetziger Auftrag ist der wichtigste und gefährlichste, den ich je hatte. Ich weiß, daß dies alles nicht absolut neu für Dich sein kann, nach dem, was wir gestern erlebt haben. Ich weiß aber auch, daß wir jetzt eins sind, nachdem ich mich ausgesprochen habe." Der Wizard schwieg immer noch, denn es gab nichts zu sagen, das er mit Worten hätte ausdrücken können. Auch Gunilla schwieg jetzt und streichelte ihn nur noch.
*
Ein paar Tage später trafen sie sich wieder in seiner Wohnung. Gunilla war vor einigen Stunden von einer ihrer regelmäßigen Reisen zurückgekommen, und jetzt saßen sie bei einer Tasse Tee in der Nachmittagssonne auf dem Dach des Hauses.
Wizard und Gunilla redeten kaum. Dennoch tauschten sie viele Informationen aus. Blicke, knappe Gesten und ihre enge gefühlsmäßige Verbundenheit transportierten diese Informationen.
Gunilla dachte an die wissenschaftliche Position des freien Willens, welche der Wizard ihr vor ein paar Tagen erläutert hatte. Der freie Wille, so hatte er gesagt, ist offensichtlich eine Selbstverständlichkeit. Ich kann mich so oder so entscheiden. Der freie Wille könnte aber auch eine Illusion sein. Unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse können uns keine Antwort geben. Die Menschen haben seit tausenden von Jahren über das Problem nachgedacht und keinen Fortschritt dabei gemacht. Chomsky, der bekannte Linguist, glaubte sogar, daß das Problem des freien Willens aufgrund der genetischen Beschränkungen des Menschen nie gelöst werden könnte.
Wizard war dann auf die Zweischneidigkeit des freien Willens im Zusammenhang mit dem Karmabegriff eingegangen: Einerseits beschränkt Karma, so ähnlich wie der Schicksalsbegriff, die Entfaltung des freien Willens; andererseits setzt Karma einen freien Willen voraus, denn dieses "Schicksal" ist selbstgemacht, es ist die direkte Folge der Handlungen der jeweiligen Person über den ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt hinweg.
Nachdem sie eine Weile so gesessen hatten, jeder seinen Gedanken nachhängend, brach der Wizard das Schweigen, und es dauerte nicht lange, da waren sie wieder bei dem Thema, das sie in der letzten Zeit so oft diskutiert hatten. Gunilla sagte: "Die Menschheit hat schon so viele Chancen verpaßt. Wenn es auch jetzt wieder danebengeht, die Macht des Menschen über den Menschen einzuschränken, dann werden alle Menschen für viele Jahrhunderte Sklaven der Konzerne und der Großmächte, denn die Konzentration der Macht schreitet schnell fort. Die Entwicklung der Weltraumfahrt ist DIE große Chance. Dort oben gibt es alles: Platz, Energie im Überfluß, Rohstoffe in Mengen; es ist Reichtum genug für alle da - potentiell."
Wie immer vertrat der Wizard seine Meinung ruhig und überzeugt: "Wissenschaft ist die Methode, Religion das Ziel. Das meiste Unglück kommt von Menschen, die für andere Menschen die Welt in Ordnung bringen wollen." Er erinnerte an die taoistische Doktrin des Nichtstuns und zitierte: "Übergib Dich völlig dem Willen des Himmels, dann wirst Du zum allmächtigen Instrument dieses Willens." Er sprach wieder und wieder von der Gefahr der Untergrundarbeit gegen einen politischen Gegner. "In einer solchen Atmosphäre muß früher oder später Haß entstehen, und Haß macht blind und versaut das Karma."
Gunilla wandte ein: "Spirituelle und politische Arbeit ergänzen sich wie Ying und Yang."
Doch Wizard ließ sich nicht beirren und erinnerte an Lao Tse, der gesagt hat: "Waffen sind unheilvolle Geräte. Darum will der, der den rechten Sinn hat, nichts von ihnen wissen. Wer gut die Feinde zu besiegen weiß, kämpft nicht mit ihnen."
Er zitierte auch Christus, der sagte: "Selig sind die Sanftmütigen" und Ghandi: "Gewalt ist das Gesetz der Bestie, Gewaltlosigkeit ist aber das Gesetz des Menschen."
Gunilla wies darauf hin, wie oft schon in der Vergangenheit die Passivität des nach innen Gekehrten durch die Machtgier skrupelloser Männer und Frauen ausgenutzt worden war. Sie sprach von der Ausnutzung der japanischen Kamikazeflieger im zweiten Weltkrieg und über die Ausrottung der Essener im Mittelalter. Einmal mehr wiederholte sie ihren Standpunkt: "Unterwerfung unter den Meister ja, aber nur MIT westlicher Kritikfähigkeit."
Wizard erinnerte sich daran, daß er selbst sich beim ZAZEN im ZEN-Kloster am Fuße des Fudschijama nie von dem Monitor mit dem Kiusaku hatte schlagen lassen.
Bei einem seiner Karate-Lehrer in Tokio, so kam ihm wieder in Erinnerung, hatte er gewisse sadistische Charakterzüge bemerkt, und fortan war er dem Kampf mit diesem Meister immer durch Ablegen seines Gürtels ausgewichen.
Er erkannte, daß Aktivitäten immer einen aggressiven Charakter hatten, daß jedoch der Begriff Gewalt, obwohl er Karate-Kämpfer war, in ihm ein tief verwurzeltes Unbehagen auslöste.
Gunilla wiederum beharrte: "Dies ist ein geschichtlicher Wendepunkt, Widerstand wird zur Pflicht, wenn Recht zu Unrecht wird. Ying ohne Yang ist unvollständig!"
Wizard beendete das Gespräch mit den Worten: "Ich sehe den Zusammenhang zwischen politischer und geistiger Arbeit noch nicht. Deine Argumente leuchten mir zwar ein, aber ich will mir Gewißheit verschaffen. Wir werden eine MAGICK Zeremonie nach Crowley durchführen, um den Sinn von politischer Arbeit für uns zu ergründen und um festzustellen, wie es mit der Bedrohung gegen Dich aussieht."
*
Die nächsten Wochen waren angefüllt mit Aktivitäten und gründlichen Vorbereitungen auf das eigentliche Ereignis: Die Zeremonie zur Beschwörung des heiligen Schutzengels. Besonders Gunilla als das Medium war davon betroffen. Wizard schulte sie an ihr unendlich scheinenden Nachmittagen, forderte immer wieder äußerste Konzentration und gab ihr Berge von Büchern zu lesen. Er erklärte ihr, das Ziel eines jeden Magie-Rituals sei die Vereinigung von Makro- und Mikrokosmos. Gemeinsam fasteten und meditierten sie.
Doch auch Wizard nahm nicht alles unwidersprochen hin, was seine Meister sagten. So kritisierte er zum Beispiel Crowley am Vers 21 S. 31 "Book of the Law".
"Crowley sagt hier: >Wir haben nichts mit den Ausgestoßenen und den Kranken; lassen wir sie in ihrem Elend sterben. Denn sie fühlen nicht. Mitleid ist das Charakterübel der Könige: Stampft nieder die Schwachen: Dies ist das Gesetz der Starken und die Freude der Welt.< Diese Haltung ist natürlich völlig unmenschlich und krank. Von solchen Standpunkten wollen wir uns freimachen."
Er hatte jedoch eine Erklärung für Crowleys 'Ausrutscher', wie er es nannte: In Afrika sollte der Meister während einer Magiezeremonie außerhalb des Kreises gesessen haben und danach besessen gewesen sein. Er zitierte in diesem Zusammenhang auch gern Howard Phillip Lovecraft, welcher gesagt hatte, das Nachdenken über die Interpretationen so komplizierter Gedankensysteme wie z.B. die Kabbala etc. macht einen auf die Dauer alleine schon verrückt.
Wizard wies noch einmal eindringlich auf die Gefahren von Magie für das eigene Karma hin. Eigennützige Motive beim Betreiben von Magie fallen noch schneller auf einen selbst zurück, als das im Alltagsleben der Fall ist.
*
Dann war es soweit, der große Tag war gekommen. Gunilla betrat nach tagelangem, gemeinsamen Fasten und Meditieren zum ersten Mal den Altarraum. Ihr Blick fiel sofort auf den Altar. Wizard hatte sichtbar viel Liebe und Sorgfalt in seine Arbeit gesteckt. Mitten im Zimmer war er mit den von Wizard selbst gefertigten Instrumenten aufgebaut. Die sechs Seiten des Altars waren in verschiedenen Farben gehalten. Am Altar und an den Wänden des Altarraums brannte geweihtes Öl in speziell geschmiedeten Silberlampen. Gunilla bemühte sich, nicht an die endlosen Schulungsstunden zu denken, in denen Wizard ihr den komplizierten Prozeß der Herstellung und der Weihe der magischen Instrumente erklärt hatte. Sie hielt die Konzentration aufrecht und dachte an ihr Mantra: "AUM!"
Wizard führte sie zu ihrem Platz vor dem Altar. Innerhalb des noch nicht geschlossenen Kreidekreises und -pentagramms stand ein hölzernes Meditationsbänkchen.
Gunilla setzte sich darauf und nahm den Lotussitz ein. Wizard schloß den Kreidekreis und das Pentagramm um sie beide und verbrannte aromatisch riechende Kräuter.
Gunilla sah Wizard am Altar mit Zauberstab, Schwert, Kette und Dolch jahrhundertealte Rituale vollziehen und hörte seine Stimme, einen monotonen Singsang in hebräischer und altägyptischer Sprache. Sein leises Gemurmel half ihr, sich zu konzentrieren: auf ihren Atem, ihr Mantra, ihre Bedrohung und den Sinn von Politik. Dank der Vorbereitung durch Wizard war sie durchströmt von einem tiefem Vertrauen in ihren heiligen Schutzengel.
Ihr Gesichtsfeld verengte sich, ihre Umgebung schien sich aufzulösen. Sie spürte ein hohes Singen im Kopf, und Wizards Stimme kam von weither. Wie durch einen Schleier sah sie seine schemenhafte Gestalt im Halbdunkel. Sie verlor jedes Zeitgefühl, und irgendwann löste sich alles um sie auf.
*
Als sie erwachte, sah sie sich verstört um; sie saß noch immer auf dem Meditationsbänkchen im Lotussitz, und der Altarraum lag wie vorher im Halbdunkel; Wizard agierte am Altar, und nichts schien sich verändert zu haben.
Doch, etwas war verändert: Sie empfand die Atmosphäre als ungeheuer dicht, fühlte unsichtbare Kraftlinien innerhalb der Kreidegrenzen.
Langsam orientierte sie sich wieder, Wizards Stimme veränderte sich, wurde lebendiger und modulierter.
Sie sah, wie er sich vor dem Altar verbeugte, dann nahm er ein feuchtes Läppchen und öffnete die magischen Kreise. Wortlos nahm er sie am Arm und führte sie aus dem Altarraum in das Wohnzimmer. Er nahm die Kanne vom Stövchen und brachte ihr eine Schale Tee. Dann verließ er das Zimmer wieder, um die Öllampen und Kräuter nebenan zu löschen. Gunilla lehnte sich zurück und entspannte sich. Erst jetzt bemerkte sie, wie erschöpft sie war. Ein paar Minuten später kam Wizard mit einer Musikkassette in der Hand zurück. Er setzte sich zu ihr und nahm sie in seine Arme. "Wie fühlst Du Dich," fragte er besorgt.
"Danke, gut," antwortete sie, "ein wenig erschöpft, aber sag' mir, wieso hat es nicht geklappt? Ich kann mich an nichts erinnern. Es ist als wäre nichts geschehen, nur etwas Zeit vergangen." Wizard küßte zärtlich ihre Stirn, "Du hast also keinerlei Erinnerungen? Schade, ich hatte gehofft von Dir zu erfahren, wie der Kontakt mit Deinem Schutzengel zustande kommt, und wie es sich anfühlt, oder ob die Informationen aus Deinem Unterbewußtsein kommen. Nun, ich muß nicht alles wissen." Er streichelte sanft ihr Gesicht.
"Die Sitzung war ein voller Erfolg," sagte er. Er holte den Kassettenrekorder, legte das Band ein und startete das Gerät. Sie schmiegte sich an ihn, und gemeinsam lauschten sie dem folgenden Dialog. Ihre Stimme kam ihr fremd und monoton vor, als spräche ein anderer Mensch, doch es war unverkennbar ihre Stimme.
*
Auszug aus der Abschrift des Tonprotokolls der historischen Sitzung von Ibiza wie eingetragen in den Annalen des solaren Instituts für Interplanetare Geschichte:
Wizard eröffnete den Dialog mit der Frage: "Geht von Henderson eine Gefahr aus?"
A: Ja.
F: Nur für Gunilla?
A: Nein.
F: Für wen?
A: Für alle Menschen.
F: Welcher Art ist die Gefahr?
A: Henderson kann übermächtig werden.
F: Wie ist das möglich?
A: Henderson besitzt die Erfüllung des Menschheitstraums.
F: Was ist das?
A: Unsterblichkeit.
*
Gunilla glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen. In den nächsten Minuten gelang es Wizard, durch geschickte Fragen erstaunliche Details zu erfahren; nicht nur über das Renaissance-Projekt, sondern auch über eine Farm bei San Antonio, ein kleines Dorf mit Namen Reigoldswinkel in der Nähe von Basel und vieles mehr: Aktivitäten, die sie niemals für möglich gehalten hätte.
Am Ende des Dialogs stellte Wizard noch die ihm wichtige Frage: "Verträgt sich Politik und Mystik," und die Antwort lautete: "Beides ist verbunden. Die Politik darf nicht den machtgierigen und brutalen Menschen überlassen werden. Magie und der Weg der Innerlichkeit, so mit reinem Herzen benutzt, ist die Hoffnung der Menschheit, die gegenwärtige Gefahr zu meistern. Politiklosigkeit ist Flucht aus der Verantwortung für alle fühlenden Wesen. Politik und Mystik sind zwei Aspekte des leuchtenden Pfades."
Das Band war zu Ende, und Wizard stellte das Gerät ab. Er wandte sich Gunilla zu und fragte: "Was sagst Du dazu?" Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf: "Diese Informationen können unmöglich aus meinem Unterbewußtsein stammen. Ich hatte nur sehr vage Informationen über das Unsterblichkeitsserum. Von den anderen Dingen ahnte ich nicht einmal etwas. Ich muß dieses Band sofort zur Überprüfung in die Zentrale schicken."
Dann sagte sie mit leiser Stimme, als spräche sie zu sich selbst: "Ich kann nicht glauben, daß so etwas wirklich möglich ist, weder Hendersons Aktivitäten noch diese magische Sitzung. Doch da ist das Band, und ich habe es gehört. Es ist alles real. Verdammt noch mal, Wizard, was soll ich tun? Dies ist alles so¼ ich fühle mich so hilflos wie nie zuvor in meinem Leben. Hilf mir, das Richtige zu tun, Liebling. Du weißt, was zu tun ist. Ich bin sicher, Du weißt es!" Schluchzend warf sie sich in seine Arme.
Wizard streichelte sie und ließ ihr Zeit, sich auszuweinen. Er dachte an die Botschaft über Verantwortung, und er wußte was zu tun war. "Du mußt diese Informationen überprüfen lassen. Erweisen sie sich als stichhaltig, werde ich Euch zur Verfügung stehen. Trotz aller Gefahren, welche die Magie in sich birgt, werde ich Euren Kampf mit meinem Wissen unterstützen, wie es in der Botschaft geraten wurde. Verliere keine Zeit! Sag ihnen auch, wer ich bin und wie wir an die Infos gelangten. Mein Weg liegt klar vor mir. Ich bin bereit, ihn zu gehen."
*
Allison Smith saß ruhig in seinem Versteck und beobachtete. Vor zwei Tagen hatte er die Pension der Svensson in Ibiza-Stadt ausfindig gemacht. Seitdem hatte sie sich nicht sehen lassen.
Smith hatte sich eine Frist von 14 Tagen gegeben. Er konnte nicht sicher sein, ob der Vogel vielleicht schon ausgeflogen war.
Doch sein untrüglicher Jagdinstinkt sagte ihm, daß sie heute kommen würde.
Sie kam, und als er sie aus dem Taxi steigen sah, öffnete er gelassen und ohne Hast den Aktenkoffer, der neben ihm am Boden stand. Routiniert begann er, seine Waffe zusammenzusetzen.
*
Als Gunilla ihn verlassen hatte, um den Bericht durchzugeben, ging Wizard nach nebenan in den Altarraum, um dort aufzuräumen. Er wollte es sich dann gemütlich machen und mit ihr einen ruhigen Abend verleben. Sie hatte gesagt, daß sie in etwa zwei Stunden zurück sein würde. Sie wollten dann im nahegelegenen Chinarestaurant "Fat Noodle Company" essen gehen. Über seinen Tätigkeiten merkte er nicht, wie die Zeit verging, und als er auf die Uhr sah, hätte Gunilla jeden Moment zurück sein müssen.
Plötzlich durchzuckte ihn ein stechender Schmerz, leuchtend und erschreckend wie ein Blitz am Gewitterhimmel. Er wußte, es war Gunillas Schmerz, den er spürte, und stürzte zur Tür. Vor seinem inneren Auge sah er eine Waffe auf sie gerichtet. Er wußte, daß die Henderson-Leute Gunilla eingeholt hatten. Er sah den Mündungsblitz und spürte den Einschlag des Geschosses auf Ihrer Stirn. Er wollte ihr helfen, sein ganzes Wesen schrie nach ihr. Tränen liefen ihm über die Wangen, er merkte es nicht. Dann, die Türklinke in der Hand, erstarrte er. Eine Flut von Bildern überschwemmte ihn. Gunilla, wie sie einen Mann erschoß, der für die Regierung arbeitete und sich in die Rainbow-Zelle eingeschlichen hatte. Er erlebte ihre Betrügereien im politischen Dienst ihrer Gruppe. Die Szenen wechselten immer schneller: Eine eifersüchtige Frau, die ihren Mann quälte, ein Höfling, der Intrigen an einem Königshof plante, eine Bäuerin, die verfolgte Männer an ihre Häscher verriet. Zeiten und Orte wirbelten durcheinander, und Wizard erlebte, wie Gunilla die Zusammenhänge erkannte, erlebte, wie sich ihre karmischen Knoten lösten, wie sie sich froh dem Tod ergab und starb.
Wizard wurde ganz ruhig, noch immer liefen ihm die Tränen unbemerkt über sein Gesicht. Er verstand jetzt, daß im Moment nichts zu tun war. Seine neue Aufgabe begann jetzt. Er würde Gunillas Arbeit fortsetzen, sein Karma war mit dem ihren eng verknüpft. Er würde ihren Weg weitergehen.
"Civilisation begins, because the beginning of civilisation is a military advantage."
(Bagehot)
Der Wecker riß Joan jäh aus unruhigen Träumen von im Wind flatternden amerikanischen Flaggen. Sie träumte in letzter Zeit häufiger von kämpfenden Männern und diesen Flaggen. Noch während sie damit beschäftigt war, sich zu orientieren, stellte sie automatisch den Weckton ab. Dadurch schaltete sich das Terminal auf Nachrichtenbetrieb.
Ihr wurde bewußt, welcher Tag heute war. (Heute gehts los. Hoffentlich haben wir keine Fehler gemacht.) Es war wenige Stunden vor dem ersten Probeabschuß des Mondkatapults, mit dem erstmals Mondmaterie als Baumaterial hinaus in den hohen Orbit gebracht werden sollte. Der Gedanke, maßgeblich an diesem Projekt beteiligt zu sein, löste in ihr eine wohlige Erregung aus. (Mein Gott, der erste Schritt in den Weltraum, die Möglichkeit, die Zustände auf der Erde dauerhaft zu verändern: Der Schritt ins Morgen!)
Sie dachte an die Entwicklung auf der Erde, und die Nachrichten beruhigten sie keineswegs.
*
Das rote Leuchten der 'Ruf'-Anzeige riß Joan aus ihren Gedanken. (Künstliche Menschen. Sie wollen dem lieben Gott tatsächlich ins Handwerk pfuschen.) Sie schaltete das Terminal um und öffnete die Kom-Leitung zum Kontrollraum. Dankerts Gesicht erschien auf dem Monitor.
"Es geht gleich los, Joan. Kommen Sie. Noch knapp dreißig Minuten."
"OK." Sie schaltete den Bildschirm aus und verließ kurze Zeit darauf ihre Kammer in Richtung Kontrollraum. (Wir haben es geschafft! Wenn ich mir vorstelle, wie es hier aussah, als ich ankam, dann wird mir erst klar, was wir in dieser kurzen Zeit alles erreicht haben. Es ist das Verdienst aller Beteiligten. Nicht einer von uns hat schlechte Arbeit geleistet. Im Gegenteil, wir waren viel zu wenige und haben unter den kärgsten Bedingungen gearbeitet.)
Sie waren sich in der letzten Zeit alle näher gekommen, und doch wurde sie das Gefühl nicht los, von etwas Wichtigem ausgeschlossen zu sein. Es wurde z.B. ein Saboteur entlarvt und verurteilt, über seine Hintermänner verlautete offiziell aber nichts. Damals hatte sie keine Zeit gehabt, es zu bemerken, jetzt fiel es ihr auf. Mehr und mehr solcher Vorkommnisse drängten nun in ihr Bewußtsein, Kleinigkeiten meist, aber gemeinsam ergaben sie ein Bild, wie ein Mosaik und wiesen auf etwas hin, was unter der Oberfläche abzulaufen schien. Sie nahm sich vor, mit Piet Dankert darüber zu sprechen. Vielleicht bildete sie sich das alles aber auch nur ein oder maß all dem eine zu große Bedeutung zu.
*
Als sie die Zentrale betrat, war sie sofort von der Atmosphäre angespannter Erwartung gefangen. Sie stellte sich neben Dankert.
"Bis jetzt ist der Vogel grün." Er lächelte zuversichtlich und zeigte auf die Vielzahl von grünen Lichtern auf der Hauptanzeige des Mondkatapults, welche bewiesen, daß alle Funktionen einwandfrei erfüllt wurden.
"X minus zwei Minuten, Joan." Dankert wies auf den Count-Down-Zähler, der gefühllos die Sekunden bis zum Abschuß heruntertickte. Sie starrte gebannt auf die sich ständig ändernde Zahlenkombination. Es herrscht atemlose Stille in dem riesigen Saal. Man hätte die sprichwörtliche Stecknadel zu Boden fallen hören können.
Die letzten zehn Sekunden zählte, überflüssigerweise, Mac Rae, der überkorrekte Schotte, der den Countdown überwachte, laut ab.
"Zehn - neun - acht - sieben - sechs - fünf - vier - drei - zwei - eins - ab gehts!"
Man hörte im Kontrollraum eine tiefes Brummen, das sich langsam steigerte. Nach circa zehn Sekunden brach das fast unterschwellige Geräusch ab.
"Alle Werte sind gut", rief John Philby, der Mann am Flugverfolgungsradar. "Ich hab' sie auf dem Schirm. Die Abweichung ist kleiner als eine zehntel Bogensekunde. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen."
Die Spannung entlud sich in lautem Jubel. Die Frauen und Männer fielen sich um den Hals und tanzten wie wild um die Kontrollgeräte und Computerkonsolen. Papier und Kaffeebecher wurden zu Boden gestoßen und zertrampelt. Doch das kümmerte in diesem Moment niemanden. Auf den Start dieses unbemannten Lastbehälters hatten sie all die Zeit wie von Sinnen hingearbeitet.
Auch Dankert und Joan umarmten und küßten sich. Piet wurde sich dieser Erfüllung seiner heimlichen Wünsche erst viel später bewußt, erkannte jedoch auch, daß sie nicht ihn sondern einfach den Nächstbesten geküßt hatte.
"Ruhe, seid doch mal ruhig, verdammt! Ich habe Kontakt mit der Flugkontrolle der O'Neill!" Ilja Dimitrios, der jugoslawische Funker versuchte den Lärm zu übertönen und hatte damit Erfolg. Durch einen Knopfdruck schaltete er die Raumlautsprecher ein, damit alle das Gespräch verfolgen konnten.
"¼ ben wir den Vogel deutlich auf dem Schirm, er kommt genau auf uns zu! Herzlichen Glückwunsch!" Es ertönten noch ein paar Hochrufe, doch hatte für die meisten die Routine schon wieder angefangen: Die Überprüfung aller Funktionen des Katapults.
Aus den einzelnen Stationen liefen die ersten Berichte ein.
"Reaktor ok"
"Gesteinsabbau ok"
"Ladestelle ok"
"Rückführung des Schlittens ok, Schlitten ist einsatzbereit."
Mitten in das Durcheinander der Meldungen hinein, rief eine Stimme: "Der Fernsehkanal zur L 5 steht!"
Neugierig schob Joan sich näher an den Bildschirm heran. Sie sah das kantige Gesicht eines älteren Mannes und hörte ihn sagen: "Der Raumschlepper hat sein Andockmanöver jetzt beendet. In wenigen Augenblicken wird die Ladung den Schmelzofen erreichen. Freunde, dies ist der Beginn einer neuen Ära der Menschheit!"
Joan spürte ein Brennen in den Augenwinkeln. (Er hat recht, was für ein historischer Augenblick! Das gibt es wohl nicht so häufig im Leben eines Menschen, daß er sich im Brennpunkt der Geschichte aufhält. Daß ich das erleben darf und sogar noch beteiligt bin. Davon kann ich einmal meinen Enkelkindern erzählen.)
Joan Kendall wußte zu diesem Zeitpunkt nicht, daß sie bisher praktisch noch am Rand der sich immer schneller überstürzenden Ereignisse stand, und daß sie nur zu bald in den wirklichen Brennpunkt treten würde.
*
Nach einigen Stunden waren die Vorbereitungen für den nächsten Start abgeschlossen, der mit der Präzision des ersten verlief. Als auch die neuerliche Überprüfung auf allen Stationen grünes Licht ergab, wurde die Automatik vorerst auf einen einstündigen Takt eingestellt.
Joan blieb noch im Kontrollzentrum, bis sie sicher war, daß ihr Programm hierfür einwandfrei arbeitete. Als sie endlich müde aber doch zufrieden in ihr Zimmer gehen wollte, traf sie Dankert und Wilson an der Ausgangstür. "Ach, Joan," sagte Wilson, "haben Sie Lust, heute abend zu kommen? Wir wollen eine Feier veranstalten, im kleinen Kreis, Piet, Hannes, Ron und noch ein paar Kollegen, mit denen Sie in der letzten Zeit zusammengearbeitet haben. Ich finde, das haben wir uns verdient. Wir treffen uns zum Abendessen bei mir." Joan wollte zuerst antworten, sie sei zu müde, doch dann entschloß sie sich, die Einladung anzunehmen. (Allan hat recht, das haben wir uns redlich verdient, und bestimmt tut uns ein gemeinsames Essen gut, sozusagen als Belohnung für den Streß der vergangenen Wochen und als Zugeständnis für das gute Betriebsklima hier.)
*
Zwei Stunden später, Joan hatte sich unter der Dusche erfrischt, betrat sie Alans Office. Jemand hatte die wenigen Möbel so umgestellt, daß ein großer Tisch Platz für etwa zehn Personen bot. Etwa die Hälfte der Gäste war schon angekommen und plauderte vergnügt miteinander.
"Hallo, Joan", sagte Hannes und reichte ihr die Hand zum Gruß. "Piet sagte mir gerade, daß er Dich abholen wolle." Sie gingen zum Tisch und begrüßten die anderen.
Nach und nach trafen die übrigen Gäste ein, und Wilson zauberte unter lautem Beifall einige Flaschen Champagner aus dem sprichwörtlichen Zylinderhut.
"Die habe ich mir von einem Freund in Florida in die letzte Nachschubrakete schmuggeln lassen."
Unter den Strömen des Schaumweins wich die noch nachwirkende Spannung der Premiere in ihnen zusehends einer albernen Heiterkeit.
Später, beim Essen, sprachen sie über die Planung eines zweiten Katapults bei dem Krater Tycho. Wilson meinte: "Wir könnten sofort anfangen. Es scheint jedoch, als seien die Geldgeber der 'Weltraumerschließungsgesellschaft' wenig geneigt, zur Zeit noch mehr Kapital zu investieren. Wir haben das Know-how und ein eingespieltes Team. Doch wenn uns die Leute auseinanderlaufen, dann werden wir um Jahre zurückgeworfen."
Joan hörte dies alles mit gemischten Gefühlen. (Diese Kurzsichtigkeit auf der Erde ist erschreckend. Diese Leute wollen jetzt wohl kurzfristige Profite sehen und verlieren die große Linie aus den Augen. Das kann noch Schwierigkeiten geben.)
Schon bald zerfiel die Runde, bedingt durch das unerfreuliche Thema, in kleine Gruppen. Hannes und Joan unterhielten sich über die letzten Nachrichten von der Erde, den H-Bombeneinsatz in Süd-Afrika und die 'Geburt' des genmodifizierten Retortenbabys.
"Ist es nicht erschreckend, Hannes, was die da alles machen. Ich habe Angst. Wohin soll das noch führen? Hoffentlich können wir einige lebensfähige Habitate aufbauen und uns hier auf dem Mond mit ihnen zusammen autark machen, bevor dort unten auf der Erde alles den Ausguß 'runtergeht."
Hannes nickte zustimmend. "Ja, ich bin auch froh, daß ich hier oben bin. Hier habe ich wenigstens das Gefühl, etwas über den Dingen zu stehen. Ich denke aber, das ist alles nur frommer Selbstbetrug. Wenn die da unten mit Kernwaffen spielen, dann werden wir hier zwar weder den Strahlentod sterben, noch im atomaren Winter erfrieren, aber von Unabhängigkeit vom terranischen Nachschub sind wir weit entfernt. Glaub mir, Joan, ich bin Techniker, allein aufgrund von Mangel an Ersatzteilen werden wir schnell unser technologisches Niveau verlieren." Er lachte freudlos.
Doch schon bald machten sich die Anstrengungen der letzten Tage bemerkbar, und der Körper forderte sein Recht auf Schlaf. Die Party verlief sich.
Joan ging mit Piet zu ihrem Zimmer. Sie sprach ihn auf ihre Überlegungen an. "Was hältst Du von der Weltraumerschließungsgesellschaft?"
Er wich einer direkten Antwort aus, wand sich wie ein Aal.
"Grundsätzlich ist es eine gute Idee, aber wir wissen doch beide, wie die Kooperation erdseits aussieht. Da wird doch keine Schwierigkeit ausgelassen, die man uns bereiten kann." Sein Gesicht bekam einen harten, entschlossenen Ausdruck. "Aber wir werden es schaffen, egal was die da unten anstellen!"
*
Joan befand sich auf dem Rückweg von Port Armstrong zum Katapult. Sie hatte dort an einem Gespräch über die Möglichkeiten des Einsatzes von Software beim Bau einer Klinik für Herzkranke teilgenommen.
Der Mondbuggy holperte verblüffend elegant durch die bizarre Landschaft in Richtung Katapultbasis. Joan saß allein im Fahrzeug und gestattete sich einen Blick in den abgrundschwarzen Himmel. (Jetzt bin ich schon, wie lange, ach ja, ein Jahr hier, und der Anblick fasziniert mich immer noch wie am ersten Tag.) Die Erde stand wie immer an der gleichen Stelle des Himmels, zur Zeit abnehmend.
Joan dachte an die letzten Wochen und Monate, die Schäden, die durch bei der Arbeit aufgewirbelten Mondstaub trotz aller Vorsichtsmaßnahmen entstanden waren, das Zusammenwachsen des Teams, die Angst vor Sabotage, die Nachschubprobleme am Reaktor, die auch nicht gerade zur Entspannung der Arbeitsatmosphäre beitrugen. Doch je stärker die Spannung wuchs, desto enger wurde der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Teams und der gesamten Katapultbesatzung. Immer wieder mußten sie improvisieren und zu den unmöglichsten Zeiten, meistens während der offiziellen Ruheperioden, mußte Joan für irgend jemanden etwas durchrechnen. Bei aller Überlastung war sie zufrieden, denn sie stand hinter der Arbeit, die sie tat. Sie trat das 'Gaspedal' durch und fuhr einem neuen Abschnitt ihres Lebens entgegen.
*
"Also Piet, so geht das nicht. Natürlich können wir eine Frau von Joans Fähigkeiten gebrauchen, aber so etwas muß doch vorbereitet werden. Beobachte sie noch eine Weile, provoziere sie von mir aus, informiere Dich gründlich über ihre Ansichten. Aber warte um Himmels Willen mit der Rekrutierung, bis wir mehr Sicherheiten haben." Wild gestikulierend redete der Mann auf Dankert ein. Stirnrunzelnd gab dieser unwillig nach.