Auf dem Flug vom Rhein/Main Flughafen zur deutschen Tochter seines Konzerns in der Frankfurter Innenstadt besprach Julian Henderson mit seinem Sicherheitschef Tony Savallas die Möglichkeiten des Sturzes einer Regierung in Schwarzafrika. Savallas lutschte seine unvermeidlichen Lavendelpastillen und berichtete, daß er beabsichtigte, 'Panicoin' im Trinkwasser der Städte und imprägniertes Getreide aus dem Welternährungsfond in ländlichen Gebieten einzusetzen. (Die große Zeit der Regierungen ist wohl vorbei. Ihre Entscheidungsprozesse fallen viel zu langsam aus. Souveränität hin oder her, ich denke, daß den großen Konzernen immer mehr Macht zufließen wird.)
Dann fragte er über das Datenterminal des Helikopters die wichtigsten Nachrichtendienste ab. Routiniert las er die Meldungen, während der Helikopter über das Lichtermeer der nächtlichen Mainmetropole dahinglitt.
Der Hubschrauber landete auf dem Dach des Hochhauses. Julian Henderson, der erfolgsgewohnte Präsident des selbst für Steuerexperten unüberschaubaren Mischkonzerns "Cybernetics, Gentech and Psychedelics", verließ hinter seinem Sicherheitschef die Maschine und legte die drei Schritte zum Privatlift zurück, der ihn direkt zum Sitzungssaal der deutschen Tochter seines Trusts in Frankfurt brachte. Der kleingewachsene Konzernchef, der im Vorjahr zum bestgekleidetsten Mann Amerikas gewählt worden war, betrat den Saal und nahm seinen Platz ein.
.Als sie anfing, zu weinen, spürte Henderson den Adrenalinstoß des Triumphes. Warum war sie auch nicht in ihrem Apartment gewesen, als er kam. Sie wußte genau, wie er so etwas haßte. Doch diese aufgeblasene Pute wagte es, sich seinen Anweisungen zu widersetzen. Er bezahlte dieser Hure eine Menge Geld, dafür konnte er verlangen, daß sie es sich verdiente. Dann hatte sie ihn noch provoziert, indem sie die Beziehung lösen wollte. Sie war schuld, daß er die Beherrschung verlor und sie ins Gesicht schlug.
So verhielt man sich Julian Henderson, dem jüngsten Vorstandsmitglied der 'Cybernetics', gegenüber nicht.
Die Geilheit des Rausches wich nur langsam einer wohligen Zufriedenheit.
*
Bevor er die Sitzung eröffnete, blickte Henderson über die Runde seiner versammelten engsten Mitarbeiter. Scheinbar entspannt lehnte er sich in seinem Sessel zurück und ließ die Einrichtung auf sich wirken. Der Tisch, die Decke und drei der Wände bestanden aus sandgestrahltem Mahagoni, während die vierte Wand, eine Glasfront, einen Panoramablick über das Häusermeer der Großstadt gestattete. An dem Konferenztisch vor ihm saßen acht Abteilungsleiter der Firma. Hackmann, der Mikrocomputerfachmann, war in ausgebeulte Kordhosen und einen Rollkragenpullover gekleidet, (Mein Vater hätte so etwas nie geduldet.) die anderen trugen feines Tuch. Henderson räusperte sich und ergriff das Wort:
"Meine Herren, kommen wir gleich zur Sache. Ich erwarte Ihre Berichte. Abteilung 'Genetic Engineering', beginnen Sie." Ortega, der Vorsitzende dieser Abteilung, ein biederer Buchhaltertyp mit Allerweltsgesicht, war ein brillanter Genetiker aus Kolumbien. Er sah in die Runde und begann zu sprechen.
"Mr. Chairman, meine Herren:
Wie Sie aus den Unterlagen ersehen können, gibt es einen zusätzlichen Kapitalbedarf für das Projekt 'Renaissance'. Das Projekt selbst geht in zufriedenstellendem Maße voran. Es ist jedoch erforderlich, wie neueste Erkenntnisse belegen, die Produktion der biochemischen Stoffe in eine Null-g-Umgebung zu verlegen, um durch eine Verfeinerung der Kristallisationsprozesse die absolute Reinheit des Produkts zu erreichen.
Unsere Projektionen ergeben, daß, falls keine unvorhergesehenen Komplikationen eintreten, wir ein Produkt erhalten, das den Alterungsprozeß zu 90% verlangsamt. Voraussichtlich wird eine Injektion pro Jahr pro Person erforderlich sein. Unsere Herstellungskosten, eine Großproduktion vorausgesetzt, werden sich auf ca. 5.000 ECU pro Einheit beziffern¼ "
Hier unterbrach ihn Henderson: "Welche Größenordnung wurde bei der Großserie angenommen?"
"Wir sind von einem voraussichtlichen Bedarf von 500.000 Einheiten pro Monat ausgegangen. Bei einem Lebensverlängerungsmittel sollte es kaum Absatzprobleme geben. Die Zahlen beruhen auf Schätzungen über den Gesamtreichtum der Weltbevölkerung, seine Verteilung und mithin über die Anzahl derjenigen, die sich das Produkt endgültig werden leisten können."
"Mein lieber Ortega," auf Hendersons Stirn zeigte sich eine tiefe Sorgenfalte, (Bin ich denn nur von Trotteln umgeben! Er sieht wirklich nicht, daß das nicht lange funktionieren kann.) "was denken Sie, wird passieren, wenn 6 Millionen Menschen plötzlich nicht mehr altern werden? Ich bin der Meinung, daß Ihnen die Sache langsam über den Kopf wächst. Savallas!"
Der kleinwüchsige Italoamerikaner, der sich aus den Slums von L.A. bis zum Chef der weltweiten Sicherheitsabteilung hochgearbeitet hatte, schmächtig, Glatze, mit schwarzem Hemd, Anzug und weißem Binder, blickte ruhig und mit unbeteiligtem Gesicht auf Henderson. Er deutete ein kaum merkliches Nicken des Kopfes an. (Wenigstens einer, auf den ich mich verlassen kann.)
"Ich wünsche, daß sich die Sicherheitsabteilung der Sache annimmt. Dr. Ortega wird Ihnen beratend zur Seite stehen. Sie sind in dieser Sache nur mir verantwortlich. Sicherheitsstufe Null, Ausgangs- und Urlaubssperre, Telefonüberwachung, das Übliche. Es darf vorerst nichts durchsickern. Besondere Sorgfalt ist bei den Produktionsanlagen auf der 'O'Neill' im Weltraum geboten. Dort stehen wir unter internationaler Kontrolle. Savallas, ich will, daß Sie die besten Leute der Sicherheitsabteilung unter die Produktionscrew mischen. Völlige Durchleuchtung aller eingesetzten Spezialisten bis ins Detail ist selbstverständlich. Finanzabteilung, wieviel Prozent der 'Weltraumerschließungsgesellschaft' besitzen wir zur Zeit?" (Wenn man nicht alles selber macht¼ )
Die 'Weltraumerschließungsgesellschaft' war ein übernationales Unternehmen, an dem 40 Regierungen und etliche multinationale Konzerne beteiligt waren. Diese Gesellschaft hatte bisher die Raumstation "Circumterra" im niedrigen Orbit, die Mondbasis, sowie die Raumbasis "O'Neill" am L5-Punkt finanziert und gebaut.
Die "O'Neill" war bisher nur eine größere Raumbasis. Es war geplant, sie zu einem beispiellosen Habitat im Weltraum mit angeschlossenen Fabriken wachsen zu lassen. Als Baustoff sollte vorwiegend Mondmaterial benutzt werden, da dieses wesentlich billiger in den hohen Orbit transportiert werden konnte. Zu diesem Zweck baute die Gesellschaft ein elektromagnetisches Katapult auf dem Mond, das große Mengen Mondmaterial zur "O'Neill" hinaufschießen sollte.
Es war vorgesehen, daß sich das ganze Unternehmen durch Herstellung von Sonnenenergiesatelliten und anderen High-Tech-Produkten selbst finanzieren sollte.
Die 'Cybernetics' hatte bisher mehrere Milliarden US-Dollar in das Unternehmen hineingepumpt; ein Gewinn wurde bestenfalls in fünf Jahren erwartet.
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"Sie sind mein Sicherheitschef, Tony! Sicherheit ist das Hauptproblem in unserer Branche, und jetzt erzählen Sie mir etwas über 'rätselhafte' Fälle von Industriespionage!" Erregt warf Henderson die Zeitung auf den Tisch. 'Panik aus dem Reagenzglas! Psychedelics entwickelt Panicoin!', lautete die reißerisch aufgemachte Schlagzeile. Savallas hob die Hände in einer hilflosen Geste. "Ich habe alles versucht, Sir, aber diese Leute müssen unglaublich gut organisiert sein."
"Das ist mir egal. Stopfen sie die Löcher, das ist Ihr Job!"
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Miller, der Leiter der Finanzabteilung, von dem behauptet wurde, er könne das Kapital zum Kauf von Erde, Mond und Mars aufbringen, antwortete: "2.5% zur Zeit, Mr. Chairman."
"Sorgen Sie dafür, daß dieser Anteil heimlich aufgestockt wird. Tätigen Sie verdeckte Käufe an verschiedenen Börsen. Wir sollten mindesten 10% als mittelfristiges Ziel anvisieren. Mobilisieren Sie unsere finanziellen Reserven, verkaufen Sie Immobilien, Aktien, die nicht aus dem High-Tech-Bereich stammen. Besorgen Sie sich die Gelder, falls nötig, auf dem Kapitalmarkt."
"Das wird nicht einfach sein Mr. Chairman, Sir. Es geht dabei weniger um das Geld, als vielmehr um die Tatsache, daß kaum Aktien auf dem freien Markt sind."
"Dann wenden Sie sich an Mr. Savallas. Er wird schon einige Leute zum Verkauf überreden. Kluth?"
Kluth, der Vorsitzende der "Gesellschaft für angewandte Sozialwissenschaften", ein kleiner, älterer Herr mit Halbglatze und Brille, sah von seinen Strichzeichnungen auf. Er war ungern hier, diese ganze Konzernpolitik interessierte ihn nicht. Am Liebsten würde er jetzt zu Hause in Friedrichsruh sitzen, und mit den Kollegen über die neuesten Aspekte des laufenden Experiments diskutieren.
"Mr. Chairman?"
Die "Gesellschaft für angewandte Sozialwissenschaften" war eine Stiftung im Besitz der "Cybernetics¼ ", die in Westdeutschland den steuerfreien Status der Gemeinnützigkeit erhalten hatte. Unter ihrem Dach im Hamburger Vorort Friedrichsruh waren einige der fähigsten Sozialwissenschaftler der Welt engagiert. Die Stiftung benutzte die modernste Großrechenanlage der Welt, die von der "Cybernetics¼ " entwickelte "Cyber 666", welche auch das Pentagon, die NASA, die "Force de Frappe" und das legendäre westdeutsche Bundeskriminalamt benutzten.
"Kluth, ich will eine Studie für das Szenario, bei dem die 2000 reichsten und einflußreichsten Männer und Frauen dieser Welt die Unsterblichkeitsinjektion erhalten. Wie lange dauert es, bis etwas durchsickert? Ich bitte mir saubere Wahrscheinlichkeitsberechnungen aus. Prüfen Sie die Vermögenstransfers, wenn wir 1.000.000 ECU pro Injektion verlangen. Kluth, es dürfen nicht mehr als fünf ihrer Leute von der Sache erfahren. Die eingeweihten Wissenschaftler erhalten selbstverständlich kostenlos Renaissanceinjektionen. Berechnen Sie die Möglichkeiten der Einflußnahme auf die Kunden, wenn die Injektion jedes Jahr wiederholt werden muß. Informieren Sie Savallas, damit eine lückenlose Überwachung Ihres Projektes gewährleistet ist. Bei dieser Sache darf es keine Versager geben. Und Kluth, ich brauche die Studie in spätestens 12 Monaten, keinen Tag später, ist das klar?"
Der unscheinbare Soziologe blickte furchtlos auf Henderson.
"Selbstverständlich, Mr. Chairman. Wir tun unser Bestes. Auf welche Finanzmittel kann ich zurückgreifen?"
"Sonderausgaben werden aus meinem Reptilienfond finanziert. Wenden Sie sich innerhalb von einer Woche mit ihrer voraussichtlichen Finanzplanung an mein Büro."
"Selbstverständlich, Mr. Chairman."
(Dieser Kluth ist einer meiner fähigsten und loyalsten Leute. Ich werde mich mit Savallas über sein Psychogramm und seine schwachen Punkte unterhalten. Vielleicht kann er noch weiter aufrücken.)
"Abteilung Marketing, prüfen Sie alle Möglichkeiten einer verdeckten Vermarktung des Renaissancestoffes; Mafia, chinesische Geheimbünde, Vatikan, Trilateral Commission, Freimaurer und auch den KGB."
Samuelson, der Troubleshooter, nickte nur. Er war Kummer gewohnt. Er hätte nicht einmal mit der Wimper gezuckt, wenn Henderson verlangt hätte, er sollte ihm ein Treffen mit Flash Gordon oder einem tibetanischen Schneemenschen arrangieren.
Henderson wurde leicht nervös. Die Größe und die Möglichkeiten des Projekts Renaissance faszinierten ihn. (Eins muß man diesen Europäern lassen, wenn sie von mir gesagt kriegen, was sie machen sollen, führen sie es auch 100%ig durch. Doch jetzt schnell auf ein anderes Thema wechseln, bevor ihnen wirklich bewußt wird, worüber wir eben sprachen. Hier wurden schon zuviel Zusammenhänge deutlich.)
"Was steht sonst noch auf der Tagesordnung?"
Er gestattete sich einen forschenden Blick über seine Manager. (Die meisten werden kuschen. Es darf auf keinen Fall etwas von der Sache aus diesem Kreis heraus in die Öffentlichkeit durchsickern. Keine Konferenzen im großen Kreis mehr über dieses Thema.) Ein kurzer Blick zu dem beschäftigt wirkenden Savallas bestätigte ihm, daß dieser auf dem Laufenden war und die notwendigen Schritte veranlassen würde. Alle Anwesenden würden in nächster Zeit auf Schritt und Tritt überwacht werden. Hackmann von der Abteilung Mikrocomputer (Diese Computerfanatiker sind alle schlampig in persönlichen Dingen.) stellte einen revolutionären Taschencomputer mit großer Speicherkapazität, autonomer Energieversorgung und einer breiten Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten vor. Die Maschine war produktionsreif, die Marketingspezialisten waren optimistisch. Die Auflage einer Großserie benötigte einen Kapitaleinsatz von noch einmal 20 Millionen ECU.
Henderson war ungehalten. (Was macht sein Spielzeug in diesem Kreis? Der Mann ist unterfordert, ich werde ihn an anderer Stelle einsetzen.)
"Lieber Hackmann, behelligen Sie mich nicht mit Kleinigkeiten. Eine Investition von 20 Millionen für Hausfrauenspielkram muß im Augenblick zurückstehen, besonders auf dem umkämpften Markt der Mikrocomputer, wo vielleicht Umsätze, kaum aber Gewinn zu machen ist. Samuelson soll mit einer der einschlägigen Firmen um einen Kooperationsvertrag verhandeln, z. B. mit Piemens, Brompson-Frand, mit Fitachi oder Ypson, vielleicht auch mit Äpplesine. Legen Sie Ihren Bericht meinem Büro in spätestens zwei Monaten vor. Weiter in der Tagesordnung!"
Hackmann blickte verwirrt in die Runde. Er war verliebt in seinen neuen Mikrocomputer. Er und sein Team hatten monatelang Überstunden gemacht, um das Produkt heute vorzeigen zu können. Er dachte an all die Nächte, die sie Kaffe trinkend und diskutierend mit rotgeränderten Augen in den Labors verbracht hatten.
Keiner der Anwesenden suchte den Blickkontakt mit ihm.
Hackmann schluckte zweimal und setzte sich. Er konnte ja nicht ahnen, welche Veränderung sein Leben durch diese Erfindung erfahren sollte. Henderson rief schon den nächsten Tagesordnungspunkt auf.
Hafermehl, der Vorsitzende der Abteilung für 'Pädatronik' stellte den 'Elektronischen Erzieher', im Pädagogenjargon 'Over Nite Genius' genannt, vor. Diese Maschine beruhte auf Beobachtungen über das Lernverhalten von Menschen. Da diese zum Beispiel ein Gedicht durch mehrfaches Wiederholen auswendig lernen, so erklärte Hafermehl, sei es möglich gewesen, eine Maschine zu konstruieren, die es erlaubte, Wissen oder Fertigkeiten elektronisch aufzuarbeiten und in Gehirnwellen zu kodifizieren. Ein Gemisch aus Alpha-, Gamma- und Theta-Gehirnwellen könnte nun, so Hafermehl, einer Person mittels einer Haube mehrere Millionen Mal in der Sekunde reflektiert überspielt werden. In der Praxis sehe das so aus, daß der Schüler, mit Elektroden am Kopf, für einige Stunden in einen tranceähnlichen Zustand versinke. Diese schmerzlose Prozedur führte laut Hafermehl zu einer hundertprozentigen Verankerung des Gelernten, ein Kollaps des Probanden durch Datenüberfütterung sei jedoch beim heutigen Stand der Forschung noch nicht völlig auszuschließen.
Er dachte ohne Bedauern an die Männer und Frauen, die am Anfang zusammengebrochen waren. Das waren Schwule und Kriminelle, Abschaum und Parasiten gewesen. So erfüllten sie wenigstens einen guten Zweck und verdienten sich ihren Platz in der Psychiatrie. Dort ging es ihnen seiner Meinung nach sowieso besser als je zuvor in ihrem Leben.
"Die Erprobung des Geräts mit Versuchspersonen ist fast abgeschlossen. Einige Demonstrationsprogramme wie Allgemeinbildung, einfache Mathematik, Einführung in die EDV und auch Karate sind mit Erfolg erprobt worden. Alle Sportprogramme erfordern jedoch zusätzlich ein gleichzeitiges, körperliches Training."
Henderson spürte sofort die Bedeutung dieser neuen Entwicklung. Er ordnete an, daß der elektronische Erzieher für die interne Schulung der Männer und Frauen des Sicherheitsbüros und seines persönlichen Stabes reserviert werden sollte. (Sobald die Kinderkrankheiten beseitigt sind, werde ich mich auch fortbilden.)
Er bildete einen Ausschuß aus Kluth, Hafermehl und Savallas, welcher Leitlinien für die Entwicklung neuer Programme erarbeiten sollte. (Ich denke an Dinge wie Kenntnisse über Raumschiffe, Kampf-U-Boote, Elektronik, Kampfsport etc.. Äußerste Sorgfalt bei der Rekrutierung der neuen Agenten ist geboten. Vielleicht sollte ich eine Sektion aus der Sicherheitsabteilung ausgliedern und selbst übernehmen. Fünfzig bis hundert Spezialagenten, die ich überall einsetzen kann, und die schnell lernen, könnten schon einiges erreichen. Savallas wird mir zu mächtig, wenn er entscheidenden Einfluß auf diese Sache hat.)
Die Ausschreibung des Pentagon für ein Milliardenprojekt, für die Erneuerung der Präzisionsführung der Partikelstrahler und nukleargepulsten Röntgen- und Gamma-Strahlen-Laser im niedrigen Orbit stand als Nächstes an. Durch eine ungeheure Schlamperei der beteiligten Firmen Shitton und Pughes war das bisherige System viel zu unpräzise. Das Projekt sollte einer anderen Firma übergeben werden. Das Geschäft drohte jedoch verlustreich zu sein, da das Pentagon ein zeitliches Limit gesetzt hatte, mit empfindlichen Konventionalstrafen bei Verzug. Henderson war trotzdem interessiert. (Vielleicht kann ich einen 'Bug' in der Software anbringen lassen. Bei diesen Sächelchen hätte ich gerne einen Finger am Drücker.)
Als letzten Punkt der Tagesordnung stellte Bleriot von der Abteilung 'Mikrobiologie' einen revolutionären Mikroorganismus vor, einen maßgeschneiderten Virus, im menschlichen Körper selbst nicht vermehrungsfähig, der in die Gehirnzellen eindringt und dort das dafür bestimmte Genmaterial ablegt. Dadurch wird die Bildung neuer Synapsen bewirkt, die elektrische Leitfähigkeit der Neuronen erhöht und auch die Geschwindigkeit der zellinternen chemischen Abläufe erhöht. In der Praxis führte dies, so Bleriot, zu einer Intelligenzsteigerung und zu verbesserter Gedächtnisleistung. Eine Injektion des neu entwickelten "Michigan-Brain-Dot-Virus", kurz MBDV 23, führt zwar nicht zu mehr Wissen, so führte Bleriot aus, die behandelte Person ist aber deutlich denkschneller, sie lernt schneller, sie zeigt sich geistig flexibler und verfügt über ein besseres Gedächtnis. Henderson war begeistert. (Eine wertvolle Ergänzung zum elektronischen Erzieher.)
Bleriot ließ auf den Bildschirmen der Manager eine farbige, rasterelektronenmikroskopische Aufnahme des MBDV 23 erscheinen. Das Bild zeigte ein ikosaederförmiges Gebilde, annähernd kugelförmig und in seiner regelmäßigen Kantigkeit an einen Edelstein erinnernd.
Bleriots Gedanken schweiften ab. Zurück zu dem Tag, als ein Arzt ihm und seiner jungen Frau eröffnete, daß sein Sohn behindert wäre, er könnte nur sehr langsam denken. Leider war die medizinische Wissenschaft noch nicht in der Lage, hier zu helfen. Laurie hatte das nicht überlebt. Sie hatte sich kurz darauf die Pulsadern aufgeschnitten. Damals hatte er an ihrem Grab geschworen, er würde einen Weg finden, Patric zu helfen. Er hatte sein Wort gehalten, und hier war das Ergebnis. Er glaubte zu diesem Zeitpunkt wirklich, er habe der Medizin und der Menschheit einen großen Dienst erwiesen. Es ging ihm wie dem Mann, der das erste Atom gespalten hatte.
Im Folgenden wurde die kumulative Wirkung des MBDV diskutiert. Bleriot berichtete über Gedächtnisstörungen während und nach der Behandlung. Er zeigte sich jedoch zuversichtlich, daß diese Kinderkrankheiten, wie er sich ausdrückte, in Kürze beseitigt werden könnten. Um den vervielfachten Stoffumsatz im Gehirn während der Wachstumsphase auszugleichen, entwickele sein Team zur Zeit eine Spezial-Eiweißdiät.
Er kündigte Versuche mit steigenden Dosierungen an, um festzustellen, ab welcher Dosis psychische Fehlfunktionen drohten. Henderson stimmte zu. Zusätzlich sollte Savallas zwei Spezialisten der Sicherheitsabteilung zur "Mikrorganismen"-Abteilung überstellen. Damit war die Tagesordnung geschlossen, und Henderson entließ seine Mitarbeiter. Sie schlossen die Computerverbindungen, erhoben sich, nickten ihm zu und verließen den Saal. Henderson blieb entspannt sitzen. Solange er in Hörweite war, vermieden es seine Mitarbeiter, Privatgespräche zu führen. Dieses Verhalten entging ihm keineswegs. Keiner von ihnen hatte in Hendersons Augen das Format, es weiter zu bringen, als zu einem hochbezahlten Handlanger.
(Diese Kriecher, jeder von ihnen will auf meinen Stuhl, würde ich ihm auch nur den Schimmer einer Chance geben. Trotzdem, ein erfolgreicher Tag, dieser Europatrip hat sich gelohnt. Eigentlich fast schon zu erfolgreich. Eigenartig, daß sich die wissenschaftlichen Durchbrüche so häufen. Ich werde demnächst einmal einen Wissenssoziologen über das Problem nachdenken lassen. Beschleunigung der Evolution nennt man das wohl. Irgend etwas in dieser Richtung habe ich doch erst kürzlich gelesen.
Ich werde heute zu Jaqueline gehen. Die kleinen, zierlichen Mädchen sind mir immer noch am liebsten. Ob sie wohl inzwischen eine neue Zofe hat?)
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Auszug Interpol Dossier 'Julian Henderson':
Henderson, Julian, geb. 1.4.43 in Dallas, Texas, 1,62m, Augen blau, Kontaktlinsenträger (7 Dioptrin), Halbglatze, Muttermal auf der linken Wange.
Studium der Jura und BWL in Eaton und Cambridge 1961 bis 1967.
Thema der Examensarbeit: Möglichkeiten und Gefahren der Unternehmensführung in großen Mischkonzernen.
Wechselnde leitende Positionen in Firmen der Hi-Tech Branche.
Seit 1992 Leiter der 'Cybernetics, Gentech and Psychedelics'.
Undurchsichtige Spendenpraxis an führende Politiker beider großer US-Parteien.
Kein Suchauftrag, aber Verdacht auf illegale Tätigkeiten: Synthetische Drogen, politische Manipulation, Kontakt mit kriminellen Vereinigungen, eg. Mafia-Familie Di Fausto.
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Nach vier ausschweifenden Stunden mit Jaqueline und ihrer neuen Zofe in ihrem englischen Kabinett suchte Henderson das firmeneigene Penthaus in der Frankfurter City auf, um sich umzuziehen. Er war zu einer Party bei Stromberger eingeladen, dem Vorsitzenden des Verbandes der Chemischen Industrie. Dort versammelte sich für gewöhnlich nicht nur die Creme der deutschen Industrie, sondern auch einflußreiche Menschen aus dem Kreise der Justiz, Politik, Wissenschaft und der Finanzwelt.
Er duschte, kleidete sich an, bestellte seinen Wagen und schluckte noch zwei 'Wach Und Gutgelaunt'. (Auf solchen Partys erhalte ich immer eine Menge Insiderinformationen.) Er bestieg den Fahrstuhl zur Eingangshalle, in der sein Fahrer schon wartete.
Die Fahrt zu Strombergers Residenz dauerte fünfzehn Minuten. In dieser Zeit rief er über das Wagenterminal mit Hilfe seines Spezialcodes die Informationen über Strombergers jüngste Aktivitäten ab, soweit sie in den Datenspeichern der Sicherheitsabteilung vorlagen. (Hm, neue Kunststoffe, mehrere Patente über psychoaktive Stoffe, einer davon als Pilotprojekt in einer Orbitalfabrik. Verwicklung in einen bisher undurchsichtigen Bestechungsskandal in Bonn. Dieses Schlitzohr ist sehr aktiv in letzter Zeit. Das kann ein interessanter Abend werden.)
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"Ich will Informationen, und keine Vermutungen! Exakte Informationen! Wenn Sie nicht in der Lage sind, mir die zu beschaffen, dann suche ich mir jemanden, der es kann, und dann rollt Ihr Kopf." Ronald Henderson entließ seinen Sicherheitschef mit einer herrischen Handbewegung. Dann drehte er sich langsam herum und sagte, zu seinem 12-jährigen Sohn gewandt: "Merke Dir das, Julian, Information ist die wichtigste Säule des Erfolges."
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Als der Wagen am Sicherheitstor vor Strombergers Grundstück hielt, trat ein Wachmann in dunkler Uniform mit einer Handidentifikatorplatte an das Auto heran. Henderson und sein Fahrer legten nacheinander ihre Handflächen auf die Kunststoffplatte. Der Uniformierte quittierte das Aufleuchten eines kleinen grünen Lämpchens mit einem leichten Kopfnicken und nahm den Identifikator zurück. Er machte ein Zeichen mit der Hand, und das Tor glitt auf; im Vorbeifahren bemerkte Henderson die dem Wagen folgenden Kameraobjektive. Sie rollten durch die weitläufigen Garten- und Parkanlagen vor die Freitreppe des schloßähnlichen Gebäudes.
Henderson ging hinein. Die Party war schon in vollem Gang.
Eine Hologramm-Lichtorgel warf feine Netze aus polychromatischem Licht, die sich bewegten wie Mondlicht in einem stürmischen Gewässer, über die Räume. Aus unsichtbaren Lautsprechern ertönte Stravinskis "Sacre du Printems." Die Musik legte sich wie ein Stroboskop über das Partygeplapper. Viele der jüngeren Gäste trugen Abendgarderobe im allerneuesten Modestil: Im polarisierten Licht wurden wesentliche Teile der Kleider und Anzüge durchsichtig; die Geschäftsleute waren jedoch im konservativen, dunklen Tuch erschienen.
Als Stromberger Henderson bemerkte, löste er sich von der Gruppe, mit der er gerade sprach, und kam breit lächelnd auf ihn zu. Er war ein mittelgroßer Mann und trug einen gut sitzenden, anthrazitfarbenen Anzug. Sein markantes Playboygesicht war, wie immer, braungebrannt. Doch neigte er dazu, schnell zu transpirieren. Sein Gesicht und seine Hände waren ständig von einem leichten Schweißfilm überzogen. In Hendersons Augen gab ihm das ein schleimiges Aussehen. In Strombergers engerer Umgebung behauptete man das auch von seinem Charakter.
"Mein lieber Julian, wie schön, daß Sie es geschafft haben, zu kommen. Wie geht es Ihnen? Wir haben uns ja seit der Konferenz auf St. Thomas nicht mehr gesehen. Was macht Ihre entzückende Begleiterin von damals?" Henderson lächelte routinemäßig zurück. (Du alter, geiler Bock hast doch genug eigene Nutten zur Verfügung. Aber wer keinen Geist hat, kann auch nicht geistreich sein.)
"Mein lieber Arthur, immer noch der Alte, braungebrannt und gutaussehend! Mir geht es fast so gut wie Ihnen, und wir wissen beide, wie gut Ihre Geschäfte gehen."
Unter dererlei seichtem Smalltalk schlenderten sie durch die verschiedenen Räume und begrüßten hier und dort Bekannte. Stromberger stellte Henderson 'Mad Bomber', einen bekannten Popstar, vor und verabschiedete sich dann, um weitere Gäste zu begrüßen. Der Sänger war ein Hüne von 1,95m und wog mindestens zweieinhalb Zentner. Er war in eine knallenge, schwarze Lederkluft gezwängt, die Jacke vorn geöffnet, um die dicht behaarte Brust zu zeigen. (Der sieht ja ekelhaft aus!) Er trug eine verspiegelte Sonnenbrille, eine schwere Goldkette mit einem Adler aus Gold als Anhänger um den Hals und mehrere Ringe mit großen Steinen an den breiten Fingern. (Die Pranken sind ja halbe Baggerschaufeln. Hm, ein Sternsaphir, ein Rubin, und sogar ein Alexandrit; keiner unter sieben Karat; alles nicht ganz billig, aber ohne Stil.)
"Hey, Henderson, was macht son Amiboß wie Sie denn in Old Germany? Ich bin der 'Bomber'. Ich hab damals die Supershow im Grand Canyon gestylt. War irre, was? Sagen Sie, Sie sind doch unter anderem auch in der Pharma-Branche tätig?"
Mißbillig abschätzend musterte Henderson den Mann. (Ob der mir ans Bein pinkeln will? Es ist vielleicht interessant, sich so etwas einmal anzuhören.) "Ja, das stimmt, Mr. Bomber," sagte er. Henderson genoß die unsinnige Zusammenstellung des Mr. mit dem 'Bomber'. "In meinem Konzern gibt es eine Abteilung 'Psychedelics'. Allerdings bin ich kein Fachmann", fügte er hinzu. Der Bomber fletschte die Zähne zu dem Zerrbild eines Lächelns: "Na klar, aber Sie haben Infos über die Neuheiten auf dem Drogenmarkt. In meiner Branche muß ich auf dem Gebiet auch auf dem Laufenden sein. In letzter Zeit gibt es da ein neues Pülverchen, an dem ein paar really experienced boys ausgefreakt sind. Vorgestern hat es meinen Drummer erwischt, ein Spitzenmann. Ich brauch ihn für die Show. Was ist das für'n Giftchen?"
Henderson zuckte mit den Schultern. "Vielleicht hat irgend jemand etwas aus einem Labor gestohlen und verschafft sich so einen Nebenverdienst. Wie sind denn die Symptome, Mr. Bomber?" (Das ihm die Anrede nicht komisch vorkommt.) Der Popstar zog an seinem Joint und blies einem vorbeigehenden Partygast den Rauch ins Gesicht. "Wir waren im Rehearsel-Raum, um ne neue Idee von mir zu auszubauen. Als wir grad mal einen durchgezogen haben, is unser Drummer mal kurz auf'n Abseiler. (!?!) Als wir wieder losmachen is der vom Chaos befallen, paukt auf'm Mars. Ich checke was angesagt is, und da sitzt er mit völlig leerem Grinsen am Gerät. Na, ich hab' 'n paar Männer im weißen Frack engagiert und ihn in eine Funny Farm schaffen lassen. Da sitzt er rum und grinst wie 'n Zombie. Es ist einfach kein verständliches Wort aus ihm rauszuholen, als ob sein Gehirn gelöscht is." Erwartungsvoll sah er Henderson an.
Dieser sagte ohne zu zögern: "Das tut mir aufrichtig leid für Ihren Freund, aber da läßt sich ohne Analyse der Droge so nichts sagen. Wenn Sie die Substanz nicht in die Finger bekommen, dann wird er wohl in diesem Zustand seinem Ende entgegendämmern."
"Shit, und jetzt is grad kein guter Drummer frei."
"Seien Sie doch froh," sagte Henderson, "soviel ich gehört habe, ist Ihre Branche sowieso nicht ganz ungefährlich. Bei Ihren Konzerten soll es doch immer häufiger zu Krawallen kommen."
"Das stimmt leider. Die Jungens von der Straße haben es aber auch wirklich nicht leicht", plauderte der 'Mad Bomber' aus der Schule. "Das fängt zu Hause schon an. Das Elternhaus ist verwarzt, die Schulden, der Suff und die Drogen. Klar, daß die boys da mal ordentlich auf den Eimer hauen wollen, wenn ich ihnen so richtig eingeheizt habe. Dafür schieben sie mir ja die Kohle in den Arsch, und das ist nicht wenig, he, he!"
Der Popstar stieß ein gehässiges Kichern aus.
"Die Ordner kommen aus der gleichen Scheiße, nur meinen sie, auf der richtigen Seite zu stehen. Dabei prügeln sie meist noch fanatischer auf die Fans ein als die Rollkommandos der Privatbullen aus den Schmarotzervierteln. Dazu kommt die aussichtslose Zukunft; die ha'm doch nu absolut nix zu verlieren. Arbeit gibt es immer weniger, und die Werbung sagt, daß man ohne grünes Futter in der Tasche der letzte Dreck is. Also treffen sie sich in Streetgangs und spucken dem Teufel ins Gesicht, prügeln sich mit Bullen und ihresgleichen, nur um ihre Gehirne mit irgendwelchen Pülverchen vollzudröhnen und die Scheiße zu vergessen, in der sie stecken."
Henderson hörte gelangweilt zu. (Du hast ja recht, mein Junge, aber der Gewinn heiligt die Misere.) Laut sagte er: "Tja, es ist jammerschade, wie es um die Jugend steht. Es wird Zeit, daß die Regierung, so wie wir alle, etwas dagegen tun. Hören Sie, sollten Sie diese Droge, die Ihrem Freund so übel mitgespielt hat, in die Finger bekommen, so kommen Sie damit zu mir. Ich werde unsere Labors anweisen, alles Menschenmögliche zu tun, ein Gegenmittel zu finden. Man hilft sich doch wenigstens noch unter Freunden." Er nickte dem Musiker zu. (Das wäre doch ein Geschäft: eine neue Psychodroge und das Gegenmittel; und die Droge kostet keinen Cent. Die PR Abteilung hätte Material für mindestens zwei Kampagnen. So macht man gute Geschäfte und nicht durch Krawalle.)
*
Das Abrißhaus lag in einem Frankfurter Slumviertel. Willard der Pusher näherte sich vorsichtig dem vereinbarten Treffpunkt. Gerade hatte er wieder aus dem Labor, in dem er saubermachte, etwas von der neuen Droge mitgehen lassen. Sein Kunde sollte in zehn Minuten kommen. Er selbst kam, wie immer, etwas früher, um die Lage zu kontrollieren.
Jetzt stand er hinter einer ehemals tragenden Wand und starrte in den trostlos grauen Nieselregen, der durch die einladenden Löcher der Dachreste fiel. Plötzlich beschlich ihn ein unerklärliches Gefühl der Angst und erhöhte seinen Adrenalinspiegel. Dann registrierten seine angespannten Sinne ein Geräusch, und seine Hand zuckte zu seiner Waffe.
Doch bevor er wußte was geschah explodierte etwas in seinem Kopf und er sah viele, bunte Sterne. Im Fallen sah er schemenhaft einen großen Menschen mit einem Schäferhund auf sich zukommen¼
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Henderson verabschiedete sich und schlenderte weiter. Am kalten Buffet traf er Herrman Josef Goldhaupt, den Chef der Teutonischen Bank, den er seit langem kannte.
Goldhaupt mit seiner Glatze, der vorspringenden Hakennase und der Goldrandbrille in seinem runden Gesicht war in der Branche ein geachteter Mann: groß und breitschultrig, immer etwas Übergewichtig, so daß sein konservativer, dunkelblauer Anzug trotz erstklassiger Verarbeitung in der Körpermitte immer ein wenig spannte. Dazu trug er einen dunklen schmalen Binder mit einer Krawattennadel aus einem kleinen Brillanten. Seine Sekretärin litt ständig unter dem Gestank der schwarzen Zigarren, die er seinem Büro rauchte. Sie hatte eigentlich kündigen wollen, doch dann hatte sie einen gutaussehenden Mann kennengelernt. Er hatte ihr außer Rosen und sexuellen Freuden auch noch einen guten Zusatzverdienst versprochen, wenn sie ihm täglich von ihrer Arbeit erzählte. Er war zärtlich und aufmerksam ihr gegenüber, warum hätte sie sein Angebot ausschlagen sollen? Außerdem war er genau ihr Typ.
Dieser Mann war der Diener vieler Herren und bezog sein Geld aus verschiedenen Quellen. Eines seiner kleineren Einkommen erhielt er von Savallas Sicherheitsbüro.
"Sagen Sie, mein lieber Julian", eröffnete der Bankier leutselig das Gespräch, "worauf ich Sie schon immer einmal ansprechen wollte: Wie ist es möglich, daß Sie mit Ihrem doch zugegebenermaßen zentralisierten Führungsstil Ihre Firma so überaus erfolgreich leiten." Henderson sah ihn überrascht an. "Was ich meine, Julian, ist: Bisher sind doch letztendlich alle gescheitert, die sich nicht zu modernen Managementmethoden und kooperativem Führungsstil entschlossen haben. Wo sind sie denn geblieben, all die Perlings, Klicks, Schorfs, Krandts und Henninkmeyers und auch all die Privatbankiers. Sie sind eine Ausnahme, Julian. Dabei haben Sie fast ohne Kapital einen Konzern übernommen und zum multinationalen Unternehmen gemacht. Probieren Sie doch die Lachshäppchen, sie sind köstlich. Es wird langsam wirklich schwierig, Lachs zu besorgen."
Henderson nahm sich von dem Fisch. (Worauf will er hinaus?) "Mein lieber Herrman, ich halte nichts von kooperativem Führungsstil. Egal was irgendwelche Kretins sagen, die noch nie einen Betrieb von innen gesehen haben, aber an den Universitäten Schwachsinn über Betriebswirtschaft verbreiten. Das Problem der Verantwortung darf nicht verwischt werden. Ich treffe meine Entscheidungen auch nicht im luftleeren Raum. Ich habe viele gute Leute, die besten, in hohen Stabsfunktionen, die mir zuarbeiten und meine Szenarios und Optionen ausarbeiten. Sie tragen aber keine Verantwortung für das Unternehmen und dürfen noch nicht einmal einem Hilfsarbeiter das Ausfegen befehlen. Diese Leute sind nur mir verantwortlich und sie berichten auch nur mir. Die Verantwortung aber trage ich. Es gibt bei uns in der Firma natürlich auch auf allen Ebenen Mitarbeiter in Linienfunktionen, die Befehle erteilen, Untergebene haben und Verantwortung tragen, aber keinen über oder neben mir. Je mehr Leute an den wichtigen Entscheidungen verantwortlich beteiligt sind, desto langwieriger wird der ganze Entscheidungsvorgang, und desto länger dauert es, bis Entscheidungen fallen. Die Zahl der Entscheidungen, die ad hoc getroffen werden müssen, nimmt sowieso prozentual immer mehr zu. Das ist wohl auch der Grund, warum die Entscheidungsvorgänge bei den Regierungen immer träger werden. (Was hat regieren eigentlich mit Gier zu tun?) Nun, ich bin bisher gut damit gefahren, und so wird es auch bleiben. Kooperativer Führungsstil ist meiner Meinung nach etwas für Leute, die sich scheuen Entscheidungen zu treffen."
Goldhaupt wandte ein: "Wie haben sie es geschafft, daß fähige Leute sich so die Entscheidungen wegnehmen lassen und sich mit Beraterfunktionen begnügen?"
Henderson zuckte mit den Schultern. "Betriebsgeheimnis, vieles. Ich zahle gut, ich behandle meine Leute gut (solange mir das nützt) und ich gebe ihnen ständig neue Aufgaben. Ich habe nicht viele Kündigungen." (Kündigungen sind bei mir auch meist sehr, sehr endgültig.)
Er griff nach einem Champagnerkelch. "Und was halten sie als Geldexperte von der internationalen Finanzkrise. Wird die Verschuldung der Drittweltländer nun endgültig zum großen Bankenzusammenbruch führen, oder wird man wieder eine Zwischenlösung zusammenschustern?"
Die unverbindlich lächelnde Miene des Bankiers machte einem ernsten Gesichtsausdruck platz. "Mein lieber Julian, die Lage ist recht ernst. Ich sage Ihnen, wenn die Banken zusammenbrechen, dann stürzen auch die Regierungen; insofern besteht eine gegenseitige Abhängigkeit. Aus ihrem eigenen Interesse heraus werden die Regierungen der OECD-Nationen schon dafür sorgen, daß es nicht zur Katastrophe kommt. Ich denke da an eine radikale Herabsetzung der Mindestreservensätze. Dadurch kommt es zu einer Liquiditätserhöhung und damit zu mehr Inflation. Eine hohe Inflation in den Hartwährungsländern ist unsere einzige Chance. Da auch der Staat daran verdient, sehe ich da keine Probleme. Andererseits denke ich an mehr politischen Druck auf die Drittweltstaaten zur Herausgabe ihrer Rohstoffe zu angemessenen Preisen."
"Wenn die Industrialisierung des Weltraums planmäßig voranschreitet, dann sind auch viele Finanzprobleme leichter lösbar." Goldhaupt stimmte zu, und kurz darauf verabschiedeten sich die beiden voneinander.
Julian Henderson schlenderte ziellos durch das Partygewimmel, grüßte hier und dort ein paar Bekannte und sprach mit verschiedenen Männern und Frauen. Er verweilte kurz, um eine tänzerische Darbietung zu betrachten. Dann verließ er das Fest ohne sich zu verabschieden.
"Die ungläubigen Epochen sind die Wiegen neuen Aberglaubens."
(Amiel)
Rolf Schulz, der von seinen Freunden der "Wizard" genannt wurde, tauchte langsam wieder auf und nahm den Stirnreifen des Alpha-Wellen-Biofeedback-Gerätes vom Kopf. (Tief durch den Bauch atmen.) "OMMM". (Crowley meinte ja, daß der ursprüngliche Laut AUM hieß und OM nur eine Verballhornung ist.) "AUMMMM also¼ wie auch immer ¼ ist sowieso scheißegal." Er ging in die Küche, pfiff "One Scotch, one Bourban, one Beer" und holte sich einen Joghurt und einen Tomatensaft. Im karg ausgestatteten Wohnzimmer stellte er Visiphon und Türklingel wieder an. (Beim Biofeedback, ZAZEN und beim Schmusen immer alle Verbindungen zur Außenwelt kappen! Nur so kann man die seelische Umweltverschmutzung vom Intimbereich fernhalten.)
In zwei Stunden mußte er die Kneipe wieder aufmachen. (Warum bin ich bloß auf dieser Insel hängengeblieben?)
Vor drei Jahren hatte er für irgendeinen reichen Pinkel den Skipper auf einem Segeltörn im Mittelmeer gemacht. Auf diesem Trip hatte er Toni kennengelernt. Toni war ein schwarzgelockter, braungebrannter Italiener mit Goldkettchen am Hals. Er hatte mit dem Verkauf von Drogen und allem, was sich sonst noch lohnte, eine hübsche Stange Geld verdient. Jetzt wollte er sich einen Traum erfüllen, ein italienisches Spezialitätenrestaurant. Sie freundeten sich auf dieser Reise etwas an, vielleicht weil sie beide so etwas wie Außenseiter der Bordgesellschaft waren. Eines Abends, sie saßen in Wizards Kajüte beim Bier, erzählte Toni von seiner Bar auf Ibiza: "Toni's Bar". Er fragte den Wizard, ob er nicht Lust hätte, das Geschäft zu pachten. Über der Bar wäre eine Wohnung und die Pacht ein wahrer Freundschaftspreis. Wizard beobachtete wie Toni verstohlen in der Nase popelte und den Finger dann an der Unterseite des Tisches abwischte.
"Toni's Bar" war inzwischen zu einem Treff für alle Mystik-Freaks und solche, die es sein wollten, geworden. Rolf lebte nicht schlecht davon; er hatte viel Zeit für sich, wurde aber auch nicht gerade reich. Reichtum hatte er allerdings noch nie angestrebt. Sein eher unstetes Leben war geprägt durch den Tod seiner Mutter bei einem Autounfall als er 20 war und wenig später durch die abrupte Trennung seiner Freundin von ihm, was für ihn sehr schmerzhaft war.
In seinem Schmerz flüchtete er sich erst in ein Zen-Kloster in Japan.
Als er nach einiger Zeit in ein weltliches Leben zurückkehrte, verfiel er in das entgegengesetzte Extrem. In der schillernden italienischen Filmwelt hatte er bald einen guten Namen als Stuntman in Karatefilmen. Doch bald sehnte er sich wieder nach mehr Ruhe, er hatte den Job als Charterskipper angenommen und Tony kennengelernt.
Schon seit Jahren brauchte er weder die Krücke der Anerkennung, noch die Bestätigung der Macht oder das Narkotikum der Ausschweifung. Die Umstände erforderten es einfach, daß er für seinen Unterhalt arbeitete.
Wenn es, was äußerst selten war, Krach in der Bar gab, kam ihm seine Kampfsportausbildung bei den Karate- und Kung Fu Experten der französischen und italienischen Stuntszene zugute.
*
Dokusan mit Wahadra Roshi im Zen-Kloster 'Dharma' am Fuß des Fudschijama.
"Roshi, kann mir das Karate helfen, meinen geistigen Weg zu gehen?" Es erschien Rolf, als ginge der Blick seines Lehrers direkt durch seine Haut hindurch in sein Innerstes. Wahadra lächelte. "Du kannst jetzt noch nicht verstehen, warum das nicht wichtig ist. Aber, wenn es Dir hilft, mit Deiner Angst umzugehen, dann ist es gut. Und vielleicht lernst Du dabei sogar, richtig zu atmen. Aber hier im Zendo ist nur Konzentration. Dein Feind ist das begriffliche Denken, oder in anderen Worten, Dein Feind ist Dein eigenes persönliches Ich. Später, wenn Du aufgehört haben wirst, Dich selbst als losgelöstes Individuum zu sehen, wenn Du das Einssein allen Daseins erkannt haben wirst, dann erst hast Du Deinem Ich einen wirklich tödlichen Schlag versetzt. Fahre fort mit Deinen Übungen und lasse nicht nach in Deiner Anstrengung."
*
Pünktlich um 16.00 Uhr öffnete der "Wizard" die Pforten seiner Bar. Er schlenderte hinter die Theke, um sich die Gläser zurechtzustellen und das abgestandene Bier aus der Leitung zu zapfen und wegzuschütten.
Nach und nach füllte sich der kleine Raum. Während er die ersten Biere zapfte und Cocolocos und Cuba Libres mixte, ließ er sich den neuesten Klatsch von der irren Party in der letzten Nacht erzählen. Zwischendurch nahm er Bestellungen an und begrüßte seine Stammgäste. Automatisch paßte er die Lautstärke des Kassettenrekorders dem Geräuschpegel im Gastraum an. Obwohl die Nachmittagssonne auf dem Vorplatz noch helles Tageslicht und angenehme Wärme verbreitete, war es in der Bar schummrig und kühl. Zwei ausgesprochen hübsche, braungebrannte Papagalli in blütenweißer Tenniskleidung mit Goldkettchen um den Hals beratschlagten an einem Tisch in der hinteren Hälfte des Raumes ihre Pläne für den Abend. Der kleinere der beiden, Fausto, dealte gelegentlich auch mit Kokain. Doch das interessierte den Wizard nicht. Sie waren Stammgäste und pflegten von hier aus ihre Fischzüge auf reiche Touristinnen zu starten.
Vier schmuddelige Jugendliche in indischen Baumwolljacken und Pluderhosen, saßen an einem anderen Tisch über Milchkaffee und Joghurt.
Wizard vermutete, daß sie irgendwo an der Steilküste ihr Lager hatten, denn sie kamen seit drei Tagen jeden Nachmittag und gingen kurz vor Sonnenuntergang. Sie legten ihre Zeche immer abgezählt in kleinen Münzen auf den Tisch und verschwanden so unauffällig wie sie gekommen waren.
In der Nähe der Tür saß ein deutsches Touristenehepaar. Er war ein beleibter, immer schwitzend unter der Hitze leidender Enddreißiger. Er kam häufig am frühen Nachmittag allein um ein paar 'deutsche Bierchen zu zische', wie er es nannte. Da um diese Zeit meistens nicht viel los war, hatten sie sich öfter unterhalten. Dabei hatte er erzählt, daß er Eberhard heiße und Architekt sei, und daß er nur seiner Frau zuliebe hierher gekommen wäre. Seine Frau war jünger und sah gut aus. Sie betrog ihn, aber das schien ihn nicht zu stören.
In diesem Moment verdunkelte sich der Eingang, und eine ihm unbekannte junge Frau betrat seine Bar. Wizard merkte auf. (Donnerwetter, das ist ja 'ne interessante Frau! Einmal nicht so'n Plastikgesicht!) Wer da seine Aufmerksamkeit auf sich zog, war eine sehr gut gebaute Rothaarige in Jeans und T-Shirt (Steht ihr gut.); ihre Figur erinnerte ihn an die Supergirls in den Comics. (Sie ist höchstens Anfang Zwanzig.) Sie trug keinen BH, und das unterstrich ihre sportlich durchtrainierte Figur. Er beobachtete aus den Augenwinkeln ihren Weg durch das Lokal; sie kam ohne Umwege an die Theke.
Sie setzte sich auf einen freien Barhocker und wartete darauf, daß er sich ihr zuwandte. Sie dachte an die Party vor einer Woche, in ihrer Heimatstadt. Es war eine typische schwedische Kleinstadt, und es war eine typische schwedische Kleinstadtparty mit selbstgebranntem Schnaps bis zum umfallen. Erst wollte sie gar nicht hingehen, aber was sollte man in einer schwedischen Kleinstadt sonst tun? Sie hatte dort einen Mann getroffen, sie erinnerte sich nicht einmal mehr an seinen Namen, der gerade von Ibiza zurückgekehrt war. Sie erzählte ihm, daß sie in nächster Zeit dorthin wollte. Er hatte gerade allerlei wirres Zeug von Magie und solchen Dingen erzählt, und ihr gesagt, sie solle doch einmal zum Wizard in 'Toni's Bar' gehen.
"Bist du der Wizard?", fragte sie vorsichtig doch ohne Scheu. Sie hatte eine leicht rauchige Stimme und sah ihm mit unergründlichen, grünen Augen direkt in die seinen. Wizard, der mit Augenkontakt einen starken Einfluß auf viele Menschen ausüben konnte, fühlte sich innerlich berührt.
"Bin ich, wie jeden Abend um diese Zeit, sogar live. (Sie hat eine erstaunlich starke Ausstrahlung.) Was kann ich für Dich tun?" Sie musterte ihn interessiert von oben bis unten, blickte ihm wieder direkt in die Augen und lächelte ihn an.
"Hey, ich bin Gunilla. Ich habe gehört, Du hast Tarotkarten, und wenn mein Informant auch nur halb so gut ist, wie er behauptet, hast Du ein 'Aleister Crowley Thoth Tarot Card Deck'."
Wizard verzog keine Miene. Um ihren Hals bemerkte er einen Silberanhänger mit einer Reproduktion einer Hieroglyphe. Im altägyptischen Glauben war es das Symbol für das Leben, jedoch bei modernen Mystikern wie Crowley und Mathers wurde sie als Zeichen für das "Ewige Leben" verehrt. Durch die Ähnlichkeit mit dem Zeichen der Frauenbewegung jedoch fühlte er sich veranlaßt, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. (Wer weiß, ob sie sich bewußt ist, was sie da trägt!) An dem Ringfinger ihrer rechten Hand bemerkte er einen einfachen Silberring mit einem hübschen Mondstein. Er beobachtete ihr Gesicht genau.
"Du bist 'ne Mondnatur." Nachdenklich sah er sie an. (Wirklich 'ne Klassefrau: nicht nur hübsch, sondern auch intelligent und vielleicht sogar medial begabt.) "Fische?"
"Richtig," lächelte sie zurück. Wizard atmete tief durch den Bauch. (Nicht gerade ein Freundschaftszeichen. Ich bin Wassermann. Na immerhin, es gibt schlimmere Konstellationen.)
"Nun, mal angenommen ich hätte so ein Tarot Deck", sagte er, "was würde das für Dich bedeuten?"
"Es würde bedeuten, daß ich Dich bitten würde, mir die Karten zu legen. Ich habe auch gehört, daß Du das ungern machst, aber ich verlasse mich da auf meine Wirkung auf Männer, und Du bist doch einer." Sie sagte das ohne Effekthascherei, so als hätte sie über die Farben eines Bildes gesprochen. Dem Wizard gefiel ihr selbstsicheres Auftreten, und mit einem verschmitzten Augenzwinkern sagte er: "Dann kann das 'ne interessante Session werden. Fische sind ja bekanntlich häufig medial veranlagt. Wenn Du mal 'ne ruhige Stunde hast, schau doch 'rein. Ich würde mich freuen."
"Was ist mit morgen nachmittag?"
(Holla, die hat's aber eilig. Doch warum nicht? Sie hat recht, ich bin ein Mann.)
"Wie wär's mit morgen mittag zum Essen, so um zwölf? Es gibt frischen Hummer. Gut möglich, daß sich auch eine Flasche Weißwein findet. Beim Essen kann man am Besten über alles plaudern."
*
Der Wecker ratterte erbarmungslos. Wizard wachte nur schwer auf; er erinnerte sich lebhaft an seinen letzten Traum. Eine wirre zusammenhanglose Geschichte über große Metallzylinder im Weltraum. Wizard sah ein Bild mit Sternen, gestochen scharf, ohne zu flimmern und funkeln. Im Halbschlaf erinnerte er sich an die Frau von gestern abend, was seine Lebensgeister schnell weckte. (Der will ich was Gutes bieten.) Rolf duschte, machte danach einige Gymnastikübungen (Na ja, die Gelenke sind wenigstens noch geschmiert.), und zog sich an. (Tai-Chi lassen wir heute ausfallen. Es wird auch so gehen. Ich muß Jose erwischen, bevor er besoffen ist, sonst werden mir die Hummer zu teuer.)
Auf dem Weg zum Hafen grüßte er gutgelaunt Nachbarn und Bekannte, die er traf. (Ein herrlicher Tag, mit einem Wetter zum Heldenzeugen.) In der kleinen Kantine auf der Mole traf er Jose noch in annehmbarem Zustand an, was seine Stimmung steigerte. Mit zwei Hummern schlenderte er heimwärts.
Den Topf mit dem Wasser für die Krustentiere stellte er auf den Herd, kletterte in seinen Weinkeller hinab und fand tatsächlich eine Flasche '72er Chabli Premier Cru'. (Heute mußt Du dran glauben! Eigentlich ist die Alkoholtrinkerei Mist; sie behindert die spirituelle Entwicklung. Wein ist jedoch, glaube ich, in diesem Fall vertretbar.) Und schon eilte er wieder in die Küche, um sich der Zubereitung der Mahlzeit zu widmen und den Tisch angemessen zu decken. (Die Frau hat mich offenbar beeindruckt. Ich merke, daß ich nervös bin.)
Während er sich mit den verschieden Zutaten beschäftigte, meldete das Radio die neuesten Nachrichten. (Never whistle while you're pissing. Tief in den Bauch atmen.)
Er ließ das Radio dennoch an.
(Alles Asche. Scheißpolitik. Die können mich alle mal. Ich halt mich da jedenfalls raus.) Wizard stellte das Radio ab und konzentrierte sich auf seine Küchenarbeit.
Die Klingel riß ihn aus seinem Schaffen. Er stellte die Salatschüssel auf den Tisch und ging zur Tür. Sie kam fast pünktlich, was ihn angenehm überraschte. Sie trug einen indischen Seidensari in schwarz und silber, der ihr hervorragend stand, angenehm mit dem roten Haar kontrastierte und ihre Figur sehr vorteilhaft zur Geltung brachte. Um ihren Kopf war ein grünes Seidenband gebunden, welches zu ihrer Augenfarbe paßte. Als sie den gedeckten Tisch sah, war sie auf ungekünstelte Art erfreut, und er spürte, daß sie seine Mühe mit dem Essen durchaus zu würdigen wußte.
Sie nahm Platz und Wizard setzte sich ihr gegenüber. Mit einem Druck auf die Starttaste seiner Fernbedienung ließ er die vorbereitete Musik anlaufen: eine moderne Bearbeitung gurdjieffscher Derwischmusik.
Als er den Wein aus der Karaffe, in welcher er eine halbe Stunde geatmet hatte, in die Gläser schenkte, fragte er sie in einem leichten Plauderton: "Entschuldige bitte meine Direktheit, aber ich möchte zu gern wissen, mit wem ich hier so angenehm beisammen sitze, und wie Du an meine Adresse gekommen bist."
Gunilla knackte eine Hummerschere auf, legte die Zange auf den Tisch und sah ihn an. "Ein flüchtiger Bekannter gab mir Deine Adresse, als er hörte, daß ich hierher nach Ibiza fahre. Wir, das heißt er, hatte gerade über Tarot und Kartenlegen gesprochen. Ich interessiere mich dafür, und so gab er mir den Tip, Dich einmal anzusprechen. Er sagte, Du wärst ein sehr guter Kartenleger und würdest Dich auch mit anderen mystischen Gebieten befassen. Leider verstehe ich zu wenig, um darüber sprechen zu können."
"Und worüber möchtest Du mit mir sprechen?"
Sie sah ihn mit leuchtenden Augen an: "Ich möchte gern mehr über Mystik erfahren, wie das alles in unsere heutige Welt paßt. Für einen Laien wie mich klingt das alles nach dem Zauberer aus dem Märchen. Bist ein guter oder ein böser Zauberer? Ich hoffe Du verwandelst nicht unschuldige Jungfrauen wie mich in alte, häßliche Kröten."
Wizard ging auf ihren scherzhaften Ton ein: "Doch, gelegentlich schon, wenn sie mir nicht zu Willen sind. In den letzten 1000 Jahren hatte ich das aber nicht mehr nötig."
Dann wurden sie wieder ernsthaft und unterhielten sich angeregt über Steiner, Bhagwan, moderne Satanskulte, Zen und andere Gebiete der Mystik. Der Wizard faßte seine Meinung mit den Worten zusammen: "Die Mystik ist für den Anfänger genauso unüberschaubar wie die Wissenschaft. Die meisten Menschen sehnen sich nach einer Autorität, an der sie sich orientieren können. Und das führt leider sehr oft zu Mißverständnissen und Fehlinterpretationen. Sie werden dann zu 'Neuen Gläubigen', fast durchweg Fanatiker. Wie alle Fanatiker lassen sie keine Meinung außer der eigenen gelten. Schau Dir zum Beispiel 150%ige Steiner- oder Bhagwanfreaks an, dann weißt Du was ich meine."
Gunilla nickte zustimmend: "Ja, wie manche radikalpolitisch engagierten Studenten an der Uni während meines Studiums."
Wizard hatte den Buddhismus genauso abgelegt wie das Christentum, eigentlich. Er war christlich erzogen worden. In der Spätpubertät hatte er die Widersprüche in diesem Weltbild nicht mehr vereinigen können, etwa Priester, die Waffen segneten, oder die repressive Sexualmoral. Er hatte sich losgesagt und sich Zen-Buddhist genannt. Als er mit 20 Jahren die Arbeit mit ZAZEN und Koans erlernte, hatten sich diese Techniken für ihn als so kraftvoll erwiesen, daß er sie auch heute noch, alleine, anwandte. Doch auch das buddhistische Weltbild hatte er auf seine Wizard-Art überwunden. Die kraftvolle Kritik Crowleys hatte er als Koan benutzt, genauso wie er dessen verfeinerte Meditationstechniken benutzte. Dennoch: In den kritischen Phasen seines Lebens hatte er sich dabei ertappt, wie ein Zen-Buddhist zu denken und auf die Begrifflichkeit diese Weltbildes zurückzugreifen.
Während er später die Reste des opulenten Mahles abräumte, sah sie sich das Bücherregal an. Als er zurückkam, blickte sie von dem Buch in ihrer Hand auf und sagte lächelnd: "So, so, für Magie interessierst du Dich auch." Rolf sah, daß sie "MAGICK in Theory and Practice" von Aleister Crowley durchblätterte.
"Du scheinst aber auch vielseitig interessiert zu sein", erwiderte er ruhig. Jetzt lachte sie ein fröhliches, ehrliches Lachen.
"Ich bin sogar noch vielseitiger. Nicht umsonst habe ich eine Ausbildung in Gestalt- und Primärtherapie erhalten, und da war es nur natürlich, daß ich auf die Magie stieß. Erste Anstöße bekam ich, als ich die Lehren des guten, alten Don Juan las. Später kamen die 'Illuminaten' und Gurdjieff dran. Leider habe ich diesen Weg damals nicht weiterverfolgt."
*
"Tiefere Zenkuzus bitte ich mir aus! Wir sind hier nicht beim Tanzvergnügen!" Ein vielstimmiges 'Us' ertönte aus den Reihen der Schüler. Obwohl nach der einführenden Gymnastik sein Atem rasselte, hing Rolf an den Lippen des Schwarzgurts, der das Training leitete, und trotz der Schmerzen bemühte er sich, eine tiefere Stellung einzunehmen. Der Schweiß floß in Strömen, doch er war finster entschlossen, durchzuhalten. Es war sein erster Tag als Karateschüler, und er wollte diese Technik mit aller Gewalt lernen. Dann würde er es Ihnen schon heimzahlen, diesen Muskelprotzen in der Schule. Dann würde er sich nicht mehr beiseite schubsen lassen, und die Birgit würde dann mit ihm zum Schwimmen gehen. "Us, us." Die Kraft aus der Hüfte ziehend, setzte er den nächsten Fauststoß an. Dabei stellte er sich vor, einen dieser 'Kraftprotze' niederzuschlagen.
*
Sie sah ihn an. "Horoskope, Tarot, o.k., aber, sag, hast Du schon mal MAGICK nach Crowley gemacht?"
"Hm." Mit einem Druck auf eine Taste der Fernbedienung regelte er die Musik leiser und setzte sich zu ihr. "Ich beschäftige mich mit magischer Selbstverteidigung, auch für andere; so Pendeln und Konzentrationsübungen. Aber MAGICK¼ Ich bin natürlich theoretisch voll orientiert, hab alles gelesen, 'Magick in Theory and Practice', 'Magick without Tears' und noch einiges mehr, aber die eigentliche Zeremonie¼ Irgendwie habe ich Angst, daß mich das korrumpiert. Ich komme ursprünglich vom Zen her, der absolut weiße Weg, wenn es so etwas überhaupt gibt."
(Mensch, die Frau macht mich echt nervös. Normalerweise pflege ich in ganzen Sätzen zu reden. Wieso erzähle ich ihr das alles?)
"So eine Zeremonie ist eine gefährliche Sache. Einen Moment Unaufmerksamkeit, und einer der Dämonen zieht Dich an Deinem Haarschopf mit sich."
Wizard versuchte, die ernsthafte Anspannung des Gesprächs zu durchbrechen und das Ganze ins Ironische zu ziehen. Er warf sich herum und griff nach ihren Haaren.
Sie kabbelten eine Weile. (Sie ist kräftig und gewandt.)
Gunilla löste sich von ihm und setzte sich wieder aufrecht hin. "Das Ganze interessiert mich sehr. Erzähl weiter."
"Nun"; Wizard atmete tief in den Bauch. Die Kabbelei hatte ihn erregt. "Ich hab auch schon oft mit dem Gedanken gespielt, eine Magiezeremonie abzuhalten, hab' mir sogar schon alle Instrumente hergestellt, Zauberstab, Schwert, Altar und alles in Sterling Silber. Diese Gegenstände hat nie ein Mensch außer mir berührt. Damit hatte ich viele Monate zu tun, völlig streng nach Crowley. Hat 'ne schöne Stange Geld gekostet, aber auch viel Spaß gemacht, die Zeremonien zum Weihen der Instrumente und das Drumherum."
Er machte eine Pause und holte tief Luft. "Aber die Zeremonie; nun, bisher war einfach kein Anlaß wichtig genug, um MAGICK zu versuchen. Ich will das nicht wegen irgendwelchen Kleinigkeiten machen. Da hab ich einfach Angst". Er legte seine Hand auf die ihre und blickte ihr tief in die Augen. "Ich habe wirklich Angst, MAGICK aus eigennützigen Motiven heraus zu machen. Das muß voll ins Auge gehen, so wie ich den Begriff Karma verstehe. So etwas kann gar nicht gut gehen. Ich kann Dich nur warnen; laß die Finger von solchen Sachen, solange Du Deine magische Persönlichkeit nicht voll entwickelt hast. Du mußt in der Lage sein, für mehrere Stunden die einhundertprozentige Konzentration aufrechtzuerhalten. Die Leute von Crowley haben Konzentration mit der Rasierklinge in der Hand geübt, weißt Du. Das geht so: Du suchst Dir eine geistige Übung aus, zum Beispiel stellst Du Dir ein grünes Fünfeck vor. Nun, jedesmal, wenn sich das Bild in Farbe oder Form verändert, fügst Du Dir einen Schnitt mit dem Rasiermesser am Handballen zu. Das soll unwahrscheinlich schnell üben.
Du mußt in der Lage sein, Deinen wahren Willen jederzeit gegen jeden Widerstand durchzusetzen und darfst trotzdem nicht das Lieben verlernen. Crowley hat es so gesagt: >Tu was Du willst soll das ganze Gesetz sein. Liebe ist das Gesetz, Liebe unter dem Willen.<"
Sie nickte ernst. "O.k., das wollte ich nur mal wissen. Davon einmal abgesehen, Du wolltest mir doch zeigen, wie Du die Tarotkarten legst."
"Ja klar, soll sein." Er stand auf und ging zu einem geschnitzten Edelholzkästchen, das in einer Wandnische stand und entnahm ihm ein Kartendeck.
"Du hast in der Kneipe gestern die Crowley-Karten erwähnt. Nehmen wir die. Weißt Du", er setzte sich wieder neben sie, "das unterscheidet mich schon von einem Profi. Ein echter Profi würde nie seine Karten von einem anderen Menschen berühren lassen. Die Magier im 'Golden Dawn' haben ihre Karten sogar eigenhändig gezeichnet, jeder sein eigenes Deck. Nur, so schöne wie die hier würde ich selber nie hinkriegen: das 'Aleister Crowley Thoth Tarot Card Deck'. Lady Frieda Harris hat an diesen Karten fünf Jahre lang gezeichnet."
Er ließ sie einige Karten sehen. Gunilla fand sie faszinierend bunt, kubistisch und modern. Er mischte die Karten geschickt, viel zu schnell für ihr Auge. Dann formte er einen Fächer und hielt ihr die Karten hin.
"Entspann Dich, mach Deinen Geist frei und dann zieh' eine."
Gunilla betrachtete einen Moment versonnen seine Fingerspitzen, atmete einmal tief durch und zog eine Karte heraus. Sie drehte sie um und fiel spontan in ein herzliches Lachen. "Trümpfe VI, The Lovers; hast Du mir die untergejubelt?"
Er schüttelte den Kopf. "Nein, sowas mach ich grundsätzlich nicht. Mit Tarotkarten sollte man besser nicht schummeln, o.k.? Schau Dir die Karte einmal an, was siehst Du darauf?"
"Ich sehe auf dieser Karte einen Magier, der seine Hände schützend über ein Paar hebt", erwiderte sie. "Daß ich in Dich verliebt bin wäre aber eine Überinterpretation, nicht wahr?" Sie sah ihn mit leuchtenden Augen an.
"Naja, das kannst nur Du wissen. Interpretation von Tarot Karten ist eine Kunst und keine Wissenschaft. Damit will ich sagen, daß es keine eindeutig richtige Interpretation gibt, sondern vieldeutige Parameter. Ich sehe es so ähnlich, wie das I-Ging und Horoskope. Wir haben hier ein Symbolsystem, welches die allgemein menschlichen Probleme wie Liebe und Haß, Schuld und Karma, abdeckt. Die Methode ist intuitiv und auf das Hineindenken in die Symbolwelt der Karten abgestellt. Die Karte "The Lovers", Trümpfe VI, steht für Inspiration, Intuition, Intelligenz, Kindlichkeit, Schönheit und Liebe, aber auch für Selbstwidersprüchlichkeit, Oberflächlichkeit und Labilität. Du siehst, jede Karte deckt ein breites Spektrum von Bedeutungen ab. Die Interpretation ist Gefühls- und Konzentrationssache. Ganz kompliziert wird es, wenn wir noch verschiedene Denkschulen berücksichtigen. Im 'Golden Dawn'¼ ", hier unterbrach ihn Gunilla: "Diese Bezeichnung benutzt Du so ganz selbstverständlich schon zum wiederholten Mal, was bedeutet das, 'Golden Dawn'?"
"Das war eine magische Geheimloge im England der Jahrhundertwende. Bei ihnen hätte man die Trümpfe VI verstanden als Anzeichen für den befreienden Effekt der Erleuchtung für das Individuum, als Potential für höheres Bewußtsein. Und natürlich, muß jede Karte in ihrem Zusammenhang gesehen werden. So eine einzelne Karte ziehe ich nur, wenn ich schnell etwas entscheiden will, oder wenn ich ersten Kontakt zu den Karten aufnehmen will. Das haben wir gemacht; gib doch bitte die Karte zurück. Ich zeige Dir nun eine Art, die Karten auszulegen, die 'Ancient Celtic' oder 'Keltisches Kreuz' genannt wird. Die ist noch recht einfach zu überschauen."
Er nahm die Karte von Gunilla und steckte sie in den Stapel zurück.
*
"Mutti, Mutti, ich hab's geschafft! Ich bin der jüngste Abiturient des Jahres!" Rolf stürmte in die Wohnung und trat die Tür mit dem Hacken ins Schloß. Seine Mutter kam ihm aus dem Wohnzimmer entgegen.
"Ich gratuliere Ihnen, Herr Schulz," sagte sie lachend, "17 Jahre alt und schon die Reifeprüfung bestanden. Ich hab's schon immer gewußt, Du bist ein Frühreifer." Sie umarmte ihn und gab ihm einen dicken Kuß. "Ich habe auch eine Belohnung für Deinen Fleiß. Komm ins Wohnzimmer und schau es Dir an."
Rolf stürzte ungeduldig an ihr vorbei an den Tisch. Aufgeregt riß er den dort liegenden Umschlag auf.
Er enthielt einen Gutschein für eine längere Japanreise mit Aufenthalt in einem Zen-Kloster und Karate-Training.
Er war überglücklich. Er konnte in diesem Moment noch nicht wissen, wie stark diese Reise sein weiteres Leben beeinflussen würde.
*
"Wie meditierst Du? Hast Du ein Koan?"
Gunilla schüttelte den Kopf. "Ich habe mich kaum mit Zen beschäftigt. Nein, ich war früher mal eine Zeit lang bei den Leuten von Maharishi und habe Transzendentale Meditation gemacht. Du hast von TM gehört?" Wizard nickte. "Aus der Zeit habe ich noch ein Mantra, das nehme ich noch häufig zum meditieren." Wizard gab ein undefinierbares Grunzen von sich, das Zustimmung bedeuten konnte. (TM bringt ja nun nicht viel. Ich werde ihr bei erster Gelegenheit eine ZAZEN-Übung geben.) "Gut, nimm die Karten in die Hand und mische sie bitte gründlich. Schließe dabei die Augen und wiederhole immer Dein Mantra, so wie Du es gelernt hast."
Er reichte ihr die Karten herüber und nahm selbst den Lotussitz ein, um sie in ihrer Konzentration mit seinen Gedanken zu unterstützen. Sie schloß die Augen und mischte geschickt. Nach seinen Anweisungen legte sie die Karten aus. "Da, die nächste dort hin. Jetzt hier; ja, und nun dort hin." Wizard zeigte mit dem Finger auf die entsprechende Stelle auf dem Tisch.
Es entstand auf dem Tisch ein schräggestelltes Kreuz, welches aus fünf Blocks zu je drei Karten gebildet wurde.
"Die Karten in der Mitte beschreiben Dich und Deine Situation, diejenigen oben rechts und links stehen für verschiedene Möglichkeiten der Zukunft, während die unten links Dir Hinweise zur Verbesserung Deiner Situation geben. Ja, und die hier unten rechts beschreiben Kräfte, die außerhalb Deiner Kontrolle liegen, wie etwa Schicksal, Karma etc., die Du sorgfältig in Betracht ziehen solltest."
Dann betrachtete er aufmerksam die Karten und runzelte die Stirn. Noch nie hatte er so viele Trümpfe in einem keltischen Kreuz gesehen. Acht Trümpfe, um genau zu sein. Der Mittelblock und der Block unten links bestanden nur aus Trümpfen. (So etwas habe ich noch nie gesehen. Die Frau muß ein ungeheures spirituelles Potential besitzen. Mit ihr sollte ich unbedingt einmal Tantra-Sex versuchen.) Wizard fielen sofort auch die bedenklichen Karten auf: der brennende Turm, der Gehenkte, der Tod.
Er sah zu Gunilla. Sie war freudig erregt und hatte vergrößerte Pupillen. (Offenbar macht ihr die Sache Spaß. Sie weiß nicht, wie zweischneidig dieses Kartenarrangement liegt und wie gefährlich die nächste Zeit für sie sein könnte. Diese Karten kann man einerseits auf ihre bald bevorstehende Erleuchtung hin interpretieren, oder dahingehend, daß sie bald stirbt, möglicherweise sogar gewaltsam; oh, Mann.)
"Na, kannst Du damit was anfangen?" Er stupste sie auffordernd in die Seite. Sie schüttelte den Kopf. "Wenig, ich habe noch nie mit Tarotkarten gearbeitet. Mir scheinen aber ziemlich viele Trümpfe auf dem Tisch zu liegen, oder kommt mir das nur so vor?" Wizard nickte bestätigend mit dem Kopf. "Hier in der Mitte liegen drei Trümpfe: IX Hermit, 0 Fool und XI Lust. Diese Karten deuten auf ein sehr großes spirituelles Potential hin. Der Einsiedler könnte in diesem Zusammenhang für Erleuchtung stehen, die Begierde für MAGICK oder wenigstens für magische Möglichkeiten und der Narr für spirituelle Kräfte im Allgemeinen."
Nachdenklich betrachtete er die Karten. Dann wanderte sein Blick zu Gunilla, die wiederum sehr gespannt die ausgelegten Karten ansah. (Dieser Ausdruck von Erstaunen und echtem Interesse auf Ihrem Gesicht und in ihrer Haltung gefällt mir. Sie ist wunderschön.) Er spürte wie eine Welle warmen Gefühls, wie ein Geysir in seinem Körper aufstieg. "Du solltest auf jeden Fall regelmäßig meditieren. Hier oben, bei den zwei Blöcken, die die Möglichkeiten für die Zukunft abstecken, liegen rechts der Hanged Man und links Death, welcher wiederum rechts und links von Becher 2, also Liebe, und vom Prinzen der Schwerter eingerahmt ist. Das kann einerseits auf Liebe, andererseits auf einen Umbruch, vielleicht sogar auf Deinen Tod hindeuten."
Wieder schaute er sie an. (Das ist jetzt schon die zweite Andeutung dieser Art.) "Hier unten links, bei den Karten, die Dir Hilfe bei Deinen Entscheidungen geben sollen, liegen wieder nur Trümpfe: XX Aeon, XVI Burning Tower und XVII Star. Die Trümpfe XX könnte für eine neue Entwicklung in Deiner Zukunft stehen, der brennende Turm signalisiert Gefahr oder Tod, während die XVII, der Stern, für spirituelle Einsicht steht.
(Wer ist diese Frau. Auf keinen Fall ist sie eine abenteuersuchende Studentin.)
Du solltest also wohl Deine geistige Arbeit verstärken, andererseits aber bist Du irgendwie in Gefahr. Kannst Du Dir vorstellen, wie?" Sie reagierte nicht auf seine Frage, sah ihn aber nachdenklich an. Sie schien mit ihren Gedanken weit weg zu sein und durch ihn hindurch zu sehen.
"Nun zu den Karten unten rechts, die Kräfte jenseits Deiner Kontrolle beschreiben, die aber Einfluß auf Dich haben. Hm, Stäbe, Becher, Scheiben; hm, schlecht geweiht! Der Ritter der Stäbe könnte Grausamkeit signalisieren, der Prinz der Becher zeigt in dieser Stellung das Böse, Gnadenlosigkeit, Ehrgeiz an. Der Ritter der Scheiben kann z.B. deuten auf Eifersucht, Habsucht und Engstirnigkeit. Viele Hofkarten zusammen können reale Personen bedeuten. Offenbar gibt es da einen Mann, einen nicht mehr jungen Mann. Er ist mächtig, grausam und böse. Er steht irgendwie in Beziehung zu Dir. Man müßte herausfinden, wer das ist. Hast Du eine Ahnung, wer das sein könnte?"
Wieder wich sie einer Antwort aus indem sie schwieg. Ja, er hatte den Eindruck, sie habe die Frage gar nicht gehört. "Zusammenfassend können Dir, meiner Meinung nach, die Karten dreierlei sagen: Einerseits, das ist eindeutig, zeigen sie ein sehr großes spirituelles Potential bei Dir an. Andererseits, das ist schon verschwommener und weniger deutlich auszumachen, ist da ein Gewebe einer ungeheuren Gefahr, die entweder nur Dich oder aber sehr viele Menschen bedroht. Wir sollten das im Auge behalten. Zum Dritten ist da dieser Mann. Er steht in irgendeiner Beziehung zu der genannten Gefahr, vielleicht ist er sogar deren Ursache. In dieser Richtung sollten wir weiterforschen. Was sagt Dir das über Dich? Kannst Du damit etwas anfangen? Sag mal, lebst Du so gefährlich?"
Gunilla antwortete nicht sofort. Nachdenklich blickte sie auf die Karten und sagte dann ohne aufzublicken: "Ich hätte nie geglaubt, daß so etwas möglich ist. Es ist unfaßbar, was Du mir eben erzählt hast, es macht mir angst und doch ist die Faszination stärker." Sie sah den Wizard direkt an, und er sah den Schrecken und die Verwirrung auf ihrem Gesicht. "Was ist los, Gunilla? Möchtest Du Dich aussprechen oder kann ich sonst irgendwas für Dich tun?"
Sie schüttelte ihren Kopf. "Danke, Wizard, aber im Moment hast Du schon sehr viel für mich getan. Ich verspreche Dir, sollte ich Hilfe brauchen, bist Du der Erste, den ich darum bitten werde. Nimm mich jetzt nur in Deine Arme, halt mich fest und erzähle mir mehr über Tarot und die Geschichte der Symbole." Sie rückte näher an ihn heran und kuschelte sich in seine Arme. Wizard zog sie sanft an sich, und während er sie streichelte, begann er zu erzählen.
*
Nur zwei Tage früher war es zu einem unschönen Zwischenfall gekommen. Gunilla sollte in Barcelona ein Kurierpaket übergeben. Im Moment der Übergabe auf dem Bahnhof näherten sich ihr und ihrem Kontaktmann plötzlich drei Männer.
Gunilla umklammerte in ihrer Manteltasche den Griff ihrer 38er Magnum. Ihr Kontakt hatte das Paket übernommen und wandte sich zur Flucht. Gunilla sah, wie zwei der Männer in ihr Jackett griffen, und schoß sofort. Leider war die Wandelhalle gerade sehr bevölkert.
Jedenfalls gelang ihr in dem panischen Durcheinander, das den Schüssen folgte, die Flucht.
*
Am nächsten Vormittag verabschiedeten sie sich. Beide spürten, daß sie sich in der nächsten Zeit häufiger sehen würden. Bevor sie ging, bat Gunilla den Mystiker um ein paar Bücher über Tarot. Er gab ihr noch ein Buch über ZAZEN, und dann sagte sie mit einem Seitenblick auf ihn: "Gib mir doch auch noch Informationen über Tantra-Sex mit, Du hast mich letzte Nacht neugierig gemacht." Als sie gegangen war, räumte er, vor sich hin summend, die Wohnung auf. Dann setzte er sich ruhig in seine Meditations-Ecke, entspannte sich und ließ das Erlebte noch einmal vor seinem inneren Auge ablaufen. Dabei hatte er eine Vision. Er sah eine dunkelhaarige Frau an einem Computer sitzen und erzählte ihr etwas über amerikanische Flaggen. Seltsamerweise schien sein Körpergewicht nicht zu stimmen. Er fühlte sich unglaublich leicht.
"Wenn der Geist des Menschen eine neue Idee entdeckt, kehrt er nie mehr zu seinem Ursprung zurück."
(Oliver Wendell Holmes)
Der Trainer hatte sie umfassend vorbereitet. Sie wußte, was sie erwarten würde. "Die Schwerkraft von einem Sechstel g empfinden Sie wahrscheinlich als angenehm, viel angenehmer jedenfalls als die Null-g-Umgebung während des dreitägigen Fluges von der kleinen Raumstation 'Circumterra' auf ihrem 200 km Orbit bis zur Baustelle der großen Basis 'Gerald K. O'Neill'. Sie 'hängt' sozusagen auf dem L5 Punkt zwischen Erde und Mond, an dem sich die Schwerkräfte genau ausgleichen. Bisher befindet sich dort nur eine etwas bessere Raumstation mit einigen Raumlabors und winzigen Hydrogärten. Der Name 'O'Neill' ist bisher nur eine großartige Vision. Es gibt jedoch Pläne über den Ausbau der 'O'Neill' für die Zeit, wenn das elektromagnetische Katapult Mondmaterie als Baumaterial in großem Stil zum Standort der 'O'Neill' am L5 Orbit schießen wird."
Die ausgeprägte Mimik des Mannes am Pult vorne faszinierte sie. Sie schien so gar nicht zu den vorgetragenen Inhalten zu passen. Als sie acht Jahre alt war, hatte sie im TV einen Mann gesehen, der etwas ähnlich übertriebenes machte. Sie war damals sehr beeindruckt, zumal der Mann kein Wort gesprochen hatte. Ihre Mutter hatte ihr damals erklärt, daß man so etwas Pantomime nennt. Sie erinnerte sich, wie sie daraufhin mit ihrer Mutter Grimassen geschnitten hatte und 'Pantomime' spielte. Sie unterdrückte ein spitzbübisches Lächeln und konzentrierte sich wieder auf den stetigen Strom der Worte.
"Dort ist der Bau riesiger Habitate für Zehntausende von Menschen geplant. Diese sollen die Form von Zylindern haben, die um ihre Achse rotierten und damit im Inneren künstliche Schwerkraft erzeugen. Sie sollen durch verstellbare Sonnenblenden und Spiegel mit variablen Klimabedingungen versehen werden, so daß das Innere frei nach den Wünschen und Vorstellungen der dort lebenden Menschen gestaltet werden kann."
Auf dem großen Bildschirm erschienen technische Zeichnungen und Pläne, die der dünne Mann wild gestikulierend erklärte.
"Die Habitate werden als Arbeitsstätte und Heimat für das Personal der Orbitalfabriken und -labors dienen. Dort, auf dem L5 Orbit, ist die Produktion von Sonnenenergiesatelliten und anderen Hi-Tech-Gütern aus Mondmaterial vorgesehen. Dadurch sollen so große Kapitalüberschüsse erzielt werden, daß sich alle Investitionen nach sieben Jahren amortisiert haben werden."
Die Zeichnung auf dem Bildschirm wechselte.
"Das alles ist jedoch unmöglich ohne das Katapult. Dieses Kernstück des Projektes 'Weltraumbesiedlung' macht es erst möglich, billig Mondmaterie - Silizium, Titan, Aluminium, Eisen, Tone, Glas, Zement und glücklicherweise nach neuesten Erkenntnissen auch Wasserstoff und Sauerstoff - in den hohen Orbit zu befördern, um dort neue Welten für Menschen, sowie Labors und Fabrikationsstätten zu bauen. Wir haben hier eine Schiene mit Linearmotor, so ähnlich wie eine Magnetschwebebahn, etliche Kilometer lang. In früheren Planungen war man von einem viel kleineren Gerät ausgegangen. Genaue Berechnungen haben jedoch ergeben, daß das Einsammeln sehr kleiner Brocken von nur wenigen Kilogramm Masse im Orbit zu unrentabel wäre.
Die Katapultstrecke ist geneigt zum Mondboden. Die geförderten Erze werden zu festen Blöcken verarbeitet, in Behälter verpackt und mit dem Katapult auf Fluchtgeschwindigkeit beschleunigt. Während die teuren und schwierig herzustellenden Behälter auf dem Mond bleiben, sie werden in einer 180 Grad Kurve auf einer getrennten Strecke zum Ausgangspunkt zurückgeführt, werden im Mondorbit die Blöcke aus Mondmaterie von Schleppern aufgenommen und zur L5 transportiert. Keine ausgebrannten Raketenstufen, kein teurer und schwerer Treibstoff, alles sehr ökonomisch¼ "
Der Gedanke an ihre Arbeit als Softwareingenieurin und Betriebssystemspezialistin des Mondkatapults rief in Joan Kendall Vorfreude auf ihren Arbeitsplatz hervor, denn auf das große Abenteuer, das sie auf dem Mond zu erleben hoffte, konnte sie der dünne Mann doch nicht wirklich vorbereiten.
*
Eine leichte Erschütterung riß sie aus ihren Tagträumen. (Die Vorbereitung ist längst vorbei. Ich bin auf dem Mond.) Joan Kendall blickte aus dem Fenster der soeben gelandeten Mondfähre. Es war Tag, und das von den Felsen reflektierte Licht blendete sie. Aus dieser Perspektive konnte sie nichts von der provisorischen Mondbasis 'Port Armstrong' sehen, obwohl sie sich mitten im Cassini Krater befand, denn die Basis war tief in die Kraterwände hineingebaut worden.
Sie dachte an ihre letzte Nacht auf der Erde, als Winston mit ihr in den Garten gegangen war und ihr gesagt hatte, wie sehr er sie um ihre Arbeit auf dem Mond beneide. Sie hatte ihn geküßt und sein roter Schnurrbart hatte sie dabei wie immer gekitzelt. Dann waren sie wieder ins Haus zu den anderen gegangen.
"Bitte die Raumanzüge überprüfen und fertigmachen zum Ausschiffen. Der Bus wird Sie in fünf Minuten erwarten. Der Bus hat keine Luftschleuse und keine Atmosphäre. Die Fahrt wird ca. 20 Minuten dauern. Vielen Dank, Ladies und Gentlemen."
Die Stimme des Piloten riß Joan aus ihren Gedanken. Mechanisch ging sie die Checkprozedur für den Skaphander durch, die ihr in Fleisch und Blut übergegangen war. Sie griff sich ihr Handgepäck aus dem Fach unter ihrem Sitz und strebte mit den anderen der Luftschleuse zu. Außer ihr befanden sich neun Passagiere an Bord der Landefähre, darunter auch drei Frauen. Sie hatte sich jedoch während des Fluges mit niemandem länger unterhalten.
Da immer nur zwei Personen gleichzeitig die enge Luftschleuse benutzen konnten, dauerte es fast 20 Minuten bis die zehn Passagiere und die zwei Piloten im Mondbus versammelt waren. Auf der anderen Seite der Fähre bemerkte Joan ein weiteres Mondmobil, das zwei Männer gerade mit den leuchtend gelben Lastcontainern beluden, die die Fähre in ihrem Frachtraum mitgeführt hatte.
Nachdem alle Passagiere Platz genommen hatten, fuhr der Bus an. Natürlich konnte Joan die Elektromotoren nicht hören, sie spürte aber durch ihren Sitz ein leichtes Vibrieren, als sie ihre Arbeit aufnahmen. Das Fahrzeug folgte einem eingeebneten Weg im Mondsand.
Nach einiger Zeit bogen sie um eine Klippe, und Joan konnte eine Schleuse und mehrere Antennen sehen.
Der Bus fuhr in die Schleuse ein und die schweren Tore schlossen sich hinter ihnen. Als das Helium-Sauerstoffgemisch in die Schleusenkammer strömte, um Druckausgleich herzustellen, konnte Joan durch ihren Raumanzug hindurch ein zischendes Geräusch vernehmen.
"Der Druckausgleich ist hergestellt. Sie können die Visiere Ihrer Raumhelme auf Stand-By-Stellung öffnen."
Die unbeteiligt klingende Stimme des Busfahrers durchbrach das Schweigen auf dem Kanal 6 der UKW-Verbindung. Joan öffnete ihr Visier.
Das Innentor der Schleuse glitt auf. Die Passagiere schälten sich aus ihren Raumanzügen und hängten sie in den dafür vorgesehenen Schließfächern auf. Durch eine weitere Tür gelangten sie in eine Lobby, in der schon mehrere Männer und Frauen warteten.
Joan wurde von Piet Dankert empfangen, dem Chef der Baustelle des elektromagnetischen Katapults. Sie kannte ihn von mehreren Fernkonferenzen her, doch hätte sie ihn fast nicht erkannt. Seine sonst immer so gepflegt wirkenden, blonden Haare strebten ungebändigt in alle Richtungen. Er trug verblichene Jeans und ein T-Shirt, auf dem zu lesen war: "I'm a lunatic!" "Joan Kendall, ich freue mich, daß ich Sie endlich persönlich kennenlerne." Seine Stimme hatte einen angenehmen, warmen Klang, und sie bemerkte einen leichten Akzent, der ihr sehr gefiel.
"Darf ich Sie auf einen Drink in die 'Stardust' Bar einladen, bevor wir zum Katapultlager fahren? Bis zum Kopfstück ist es noch eine Buggyfahrt von etwa drei Stunden. Die Baustelle ist in den Kaukasusbergen westlich von hier gelegen, um die Höhenunterschiede nutzen zu können."
"Und was wird mit meinem Gepäck?" Fragte sie.
Piet winkte ab. "Das wird inzwischen auf unseren Buggy geladen, das gehört zum Service."
Joan ging auf seine scherzhafte Art ein und sagte: "Also, worauf warten wir?"
Piet Dankert bückte sich um ihr Handgepäck aufzunehmen und ging voraus. Dabei bemerkte sie die zeitlupenartige Geschmeidigkeit, mit der er sich bewegte, während sie selbst Schwierigkeiten hatte, mit beiden Füßen zugleich den Boden zu berühren. Sie spürte eine unterschwellige Angst ihr Gleichgewicht zu verlieren. Dankert sah ihren Blick und erläuterte ihr das Phänomen der Überkompensation, das alle lunaren Neuankömmlinge zeigten. Sie gab ihren Bewegungen etwas Ruckartiges, eine Folge der noch nicht auf die geringe Schwerkraft eingestellten Muskeln und Reflexe. "Das gibt sich von alleine nach einigen Tagen."
Sie gingen, das heißt Joan hüpfte, durch einen Gang mit unverkleideten Felswänden immer tiefer in das Innere des Mondes hinein. Dankert erklärte ihr, was sie schon wußte, (typisch Mann!!) daß, aufgrund der Gefahr von Meteoritenschlag, die Basis tief in das Mondgestein hinein gebaut worden war.
Der langaufgeschossene Holländer wußte aber noch mehr. Er erzählte über die Situation der Pioniere auf dem Mond, über die Erfolge mit dem ersten selbstgezogenen Gemüse, über die neue Anlage, die dem Mondgestein Kristallwasser entzog. Er wirkte auf Joan begeistert von seiner Aufgabe. Sie lächelte zufrieden. Es würde sicher angenehm sein, mit ihm zusammenzuarbeiten.
Sie bemerkte, daß sich das Aussehen des Ganges änderte. Die Wände waren nun mit pastellgetöntem Isolierkunststoff verkleidet. Dankert bog um eine Ecke, und sie standen vor einer Tür mit einem phantastischen Science-Fiction-Styling, allerdings ohne Holo-Effekt, wie Joan bemerkte. Es zeigte einen alten, verschrammten Raumfrachter, mit glitzerndem Sternenstaub bedeckt, vor einer flammenden, blauen Riesensonne. Eine rote Leuchtschrift signalisierte den Namen: 'Stardust Bar'.
Das 'Stardust' entpuppte sich als Raum von vielleicht fünfzig Quadratmetern Fläche, mit weitgehend kahlen Felswänden und unbequemen Aluminiumstühlen, die um weißglänzende, runde Plastiktischchen standen. Die 'Bar' entpuppte sich als eine Reihe von Getränkeautomaten. An der Wand gegenüber dem Eingang stand ein Hologrammprojektor. Es lief gerade ein Musikclip der britischen Gruppe Atomic War Survivers. Überrascht erkannte sie deren neuesten Hit 'Love me while the mushrooms grow!'.
Piet bemerkte ihr Erstaunen und sagte scherzend: "Ja, glauben Sie denn, wir leben hier auf dem Mond?"
Sie lachte laut auf, was zur Folge hatte, daß sich die Blicke aller Anwesenden auf sie richteten. Piet erwiderte die Begrüßungen einiger Männer und Frauen und führte Joan zu einem freien Tisch.
Er fragte sie, was sie trinken wollte, und sie bat um einen Tomatensaft. Während sie sich setzte, schlenderte er zu den Getränkeautomaten hinüber, wobei er sich einen Moment mit einigen Männern in roten Overalls unterhielt. Joan entspannte sich. (Ich bin da, endlich.) In Gedanken erlebte sie noch einmal den Tag, an dem der Brief von der Weltraumerschließungsgesellschaft gekommen war. Sie hatte sich so gefreut, daß sie alle möglichen Leute angerufen hatte und ihnen, aufgeregt wie eine Primanerin vor dem ersten Rendezvous, von ihrem Glück erzählt hatte. Am Abend hatte sie sich dann mit Winston zum Essen verabredet. Sie kannten sich schon seit dem College, und als sie nach Washington gezogen war, trafen sie sich auf einer Party wieder. Er war ein ganz guter Informatiker, aber ohne großen Ehrgeiz; und obwohl sie gern mit ihm schlief, war es eher Freundschaft als Liebe, was sie verband.
Piet kam mit den Getränken zurück und nahm am Tisch Platz. "Guten Appetit", wünschte er. Joan begann, ihn nach dem Alltagsleben hier oben auszufragen, und Piet gab ihr gern Auskunft. In seinen Augen war ein stolzes Leuchten, als er sagte: "Tja, man merkt vielleicht nichts davon, aber hier auf dem Mond herrscht Aufbruchsstimmung. Das hier ist Freiheit, Joan, eine neue Welt. Hier oben gibt es keine Befehle und keinen Papierkrieg, außer für den Koordinator in seinem Kontakt zur Erde. Da unten, das ist ein Irrenhaus, und ein überfülltes dazu; da ist es wie im Gefängnis. Hier oben, auf dem Mond und auf L5, haben wir alles: ein gemeinsames Ziel, Freiheit, Hoffnung, viel Platz, alle Rohstoffe und Energie im Überfluß."
Joan lächelte, als sie seine glänzenden Augen sah. (Ob ich wohl auch so begeistert sein werde wie er, wenn ich erst einmal einige Zeit hier bin?)
Piet wurde verlegen, als er ihr Lächeln bemerkte. "Da ist wohl mal wieder die Begeisterung mit mir durchgegangen," sagte er.
Joan sah ihn an und sagte mit Nachdruck: "Es gefällt mir, Piet, wie sie sich engagieren."
Der wurde doch jetzt tatsächlich rot und wechselte dann schnell das Thema.
"Wir sind sehr stolz darauf, Sie hier bei uns zu haben, Joan. Sie haben ja geradezu eine Traumkarriere gemacht: High School Diplom mit 16, M.S. mit 22, und zwei Jahre später schon Doktor der Informatik. Alle Achtung! Wie Sie da noch Zeit gefunden haben, das damals revolutionäre, bedienerfreundliche Betriebssystem 'FRIEND' zu entwickeln?"
Er schüttelte bewundernd den Kopf. "Finanziell haben Sie diese Arbeit doch bestimmt nicht nötig?"
"Sie haben Recht, mich fasziniert die Aufgabe, und mich fasziniert der Weltraum. Hier liegt die Zukunft der Menschheit. Doch erzählen sie mir von der Arbeit. Wie ist der Stand der Dinge an der Baustelle?"
"Nun, die Bauarbeiten sind in vollem Gang. Wir hoffen in ca. einem Jahr fertig zu sein. Leider versuchen jedoch einige da unten immer wieder mehr Einfluß auf uns zu gewinnen."
Joan stieß versehentlich den Becher mit Tomatensaft zu Boden und beobachtete fasziniert die verträumte Trägheit, mit der der Becher, umgeben von einem unregelmäßigen Muster aus Tomatensafttropfen, zu Boden sank.
Dankert ließ durch diesen kleinen 'Unfall' keine Unterbrechung in seinem Redefluß aufkommen und fuhr fort.
"Seit Neuestem existieren sogar schon Pläne für ein Krankenhaus auf dem Mond für Herzpatienten und geriatrische Fälle. Die Operationen im Weltraum sind eine Quelle des Wohlstands nicht nur für uns hier oben, sondern auch für die Erde, und das Katapult ist die Voraussetzung für Operationen im Weltraum im großen Stil."
*
Joan und Piet verließen die Mondbasis durch die Luftschleuse in der Außenwand des Kraters. Vor ihnen lag eine dreistündige Buggyfahrt in Richtung Westen durch das Palus Nebularum und dann den Kaukasus hinauf zum Kopfende mit der Basis 'Katapult'. Ihr Gefährt war ein Buggy, ein kleines Mondmobil. Es gab vier Sitzplätze und eine, allerdings große, Ladefläche. Das Fahrzeug besaß keine Druckkabine. Die Benutzer waren auf ihre Raumanzüge zur Lebenserhaltung und auf ihre UKW-Sender/Empfänger zur Kommunikation angewiesen. Der Buggy wurde durch vier elektromagnetische Motoren in den Radnaben der Geländeräder angetrieben. Sie saßen auf den beiden vorderen Sitzen, auf der Ladefläche standen zwei der leuchtend gelben Standardcontainer. In einem von ihnen befand sich ihr Gepäck, etwas Kleidung mit den paar persönlichen Dingen, die sie hatte mitbringen dürfen.
Joan war von der Fremdartigkeit der Landschaft, durch die sie fuhren, überwältigt. Zwar hatte sie Bilder und Filme vom Mond gesehen, doch das war nur ein schwacher Abglanz dessen, was sie hier erlebte. Sie schwieg und betrachtete die bizarren Gesteinsformationen, die scharfen Schlagschatten der Kaukasusberge. Dreißig Kilometer entfernte Umrisse, Formen und Details waren so schmerzhaft deutlich zu erkennen, wie es auf der Erde nie möglich wäre.
Sie genoß das für sie neuartige Fahrgefühl unter einer Schwerkraft von einem Sechstel g, was dem Buggy absurd lange Sprünge ermöglichte und ihn auf weiten Strecken mit nur einem oder zwei Rädern den Mondboden berühren ließ. Der Himmel war schwarz, viel schwärzer als auf der Erde. Die Sterne leuchteten hell, gestochen scharf und ohne zu flimmern. Die Erde hing als blauleuchtendes Juwel am Mondhimmel, viel größer als je ein Vollmond zu Hause und unvergleichlich schöner. (Mein Gott, ist das schön! Alle Filme und Bilder, ja nicht einmal meine Phantasie reichten aus, um dieses Erlebnis auch nur annähernd zu beschreiben.) Sie hatte das Gefühl, die Erde mit den Händen umschließen zu können. Die Probleme, angefangen von den Ehestreitigkeiten ihrer Bekannten bis zu den absurden Abrüstungskontroversen der Supermächte, erschienen ihr so nichtig und klein, so fern. Ihre Mitmenschen auf dem Grund dieses ungeheuren Schwerkraftballes Erde kamen ihr wie Ameisen vor, so bemitleidenswert, in den Bann geschlagen von der erdrückenden Kraft, die sie an den Boden fesselte. Sie fühlte sich frei, hatte die Fesseln der Schwerkraft abgelegt. Tränen des Mitleids rannen ihr die Wangen herunter. Sie schämte sich nicht. Der UKW-Sender war abgestellt; Piet Dankert würde nichts merken.
Ein Knacken in ihren Kopfhörern holte sie zurück ins Hier und Jetzt.
"Als ich das erste Mal hier draußen war, hat mich die Größe und Majestät, aber auch die Kälte und Erbarmungslosigkeit des Weltraums völlig erledigt."
Piets Stimme klang kratzig.
Joan schaltete ihren UKW-Sender ein. "Ich bin völlig überwältigt. Dieser Anblick ist phantastisch. Wie klein doch die Erde ist; und wie zerbrechlich."
"Ja, das finde ich auch. Übrigens steht sie, im Gegensatz zum Mond von der Erde aus betrachtet, hier immer an derselben Stelle des Himmels."
(Nein, dieser Piet Dankert. Was er wohl glaubt, was amerikanische Mädchen in der Schule lernen?)
Piet beschrieb ihr, wie eine Sonnenfinsternis auf dem Mond aussieht.
"Das ist ein Ring aus orangefarbenem Licht, vier mal größer als der Vollmond von der Erde aus gesehen. Ich werde bei Gelegenheit nachsehen, wann die nächste Sonnenfinsternis sein wird. Das sollten Sie unbedingt erleben."
*
"Wir sind gleich da", meldete Piet sich nach einiger Zeit des Schweigens, in der jeder seinen Gedanken nachgehangen hatte, wieder über den Sender. "Sehen sie, dort vorn."
Sie sah ein kilometerlanges Gerüst, fast parallel zum Mondboden gebaut, doch leicht ansteigend. (Es erinnert mich an das Gerippe eines Sauriers, das ich als kleines Mädchen im Museum sah.)
In größerer Entfernung, wo noch kein Gerüst stand, war eine Trasse aufgeschüttet. Das Kopfstück befand sich auf einem Felsen. Aus ihrer Vorbereitungsbroschüre wußte sie, daß die Basis 'Katapult' in diesen Felsen hineingebaut worden war. Dort war eine größere Baustelle, und sie glaubte Menschen in Raumanzügen zu erkennen.
"Wenn es fertig ist, dann wird das Katapult 200 km lang sein. Die tiefste Stelle liegt in der Nähe des Kraters Aristoteles auf Mare-Spiegel-Ebene, das Kopfstück, also das hier, nicht weit von Cassini. Wir sind hier mehrere Kilometer höher. Der Atomreaktor ist fast fertig. Dort, unten, hinter dem Krater Calippus, bei einem Felsen, den wir Ayers Rock genannt haben." Er deutete auf einen Felsen, ca. 50 km von der Baustelle des Kopfstücks entfernt. (Wie man sich hier doch über die Entfernungen täuschen kann!) Er war vielleicht 700 bis 800 Meter hoch, auf typische Mondart gezackt und wirkte mehr nach oben strebend als der gleichnamige Berg auf der Erde.
"Der Reaktorkern wird 500 Meter unter dem 'Mare-Spiegel' montiert. Die Kabelverbindungen verlaufen unterirdisch wegen der Meteoreinschlagsgefahr. Das ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber der Schaden wäre ungeheuerlich. So ist der Reaktor gegen Meteoriteneinfall oder zum Beispiel auch Kernwaffenbeschuß bis zu 0,5 Megatonnen TNT Energieentwicklung gehärtet." "Kernwaffenbeschuß?" wiederholte Joan ungläubig. Er machte eine kurze Pause und ein bedauerndes Grunzgeräusch. Dann fuhr er fort: "Das Katapult können wir leider nicht härten, natürlich. Aber, wenn im nächsten Jahr der erste Probeabschuß klappt, dann nehmen wir sofort ein zweites Katapult am Tycho-Krater in Arbeit. Hoffentlich passiert bis dahin nichts. Die Sache ist zu wichtig."
Er wies auf die Störanfälligkeit durch die großen Temperaturschwankungen und den allgegenwärtigen Staub hin. Die grundsätzliche Sabotageanfälligkeit einer so großen Anlage hielt er ebenfalls für problematisch. Joan sah ihn wieder ungläubig an. (Sabotage? Wer könnte daran wohl ein Interesse haben?) Sie schob den Gedanken schnell beiseite. "Wo bekommen wir eigentlich das Uran her?"
"Ca. 200 km nord-nordöstlich von hier beim Krater Aristitus hat der 'Lunar Orbiter' ein ergiebiges Lager Pechblende gefunden. Wir werden es mit Industrierobotern vom Typ 'Digger Mark II' ausbeuten. Die ersten Exemplare sind schon da. Der Abbau des Erzes ist kein Problem. Probleme gibt es mit der Anreicherungsanlage. Da sind wir reichlich in Verzug. Wir haben eine ganze Abteilung mit fünfzehn Mann abgestellt, um der Crew da zu helfen. Die erste Reaktorfüllung werden wir wohl von der Erde beziehen müssen. Schlampige Planung! Das verteuert die Sache und ist auch viel zu gefährlich. Wenn beim Shuttlestart etwas passiert, dann ist das ganze Projekt 'Weltraumbesiedelung' tot. Alle Pläne hängen an dem Katapult hier, und ohne Reaktorenergie gibt es keine Starts und damit auch keine billige Mondmaterie im hohen Orbit."
Joan wurde jetzt erst richtig bewußt, wie gefährdet und störanfällig alles war. (Davon haben sie uns auf der Erde aber nichts erzählt.)
*
Am Eingang der Basis 'Katapult' gab es keine große Luftschleuse für das Fahrzeug. Dankert stellte es neben einigen andern Mondfahrzeugen am Fuß der Klippe ab. Sie nahmen das Gepäck und gingen auf die Personenluftschleuse zu. Die Standardcontainer auf der Ladefläche ließen sie liegen, sie waren selbst unter Mondschwerkraft zu schwer.
Nach der Schleusenprozedur führte Piet sie direkt zu ihrer Kabine. Der Weg führte durch einen Gang mit Wänden aus nacktem Mondgestein und schwacher Beleuchtung in die Wohnquartiere. Hier sah alles weniger provisorisch aus. Die Wände waren in verschiedenen hellen und freundlichen Farbtönen gehalten, die Beleuchtung war heller und der Boden mit einer leicht federnden Substanz belegt. Dankert erklärte ihr den Aufbau des Wohngebiets in drei Etagen und wie sie zu ihrer Kabine finden konnte.
"Da sind wir. Hier ist Ihr Schlüssel. öffnen Sie selbst." Dankert reichte ihr eine ID-Karte mit Magnetcode. "Die anderen Funktionen der Karte erkläre ich Ihnen morgen bei der Arbeit."
Joan nahm die Plastikkarte und öffnete die Tür.
"Sie werden sich schon zurechtfinden. Ruhen sie sich jetzt erstmal aus. Ich hole sie morgen um fünf vor acht ab. Wenn irgend etwas sein sollte, dann können sie über das Terminal jederzeit Kontakt mit mir aufnehmen. Bis dann!" Dankert hatte ihr Handgepäck hereingetragen und reichte ihr die Hand.
Sie verabschiedete sich dankbar von ihm, schloß die Tür und ließ sich erschöpft auf die Pritsche fallen. (Dies soll nun meine Heimat sein. Karg will ich nicht sagen, gewichtssparend eben.) Ihr Blick glitt über den Aluminiumstuhl. In den Tisch eingebaut war ein Universalterminal mit allen Extras. Eine kleine Videoeinheit war integriert. (Ganz gute Kiste. Ist fast alles dabei. Ob man hier schon Filme über Kabel kriegt? Hoffentlich hat die Videothek etwas zu bieten.)
Nur beiläufig glitt ihr Blick über die karge Ausstattung des Zimmers. Die Plastikisolierung der Wände war in einem beruhigenden Beige gehalten, ansonsten gab es nur den einen Stuhl, der sie an die Einrichtung in der 'Stardust'-Bar erinnerte.
Sie war sehr erschöpft und ging deshalb zuerst in die winzige Duschkabine. Ihr fiel der extrem hohe Rand der Wanne auf. (Seitdem die industrielle Nutzung von Mondgestein im letzten Monat angelaufen ist, ist wenigstens das Wasser nicht mehr rationiert. Wir gewinnen es aus Kristallen im Mondgestein.) Nach der Dusche ging sie naß und tropfend an den Computer und wählte über ein Suchmenü (Man kriegt.) einen Musikclip aus. Sie entschied sich für ein Stück aus den Siebzigern, die "Rocky Horror Picture Show".
Als die Lippen der Sängerin des Vorspanns auf dem Schirm erschienen und die Musik die richtige Lautstärke hatte (¼ and Flash Gordon was there in silver underwear¼ ), trocknete sie sich erst einmal ab, nahm die Papiere, die auf dem Tisch lagen, und legte sich nackt aufs Bett.
(Lageplan der Wohn- und Arbeitsquartiere hier, Bedienungsanleitung für das Terminal - hätten die sich auch schenken können, die Speisekarte der Kantine - igitt, Spinat, Instruktionen für das Verhalten in Katastrophenfällen, hm.) Diese las sie zuerst. Als sie damit fertig war, fühlte sie sich zu müde, um noch in die Kantine zu gehen. Während Meat Loaf mit dem Motorrad über den Bildschirm jagte übermannte sie der Schlaf. In dieser Nacht träumte sie von zwei Männern. Sie schienen zu kämpfen, doch stimmte irgend etwas mit ihren Bewegungen nicht.
*
Ein drängendes Rufsignal weckte sie unbarmherzig aus ihren Träumen. Als sie den Antwortknopf drückte, erschien Dankerts Gesicht auf dem Bildschirm.
"Guten Morgen, Joan. Ich wollte Sie zum Frühstück einladen. Wenn Sie Lust haben, hole ich Sie gleich ab. Ich brauche etwa sieben bis acht Minuten. Auf dem Weg zur Cafeteria könnte ich Ihnen Ihren Arbeitsplatz zeigen und Ihnen ein paar Kollegen vorstellen. Wollen Sie?"
Natürlich wollte sie, und als er sie wenig später abholte, war sie bereit. Auf dem Weg überschüttete er sie mit einer Fülle von Informationen über die Funktionen ihrer Magnetkarte und Gerüchten über das Katapult. Sie ertrank fast in dem Meer von Namen und den Funktionen ihrer Träger. Lachend unterbrach sie seinen Redefluß: "Halt, halt, ich habe doch nur ein menschliches Gehirn. So viel kann sich ja kaum ein Computer merken. Lassen Sie es bitte etwas langsamer angehen."
Dankert sah sie schuldbewußt an.
(Kaum zu glauben, er wird schon wieder rot.)
"Wir sind angekommen." Er öffnete die Tür, indem er zwei Handräder drehte und ließ sie zuerst das Schott durchqueren. Sie betraten einen mittelgroßen Raum.
Die Einrichtung bestand aus einem Schreibtisch mit Masterterminal, sowie aus einem schrankgroßen Metallkasten, aus dem an allen Seiten Kabel ragten. (Sieht aus wie ein Monster aus einem billigen Science Fiction Film.) Joan erkannte eine halbaufgebaute IMM 69590. Zwei Techniker arbeiteten daran und ließen sich durch ihr Eintreten nicht stören.
Dankert bemerkte Joans Blick und zuckte mit den Schultern: "Tut mir leid, daß hier so ein Durcheinander herrscht, aber die restlichen Teile für Ihren Computer kommen erst mit dem nächsten Transport. Das ist eines von den vielen Problemen, mit denen wir hier jetzt zu kämpfen haben."
Er deutete auf die beiden Männer in den weißen Overalls und sagte: "Das sind unsere Wunderknaben, Hannes Bauer und Ron Dyke. Sie bauen und warten unsere Computeranlagen mit Hilfsmitteln, von denen andere Fachleute behaupten würden, sie störten die Betriebsbereitschaft eher als daß sie ihr nützten." Zu den beiden Männern gewandt sagte er: "Jungs, ich möchte Euch Joan Kendall vorstellen. Sie wird eure Blechkisten mit dem nötigen Wissen ausstatten."
Die beiden Techniker standen auf und kamen herüber. "Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Joan. Ich bin der Hannes aus Hamburg und der hier ist der maulfaule Ron aus Liverpool. Wenn Sie mal ein Hardwareproblem haben, lassen Sie es uns wissen. Manchmal gelingt uns sogar ein Wunder." Er machte ein freundliches Gesicht und streckte ihr seine Hand entgegen. Joan ergriff und drückte sie mit einem warmen Lächeln. Die beiden waren ihr sofort sympathisch und das war wichtig, denn sie würde viel mit ihnen zu tun haben. "Ich freue mich auch, Ihre Bekanntschaft zu machen, Hannes. Wann werden Sie und Ron hier wohl fertig sein?"
"In ein bis zwei Wochen etwa, wenn nichts dazwischenkommt."
Joan war verblüfft. "Wenn nichts dazwischenkommt?" fragte sie erstaunt. "Was meinen sie damit?"
Jetzt räusperte sich der hagere Ron Dyke: "Tja, wissen Sie, die Sache ist so: Der Leiter der Abteilung Bedarfsplanung hier oben ist Allan Wilson, der ist in Ordnung. Aber auf der Erde werden die Prioritäten unserer Bestellisten verändert. Das wiederum hängt damit zusammen, welches Land den Transport durchführt. Die haben nämlich von ihren jeweiligen Firmen eigene Dringlichkeitsanträge vorliegen. Angenommen wir brauchen hier jetzt Teile aus Japan, der nächste Transport kommt aber aus Europa, dann kann es passieren, daß die Chemiekonzerne vom Rhein darauf bestehen, daß ihre Interessen wichtiger sind als japanische Computerteile, und dann kommt eben Ausrüstung für die Labors hier oben an. Das ist natürlich gequirlte Kacke, aber wir haben es bis heute nicht abstellen können."
Joan blickte erstaunt von einem zum anderen. "Ich dachte, das wird alles in der Zentrale der 'Weltraumerschließungsgesellschaft' koordiniert, um Fehlplanungen zu vermeiden. Das wurde mir jedenfalls bei meinem Einstellungsgespräch gesagt."
Der zierliche Hannes zuckte die mageren Schultern.
"Vielleicht ist ja für die da unten ihre Märchenstunde inzwischen Wirklichkeit geworden."
Sie schauten sich alle an und plötzlich, wie auf ein geheimes Zeichen hin fingen sie an, laut herauszuplatzen. Dankert faßte sich als erster.
"Wie wäre es mit einer Tasse Kaffee?" fragte er. "Ich lade Euch alle in die Cafeteria ein."
Lachend und scherzend machten sie sich auf den Weg. In der Kantine war wenig Betrieb. Kein Wunder, denn viele Menschen hielten sich am Katapultkopfstück noch nicht auf. Als die Gruppe eintrat, erhob sich am anderen Ende des Raumes ein schmächtiger Mann an seinem Tisch und winkte ihnen zu.
"Oh, da ist ja Wilson," bemerkte Hannes und ging voraus in die Richtung des immer noch winkenden Mannes. Unterwegs blieben sie an einem Tisch stehen und begrüßten einen kräftig gebauten, braun gebrannten, blonden Mann.
"Joan, darf ich Sie mit Pelle Pettersen, kurz Pepe genannt, unseren Spezialisten für supraleitende Magnetspulen bekannt machen?"
"Guten Tag," sagte Joan freundlich. (Ein wirklich gutaussehender Mann) "Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Sind sie schon lange hier?" Pettersen lächelte zurück. "Neun Wochen, und ich zähle schon wieder die Tage bis zum Bleisohlenurlaub auf der Erde. Warten Sie ab, Sie werden auch noch das Zählen lernen."
Mit einem Seitenblick auf den intensiven Augenkontakt der beiden bemerkte Dankert ärgerlich: "Vermiese Joan doch nicht schon am ersten Tag die Arbeit hier oben, Du Zweckpessimist."
Pepe schmunzelte und sagte augenzwinkernd zu Joan: "Vielleicht hab' ich ja übertrieben, wenn Piet das sagt, trotzdem hoffe ich, daß wir uns noch häufiger treffen."
Joan verabschiedete sich mit einem Blinzeln und folgte beschwingt den anderen zu Wilsons Tisch. (Es ist ein herrlicher Tag. Die Leute hier oben sind viel freier und direkter mit ihren Gefühlen. Ob das wohl mit ihrer physikalischen Umwelt zusammenhängt?)
"Joan, darf ich Sie mit Allan Wilson, dem Bedarfsplanungskoordinator für das Katapult, bekanntmachen?"
Joan lachte jetzt laut heraus und sagte dann zu Wilson gewandt: "Entschuldigen Sie, aber mit fast den gleichen Worten hat Mr. Dankert mich Pepe vorgestellt. Von Ihnen habe ich schon viel Gutes gehört, Mr. Wilson. Ron Dyke hier erzählte mir von den Schwierigkeiten mit Ihren Kollegen auf der Erde."
Über Wilsons Gesicht huschte ein Leuchten. "Willkommen auf dem Mond, Joan. Bitte, sagen Sie doch Allan zu mir. Sie haben Recht, diese Zeremonien gleichen sich immer wieder. Sehen Sie nur, der arme Piet Dankert wird ganz verlegen. Aber, wo habe ich nur meinen Kopf, setzen sie sich doch, Joan." Einladend rückte er ihr einen Stuhl zurecht. Sie setzte sich, und er fuhr fort, das Gesicht in sorgenvolle Falten gelegt. "Ja, mit dem Nachschub ist das schon ein Problem. Ich nehme an, Sie haben in diesem Zusammenhang mit Ihren Kollegen darüber gesprochen. Machen Sie sich keine Sorgen, Ihre Computerbauteile sind schon unterwegs. Gerade habe ich die Frachtliste der nächsten Shuttle bekommen. Wenn Ron und Hannes sich 'ranhalten, können Sie in ca. zwei Wochen mit Ihrer Arbeit beginnen."
Während Joan sofort ein lebhaftes Gespräch mit den beiden Technikern begann, holte Piet Dankert Kaffee und Frühstück für alle. Joan fielen die Tassen mit den überhohen Rändern auf. Dankert erklärte das mit der geringen Mondschwerkraft und verwies auf die hohen Ränder der Dusch- und Badekabinen. "Flüssigkeiten haben hier eine Tendenz zum überschwappen."
Wilson lehnte sich zurück und sah entspannt zu. Nach kurzer Zeit nahm er den Gesprächsfaden wieder auf.
"Wie gefällt es Ihnen denn hier oben, Joan?"
Joan geriet sofort ins Schwärmen: "Herrlich, nicht nur die Umgebung und das völlig neue Gefühl der Leichtigkeit; auch die Menschen, die ich bisher kennengelernt habe, sind ganz anders als auf der Erde. So ¼ einfach direkter und offener. Ich selbst fühle mich den ganzen Morgen schon wie beschwipst."
Allan Wilson nickte heftig: "Über diese Zusammenhänge von Schwerkraft und psychischem Wohlbefinden werden von unseren Wissenschaftlern hier oben schon seit längerer Zeit Untersuchungen angestellt. Einige der jüngeren Kollegen werden sich demnächst auf der Erde damit einen Namen machen, denke ich." Joan äußerte sich erstaunt über soviel Toleranz gegenüber den jüngeren Mitarbeitern; auf der Erde wäre das eher umgekehrt.
Wilson wurde ernst: "Wir sehen einfach, wie wichtig es ist, diese jungen Talente an unser Projekt zu binden. Es ist also purer Eigennutz, wenn wir sie fördern, denn letztendlich profitieren wir doch alle davon."
Das Gespräch wurde durch Hannes unterbrochen: "Entschuldigt, aber wir müssen unser Geld noch verdienen und Du, Joan, willst doch sicher auch so bald wie möglich Deinem Liebling etwas beibringen. Los, Ron, raff Dich auf, wir gehen wieder!"
Als die beiden Techniker gegangen waren, unterhielten sich die drei am Tisch Verbliebenen über das politische Verhältnis zwischen Erde und Mond. "Die da unten wollen schon, daß das Katapult schießt. Aber die Zulieferfirmen, all die Cybernetics, IMM, Bockwell, Kujitsu etc. zahlen horrende Schmiergelder an die Mitarbeiter der Büros für Nachschubkoordination, damit sie ihr Zeug schnellstmöglich zu uns bzw. zur L5 heraufkriegen. Dadurch bekommen wir ihre Probleme geliefert, nur daß bei uns die Lagerkapazität noch viel geringer ist, als bei denen da unten. Einiges von dem, was hier ankommt, können wir noch gar nicht brauchen, das steht bloß im Weg 'rum. Es ist leider alles so völlig chaotisch und unbedacht. Das Profitdenken macht so viele gute Ansätze kaputt."
Dankert nickte bestätigend. Joan begann, sich ein Bild über die Stimmung auf der Station zu machen und wußte, daß man ihre Fähigkeiten erkennen würde und ihr Sympathie entgegenbrachte. (Ich bin froh, daß ich diesen Job angenommen habe. So etwas gibt es auf der Erde schon lange nicht mehr.)
*
"So geht das nicht mehr weiter, Allan, so kann ich nicht arbeiten. Wie soll ich denn Termine einhalten, wenn ständig meine Leute zu irgendwelchen, obskuren Sicherheitstest gehen müssen? Ich weiß, daß es Fälle von Sabotage gegeben hat, aber jeder meiner Arbeiter ist doch schon fünfmal überprüft worden. Das ist ja schlimmer, als beim Militär!"
Während Piet sich seinen Ärger von der Seele redete, war er aufgeregt hin- und hergegangen. Vor ein paar Minuten war er wutschnaubend wie ein Stier in Wilsons Büro getrampelt, weil sich drei seiner Schichtführer bei ihm für den nächsten Tag abgemeldet hatten.
"Ich weiß, Piet, aber ich kann da im Moment auch nichts machen," erwiderte Wilson. "Nun beruhige Dich erst einmal und setz Dich bitte hin. Du machst mich ganz nervös mit Deiner Rumrennerei."
Immer noch ärgerlich setzte Piet sich in den Sessel am Tisch.
"Wir kennen uns nun schon eine ganze Weile und wissen, daß wir uns über die gleichen Sachen aufregen. Du hast recht. Ich möchte Dir ein Vorschlag machen: Mach bei uns mit, Piet."
"Die meisten Menschen sind zu feig zum Bösen, zu schwach zum Guten."
(Ernst Bloch)
Es war regnerisch und kalt. Herbert "Mufti" Großkopf, ein dunkelhaariger, mittelgroßer, eher schmaler Mann von 40 Jahren, sah aus dem Fenster. (Scheißwetter!) Er wußte, es war das Beste, unverzüglich wieder ins Bett zu gehen. Es war gestern abend wieder spät geworden und außerdem - wozu sollte ein Arbeitsloser überhaupt aufstehen? Fortschritt, ha! Nach neuesten Angaben der Bundesanstalt für Arbeit lag die Zahl der Erwerbslosen z. Zt. bei 5.8 Millionen.
Mufti ging wieder ins Bett. Arbeitslos war er schon seit achteinhalb Jahren. Zuerst dachte er, daß es nur eine Frage der Zeit sei, bis er - irgendwann, irgendwie - Arbeit in seinem Beruf als Lehrer bekommen würde. Fehlanzeige. Die Lage wurde immer schlechter. Im Laufe der Jahre wurden zuerst immer mehr Ungelernte, dann auch Facharbeiter und Verwaltungsfachkräfte einfach überflüssig für die Wirtschaft.
Natürlich hatte auch er seine kleinen Chancen gehabt: hier mal eine Aushilfe, da mal eine Urlaubsvertretung. Doch er hatte es nie verstanden, sich für weitere Tätigkeiten zu empfehlen. Heute lebte er von Aushilfsjobs in einer Kneipe, und ab und zu schrieb er mal für eine Band einen Songtext. Doch die Bands brachten es nie bis zur Plattenaufnahme, und so verdiente er schlecht mit dem Schreiben. In der Kneipe arbeitete er auch ungern. Er war nicht sonderlich beliebt als Zapfer, und außerdem hatte er Angst vor den gelegentlichen Schlägereien, was die Gäste schnell merkten. Überhaupt fand er das Leben zum Kotzen.
Das Telefon riß ihn aus seinen Gedanken. (Hoffentlich nicht Vera, das alte Miststück. Ihr grenzenloser Egoismus geht mir schon lange auf den Geist.) Mit gemischten Gefühlen ging er zum Schreibtisch. (Vielleicht gibt's ja was zu verdienen.) "Ja." Es war mehr ein Knurren als ein Ja.
"Mufti, Alter, hier ist Jojo, kannst Du was Bares brauchen?" (Jojo, der ist doch beim Fernsehen. Schreibt Drehbücher oder sowas.) "Hey, alter Staubsauger, wie geht es Dir? Wir haben uns ja schon seit den Kreuzzügen nicht mehr gesehen. Du hast 'n Job für mich? Was wird denn verlangt für's Geld?" (Mensch, da könnte was bei rausspringen!)
"Naja, Du weißt doch, daß ich diese Manuskripte für's Fernsehen schreibe. Nun, in letzter Zeit habe ich mehr Aufträge als ich bewältigen kann. Ich brauche einen Ghostwriter. Wenn Du mir jetzt hilfst, helfe ich Dir, später unter eigenem Namen zu schreiben. Aber nur, wenn Du jetzt nicht lange überlegst, sondern sofort zuschlägst. Also was is?"
(Hey, wenn ich es geschickt anstelle, kann ich da öfter was verdienen.)
"Aber Alterchen, ich werde doch einen so guten Freund wie Dich nicht hängen lassen. Ehrensache, daß ich Dir aus der Klemme helfe. Was springt denn dabei 'raus?"
"30 ECUs pro Seite, cash down und ohne Quittung. Komm doch so gegen sechs vorbei, und dann geb' ich Dir die Themen und die Richtung. Ein Vorschuß ist auch drin. Ich stelle Dir selbstverständlich auch ein Textsystem zur Verfügung. Also bis später, Du mein Retter in der Not."
"O.k., ich sattele meinen Schimmel und komme mit einem weißem Cowboyhut geritten, wie weiland John Wayne in den guten, alten Filmen. Bis dann!" (Mein Gott, muß es dem dreckig gehn, wenn er so großzügig ist.)
Nachdenklich legte Herbert den Hörer auf. Erinnerungen an ihre gemeinsame Kindheit wurden wach. Sie waren in Kreuzberg aufgewachsen und zur Schule gegangen. Am Wochenende gingen sie mit ihren Vätern ins Fußballstadion zur "Hertha". In Kreuzberg lernte man früh, wie man sich durchsetzt, sonst war man verloren. Jojo und er hatten ihre Lektionen gut gelernt, zuerst in der Hauptschule in Kreuzberg, jedenfalls die ersten neun Jahre. Sie waren damals unzertrennlich gewesen, und es gab fast nichts, was sie nicht gemeinsam ausprobiert hätten. Schon ihre Eltern waren befreundet, da die Väter gemeinsam bei den Stadtwerken als Müllkutscher arbeiteten. Der Verdienst war nicht schlecht und konnte eine drei- oder vierköpfige Familie durchaus ernähren. Am Wochenende gingen die Väter gemeinsam mit ihren Söhnen zum Fußball und anschließend in die Stammkneipe, um das Spiel zu diskutieren. Wenn Hertha gewonnen hatte, gab es Freibier in Massen, und so gewöhnten sie sich schon früh an einen geregelten Alkoholkonsum. Es war bestimmt keine feine Gegend, in der sie aufwuchsen, aber dafür waren die Leute tolerant. Bei einem so hohen Ausländeranteil wie in Kreuzberg blieb ihnen auch gar nichts anderes übrig. Später, als die neuen Ausländergesetze in Kraft traten, die allen Gastarbeitern die Arbeitsgenehmigung entzogen, änderte sich das natürlich, und auch sie mußten den neuen Bebauungsplänen des Senats weichen. Durch den Umzug verloren sie sich weitgehend aus den Augen. Ab und zu sahen sie sich noch beim Fußball, aber nicht mehr regelmäßig. Ein Jahr später trafen sie sich auf dem Wirtschaftsgymnasium wieder. Hier holten sie gemeinsam die mittlere Reife und das Abitur nach. Doch später, während des Studiums, wurde der Kontakt lockerer, und während Mufti sich hängen ließ, machte Jojo beim Rundfunk und später beim Fernsehen Karriere.
*
Kurz nach sechs Uhr erschien Mufti in Jojos Appartement. (Ist bemerkenswert gehobene Klasse hier, echt edel; da komme ich mir in meinem Jeansoverall richtig schäbig vor. Die Schreiberei scheint ordentlich was abzuschmeißen. Vielleicht läßt sich noch mehr als 30 die Seite 'rausschlagen.)
Er läutete und sein Freund öffnete die Tür. Jojo sah aus, als ob er im Profil keinen Schatten mehr werfen würde. Die Krönung dieser Jammergestalt war die viel zu große Sonnenbrille im Gesicht. Sie war mindestens doppelt so breit wie sein Kopf. Mufti wußte sofort, was angesagt war. (Mein Gott, ist der im Arsch! Jojo, alter Kumpel, was ist aus Dir geworden?) Jojo zappelte aufgekratzt durch das Zimmer und dirigierte Mufti mit wedelnden Händen an einen Tisch in der Nähe der Hausbar. "Setz Dich doch, mein Bester, wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Seit der Fete bei dieser Frau, wie hieß sie doch gleich, Du warst doch mit ihr zusammen, oder irre ich mich da?"
"Vera hieß sie, und wir sind schon lange auseinander." (Jedenfalls habe ICH mich von IHR getrennt, von dem Miststück, und wenn das hier mit der Kohle klappt, mach ich das auch offiziell. Aber bisher war ich leider auf ihre Unterstützung angewiesen.)
"Is ja auch egal", wechselte der Hektiker das Thema. Offensichtlich wollte er auf keinen Fall auch nur die Andeutung einer Mißstimmung aufkommen lassen. "Was hast Du denn in letzter Zeit so getrieben? Ich meine, Deine Wohngegend ist ja nun wirklich nicht die schlechteste." Mufti mußte breit grinsen. Er wohnte in einer Eigentumswohnung einer Tante, die ihm aus Freude über sein Staatsexamen lebenslängliche Mietfreiheit eingeräumt hatte. Nun stärkte diese Tatsache seine Verhandlungsposition. "Naja, hungern muß ich noch lange nicht. Du kennst das doch selber, jeder hat so seine kleinen Nebengeschäfte. Aber jetzt wäre ich Dir dankbar, wenn Du zur Sache kämst, ich habe meine Zeit auch nicht im Lotto gewonnen. Die Angelegenheit ist doch nicht zeitraubend?" (Hoffentlich habe ich nicht zu dick aufgetragen.) Mufti grinste so einfältig wie möglich in die Gegend. Jojo erhob sich mit einem tuntigen Hüftschwenker aus dem Sessel und ging an die Bar.
"Darf ich Dir etwas anbieten, mein Bester? Alkohol oder Dope, vielleicht ein Näschen Peruvian Flake. Ich sag Dir, ein Traumstoff, unverschnitten, hat mir ein Produzent direkt von Dreharbeiten aus Südamerika mitgebracht. Bei manchen seiner Jobs kriegt er Diplomatenstatus."
Mufti, der eigentlich Trinker war, und eine Höllenrespekt vor den verschiedenen, sich immer mehr verbreitenden weißen und braunen Pülverchen hatte, witterte seinen Vorteil in der Situation und nahm beide Angebote an. Der Schatten eines alten Freundes kam mit einem silbernen Fläschchen und zwei Whiskey mit Eisklümpchen zurück an den Tisch. (Du scheinst interessante Beziehungen zu haben. Die solltest Du mir auch mal vorstellen, man sollte keinen Nebenverdienst auslassen. Dir scheint es wirklich an nichts zu fehlen, Jojo, aber Du siehst so zerbrechlich aus.)
Sie puderten sich die Nase und tranken ihren Whiskey.
Jojo kam zur Sache. "Also, ich habe einen Auftrag für eine lockere Bildungsserie, und zwar von einem staatlichen Sender. Du weißt schon, hohe Einschaltquoten, da sie an den staatlichen Schulen benutzt werden. Daher wird das auch so gut bezahlt. Du mußt Dich dabei natürlich an der regierungspolitischen Linie orientieren, aber das ist ja wohl nicht so schwierig. Du bist doch Lehrer für Sozialkunde, da kann es Dir doch nicht schwerfallen, ein paar Spielhandlungen für ca. 16 - 18jährige zu schreiben. Zeig, wie zuvorkommend unsere Behörden arbeiten und wie anständig und gesetzestreu der Bürger zu sein hat. Irgend so einen Schmus wie in den Soap-Operas. Wie versprochen bekommst Du 30,- pro Seite, natürlich a vier Kilobyte."
"40,- pro Seite," sagte Mufti trocken, "und vier Wochen Zeit für die ersten beiden Drehbücher. Außerdem kriege ich 500,- Vorschuß, jetzt gleich auf die Klaue und einen schriftlichen Vertrag. Ich möchte, daß darin auch steht, daß Du mir nach Beendigung dieser Serie Jobs unter meinem Namen besorgst. Dafür werde ich von meinem ersten eigenen Auftrag an gerechnet noch ein Jahr lang nebenher für Dich schreiben, wobei das Honorar jedesmal neu ausgehandelt wird. Das bist Du mir schuldig, wenn ich Dir jetzt helfe. O.k.?" Jojo wollte die zeitliche Grenze von einem Jahr verlängern, und nach einigem hin und her hatten sie sich auf zwei Jahre geeinigt und setzten den Vertrag auf.
Jojo übergab Mufti einen Koffercomputer (Donnerwetter! Wie gemacht für Künstler wie mich.) und verwies auf dessen Nachfrage hin auf die Bedienungsanleitung und auf die Fähigkeit der Maschine, sich selbst zu erklären.
"Du wirst das schon machen, mein Alter."
Als Mufti Jojos Appartement verließ, pfiff er sehr vergnügt und sehr falsch vor sich hin. (500,- Eier in der Tasche und kein Pflichtbumsen mehr mit Vera. Das Leben kann ja so schön sein, man muß nur Freunde haben. Mensch, der alte Jojo. Das hätte ich auch nie geglaubt, daß der mich mal aus der Scheiße zieht.)
Dabei lag die größte Scheiße noch vor ihm, aber das konnte er zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnen.
*
Die Maschine hatte etwa die Größe eines Diplomatenköfferchens. Mufti besaß nur sehr oberflächliche Kenntnisse über Computer, das gestand er sich ein. Deshalb war er sehr vorsichtig, als er die Schlösser öffnete.
*
Bedienungsanleitung des tragbaren All-Round-Computers 'Cyber 0070 XI', Auszug:
Wir gratulieren Ihnen zu Ihrem Kauf. Sie haben ein sehr wertvolles Werkzeug erworben. Die Cyber erfüllt sämtliche Anforderungen der zeitgemäßen Computerei.
Selbstverständlich können Sie mit ihr über alle herkömmlichen Methoden kommunizieren, wie Tastatur, Lichtgriffel, Telefon etc.
Neu ist, daß die Cyber auf Ihre Sprache reagiert und auch in gesprochenem Deutsch antwortet. Natürlich findet auch die Textverarbeitung in Deutsch statt. Sie sprechen den Text, und die Maschine stellt ihn dar, auf dem Bildschirm, auf dem Drucker, per Datenfernübertragung oder mit ihrer frei einstellbaren Stimme. Es bedarf keiner weiteren Erwähnung, daß natürlich auch die Rechtschreibung und die Interpunktion intern bewältigt wird, ohne daß der Benutzer bei seiner Arbeit etwas davon merkt¼
*
Voll gespannter Erwartung schaltete Mufti die Anlage ein. (Hmm¼ , ach so, hier. Und jetzt? Na klar, diesen Schalter und¼ Donnerklüt, es klappt!) Der Schirm leuchtete hell auf und sofort baute sich eine Grafik auf. Im gleichen Moment ertönte eine weibliche Altstimme: "Guten Tag, ich bin eine 'Cyber 0070 XI'. Über welche meiner Funktionen möchten Sie verfügen?" Mufti starrte verzückt auf das Gerät. (Herrlich, aber die Funktion, über die ich am liebsten verfügen würde, beherrschst Du leider nicht, alte Blechkiste. Nanu, jetzt wird alles bunt?)
Auf dem Bildschirm vor ihm erschienen, in roter, grüner und bernsteinfarbener Schrift voneinander abgesetzt, die Titel der verfügbaren Dienstprogramme.
Er rief das Programm 'Textverarbeitung' auf. Das Angebot des Computers, ihm zu helfen, überhörte Mufti in seinem Eifer. Die Frage nach dem Namen der zu errichtenden Textdatei erwischte ihn auf dem falschen Fuß. (Elende Scheiße, was ist das denn? Das Ding funktioniert nicht. Umtauschen!) Nach einiges Nachdenken entschied er sich doch dafür, das Kommando 'Hilfe' in Anspruch zu nehmen.
Bald hatte er das Prinzip erfaßt und formulierte seine ersten Sätze. Ihm, der viele Jahre lang im Studium umfangreiche Papiere erstellt hatte, leuchtete sofort der Vorteil ein, daß man beim Editieren auf dem Bildschirm Worte und Buchstaben, einzeln oder als Gruppen, einfügen oder wegradieren konnte, ja ganze Blöcke bewegen oder kopieren. Als er um vier Uhr nachts die Maschine abstellte, hatte er bereits sieben Seiten des ersten Drehbuchs geschrieben.
(Geile Art zu schreiben. Geht flott von der Hand. Hätt' ich mir schon früher 'mal leisten sollen. Muß 'mal nachforschen, was diese Kiste im Compudiscount kostet; würd' mich ehrlich interessieren.)
Am nächsten Morgen lernte er mit dem Modem über seinen Telefonanschluß fremde Datenbanken zu nutzen. Bisher hatte er DFÜ nur vom Hörensagen gekannt, doch nun erzählte ihm die angenehme Computerstimme, wie er es anstellen mußte, um es auszuprobieren. Er versuchte, über Jojos Code, den dieser ihm zur Verfügung gestellt hatte, Kontakt zur SFB Datenbank herzustellen. Es klappte. (Irre, Mann, was will ich jetzt wissen? Scheiße, da hat man schon mal die Chance, und dann weiß ich nicht was ich will. Ah, klar, was wißt ihr denn über Jugendprotest?) Mufti gab das Stichwort ein, und kurz darauf erschien der Text auf seinem Bildschirm. (Det is' ja dünne. Mehr wissen die nich? Da weiß ich ja mehr als die. Mal sehen, ob es da nicht noch mehr gibt.) Er blätterte im Handbuch. (Aha, hier stehts. Mmh, also nachfragen.) Er tippte die entsprechenden Kommandos ein, doch der Schirm blieb dunkel. Dann erschien plötzlich eine Nachricht, die besagte, daß er einen anderen Code bräuchte. ('Zugriff nur über Code Mgm. 3'. Was soll das denn? Scheint ja ne verdammt geheime Angelegenheit zu sein. Was wohl die Regierung zu vertuschen hat?)
*
Dreieinhalb Wochen nach ihrem ersten Zusammentreffen in Jojos Wohnung stand Mufti mit zwei erstklassigen, auf Magnetblasenkassette gespeicherten Drehbüchern in der Tasche wieder vor der gleichen Tür. Jojo, der etwa jeden zweiten oder dritten Tag angerufen hatte, öffnete. Er sah aus, als hätte er seinen Sommerurlaub in Auschwitz verbracht. (O Gott, Jojo alter Junge, was ist mit Dir passiert?) Seine ehemals typische, tuntige Kokserhektik war in einen Dauertatter eskaliert, und die Ringe unter seinen trüben Augen beherrschten das ganze Gesicht.
"Da bin ich, mein Ernährer, ich bringe Dir die versprochenen Manuskripte. Du bist natürlich angenehm überrascht und lädst mich als Bonus zum Essen ein. Ich kenne da ein schnuckeliges Restaurant, etwas bessere Preisklasse, aber dafür auch eine exquisite Weinkarte mit erlesenen Stücken im Angebot." (Du meine Güte, hoffentlich hat der noch genug Kraft, meine Scheine abzuzählen.)
Jojo hielt ihm die Tür auf und machte eine ungeduldige Bewegung in Richtung Wohnzimmer.
Mufti trat beschwingt ein und tat, als merkte er nichts vom Zustand seines Gegenüber. "Na, mein Gudster, was macht die Kunst, has'te die anderen Stories schon vorbereitet? Ich will nämlich so schnell wie möglich weitermachen. (Herrgott, ob er das wirklich noch schnallt?) Also, wie sieht's aus?" Jojo schien seine letzte Kraft zusammenzunehmen und versuchte, ihm in die Augen zu schauen. Dies gelang ihm jedoch nur einen flüchtigen Augenblick lang, dann blickte er wieder zum Boden. "Hör zu, Mufti, ich muß Dir was sagen, ich¼ ich¼ ". Er unterbrach sich, schien noch einmal irgendwelche geheime Kraftreserven zu mobilisieren, und fuhr fort. "Also, Du bist der erste Mensch, den ich seit 14 Tagen hier hereinlasse. Ich bin am Ende, verstehst Du, kaputt! Ich kann kaum noch was essen. Ich schaffe es nicht mal mehr, zum Sender zu gehen und über den Verkauf dieser Bücher zu verhandeln. Paß auf, ich hab mir das so gedacht: Da wir alte Freunde sind, gehst Du als mein Partner hin, und wir machen diese Serie fifty - fifty. Ich sag Dir alles, was Du wissen mußt, und danach verkauf ich Dir den ganzen Krempel hier. Dafür mußt Du mir das Sanatorium bezahlen. Mach einen Vertrag, und ich unterschreibe Dir das Papier."
(Das is' so wahr 'n Ding!) "Aber Jojo, nun mal ganz ruhig. Du willst also das Handtuch werfen? O.k., Baby!" Mufti lächelte kalt. "Ich hab' da schon 'was vorbereitet." (Ich wollte Dich zwar ausbooten, aber nicht so.)
Er zog ein Manuskript aus der Tasche, das er mit seinem Anwalt schon durchgegangen war. "Das Sanatorium habe ich noch nicht vorgesehen, aber wir können hier gerne noch einige Änderungen vornehmen."
Er zückte einen Schreiber, und begann einen Absatz auf dem Schriftstück zu formulieren.
"So, das sollte reichen. Hier unterschreiben, wenn ich bitten darf. Ja, so, das genügt. Ja, hier auch noch, bitte. O.k. Das ist für Dich."
Er reichte Jojo ein Exemplar des Vertrages hinüber und steckte das andere in seine Tasche. "Dann ist ja alles im Kasten, oder?"
Jojo nickte stumm. Er wirkte jetzt irgendwie gelöster, aber Mufti war im Moment nicht sehr empfänglich für die Gefühle anderer. Er war mit seinem Triumphgefühl voll ausgelastet. (Ich habs geschafft, ich hab meine große Chance.)
*
"Du Idiot, Du, wenn Du statt der Kreuz Dame den König gespielt hättest, hätten wir gewonnen!" Eine unangenehm aufdringliche Stimme keifte rechts von Mufti los. (Oh Gott, Renate spielt schon wieder Skat!) Mufti schloß die windschiefe Tür seiner Stammkneipe, deren abblätternde Bemalung ihr markantestes Merkmal war. Im "Hurtigen Pyromanen" herrschte der übliche Betrieb. Careless, der Wirt, stand selbst hinter der zerkratzten Holztheke und zapfte Bier. Er war etwa Mitte dreißig, ein Abbrecher irgendeines überflüssigen Studiums. Mufti kannte ihn aus seiner Studienzeit. Das garantierte ihm eine gewisse Freiheit in seiner Zahlungsmoral. (Teufel , ich hab hier ja noch einen Deckel liegen. Bloß keine Taler zeigen, sonst sahnt er bei mir ab. Außerdem ist es sowieso besser, wenn keiner weiß, daß ich wieder flüssig bin.)
"N'abend allerseits, wie läuft's denn so, Jungs, alles im Orbit?" Lässig schwang er sich auf einen freien Hocker an der Theke. "Hey, Götz, auch mal wieder da? Hast Dich in letzter Zeit ja richtig rar gemacht, 's geht wohl aufwärts mit dem deutschen Vertreterhandwerk? Haste wieder 'n paar Büstenhalter an pleitegehende Geschäftsinhaber verkauft?" Aufgeräumt wandte Mufti sich nun seinem Freund Careless zu: "Hallöchen, Alter, zapf mir doch 'ne Tasse Bier. Was ich heute über die Niere filtriere wird sofort abgedrückt. Meine schuldenvolle Vergangenheit werde ich in der nächsten Woche auslöschen, o.k.?" Careless nickte ihm müde sein Einverständnis zu und begann, ein Glas zu füllen. Mufti drehte sich auf seinem knarrenden Hocker um und begrüßte die anderen Stammgäste in seiner Nähe. Am anderen Ende des Gastraumes, unter den verblichenen, zerrissenen Konzertpostern, saßen ein paar Typen und rauchten einen Joint.
(Mensch, ist das Leben schön, wenn man so einen Vertrag in der Tasche hat wie ich. War schon Klasse, wie das mit Jojo abgelaufen ist. Mufti, Du bist ein Glückspilz.)
Er wandte sich wieder zur abgenutzten Theke, um mit Careless zu reden. "Na, was gibt's denn neues in der Szene? Wieder mal 'ne Demo angesagt?"
Careless sah ihn an und grinste freudlos: "Was interessiert's Dich? Du gehst ja doch nie hin. Hast ja viel zuviel Schiß, von den staatlichen Schlägern was auf's Maul zu kriegen. Aber bei uns hat sich 'ne neue Jugendgang gebildet, stell Dir vor, die wollten von mir Schutzgelder kassieren."
"Und? Was haste gemacht?"
Careless zuckte mit den Schultern: "Na, was schon! Ich habe natürlich Hammed angerufen, den Obermacker in dieser Gegend. Du weißt doch, für den wir damals die Greifer abgelenkt haben, als sie ihn hier suchten."
Mufti lachte schmierig: "Du glaubst gar nicht wie gern ich mich erinnere. Wie er mit dem Tablett in der Hand ankam und dann ganz unschuldig erklärte, daß Hammed schon vor einer halben Stunde gegangen sei. He, he, und wie die Bullen dann draußen merkten, daß es Hammed war, der ihnen das gesagt hatte, ha, haaa. Und dann hast Du gesagt, daß ich der Kellner gewesen sei, der ihnen die Auskunft gegeben habe." Mufti japste nach Luft vor Lachen bei dieser Erinnerung.
Careless zapfte zufrieden Muftis Bier voll und stellte es vor ihm auf den Tresen. Das Glas sah aus, als sei die Abwäsche nur sehr oberflächlich erfolgt. "Tscha, damals war hier der Teufel los. Ich bin nur froh, daß Hammed sich genauso gern wie wir daran erinnert. Also, wie er damals durch die Küchentür 'raus war und Du die Greifer dann ins Scheißhaus geschickt hast, wo der schwule Briefträger auf Kunden gewartet hat, das war schon lustig."
Eine Bestellung vom anderen Ende des Tresens rief den Zapfer in die Realität seines Wirtschaftslebens zurück. "Schon in Arbeit!" Immer noch schmunzelnd wandte er sich dem schmuddeligen Schnapsregal zu, um die Drinks einzuschenken.
"Hey, Mufti, alte Badewanne, auch mal wieder auf der Piste! Was spricht Mann denn so in Casanovakreisen? Gute Jagdzeit?" Mufti wandte sich gut gelaunt dem Neuankömmling zu. "Arne, alter Schwede, schön Dich zu treffen."
"Aber bitte nicht zwischen die Augen." Arne reichte Mufti die Hand und schwang sich auf den wackeligen Barhocker neben ihm. "Ein Guiness, Careless!" Careless hob zum Zeichen, daß er verstanden habe, einen Daumen in die Höhe. Arne blickte nun wieder Mufti an, und jetzt erst bemerkte dieser das blaue Auge. "Mensch, Arne, was hast Du denn gemacht?" Arne grinste schief und erzählte dann: "Ach, weißt Du, ich bin vorgestern ziemlich breit nach Hause getorkelt, und da haben mich da hinten in der Naumannstraße sechs Jungen, so etwa zehn, zwölf Jahre alt, angehalten und wollten Geld von mir. Nun, ich hatte noch knapp fünf ECUs, und das war ihnen zu wenig, so haben wir uns eben geprügelt. Ehrlich gesagt, ich bin froh, daß es so glimpflich abgelaufen ist. Die kleinen Biester haben mir ganz schön zugesetzt."
"Hatten die so einen Aufnäher mit einem schwarz/roten Anarchistenstern auf den Lederjacken", fragte Careless, wobei er kaum von seinem angelaufenem Messingzapfhahn aufblickte. Arne nickte heftig. "Diese Sausäcke, dann sind es die gleichen. Irgendwas mit Durutti haben sie im Namen. Hunde, die. Was Banditentum und Räuberei wohl mit der CNT oder mit Anarchismus zu tun haben sollen?"
Careless wiederholte noch einmal für Arne die Geschichte mit den Schutzgeldern. Dabei wurde er immer wütender. "Als die hier waren, hatten die sogar Kalaschnikov-Sturmgewehre und Handgranaten dabei, die Knirpse; das sind zwar uralte Spritzen, aber sehr wirksam. Ich will doch nicht, daß mein ganzer Laden zu Bruch geht."
Götz beugte sich jetzt herüber und gab seinen (Wo ist die Bartaufwickelmaschine?) Kommentar dazu ab. "Die Zeiten sind auch nicht mehr, was sie mal waren."
"Unsere Zukunft auch nicht." Careless reichte Arne sein Guiness und sprach dann zu Götz gewand weiter: "Das war wohl das Geistloseste, das Du seit Langem gesagt hast. Verdammte Scheiße, es ist zum Kotzen. Wie schlecht geht es uns eigentlich wirklich, wenn kleine Kinder schon Besoffene überfallen müssen. Die machen das bestimmt nicht aus Jux und Dollerei. Mensch, guck Dich doch um, Du selbst weißt doch wohl am Besten, wie beschissen Dein Geschäft läuft. Wer kauft denn bei Dir noch was? Die kleinen Läden, die Du belieferst, sind doch alle in Slumvierteln, und wie oft hast Du in letzter Zeit Dein Geld für eine Lieferung abschreiben müssen, weil der Kunde pleitegegangen ist?" Götz nickte und sagte: "Genaugenommen bin ich auch schon pleite, meine Gläubiger wissen das nur noch nicht. Frag mich jetzt bloß nicht, wie es weitergehen soll, das weiß ich nämlich auch nicht, und ich will auch hier in der Kaschemme nicht darüber nachdenken! Und die Idioten stecken auch noch das ganze Geld in die Weltraumerschließungsgesellschaft und ähnliche Prestigeprojekte, von der Wahnsinnsrüstung ganz zu schweigen, anstatt damit die stinkende Scheiße unter der eigenen Nase hier zu lindern."
Die anderen nickten verständnisvoll. Im Hintergrund klappte die Tür, und die Straße spuckte einen Besoffenen in die Gaststube. An der Theke sagte Mufti hilflos zu Careless: "Mach ihm man noch'n Bier auf meine." Aber Götz winkte ab und sagte: "Nee, nee, laß mal gut sein, so weit ist es nun auch noch nicht." Daraufhin seufzte Careless: "Ich seh' schon, also gut, ich geb' 'ne Runde aus." Alle lachten zufrieden. Dann kam einer vom Skattisch und bestellte drei Bier. "Na, wer gewinnt denn bei Euch?" Der andere winkte zurück, "Hallo Arne, na wer wohl? Renate natürlich! Wenn sie bloß nicht so 'rumkeifen würde. Spielen kann sie ja gut, und wenn sie contra sagt, hat sie auch was auf der Hand." In diesem Moment schrillte die soeben beschriebene Stimme wie eine alte Alarmglocke durch den Raum. "Kalle, wo bleibst Du denn? Willste spielen oder quatschen?"
Kalle verzog das Gesicht, zuckte mit den Schultern und ging wieder zu seinen Mitspielern hinüber, die an dem mit Bierpfützen übersäten wackeligen Tisch ungeduldig auf ihn warteten. Arne wandte sich wieder an seine Saufkumpane. "Wißt Ihr noch, wie das alles angefangen hat?", nahm er den Gesprächsfaden wieder auf, "damals als die Lehrer entlassen wurden und Ärzte ohne Bezahlung gearbeitet haben, in der sinnlosen Hoffnung, nach einem Jahr doch noch irgendwo eingestellt zu werden. Deren Gewerkschaft, oder was die da haben, hat sogar noch gesagt, da könne man nichts machen. >Oder sollen wir den jungen Leuten die Möglichkeit nehmen, überhaupt zu arbeiten<?"
Seine Stimme hatte einen zynischen Ton angenommen. Im Schankraum stank es nach abgestandenem Qualm, nach Alkohol und kaltem Erbrochenem. Die vertraute, schäbige Wandverkleidung wirkte heute noch viel düster als sonst auf Mufti. Er nickte und gab seinen Senf auch noch dazu. "Die Fußballfans, diese Clubs, das waren die Anfänge der Jugendbanden und Streetgangs. Da sie in ihrer beschissenen Lage keinen fanden, den sie verantwortlich machen konnten, schufen sie sich in den anderen Fanclubs ein Feindbild. So hatten sie wenigstens ein Ziel für Ihre Wut." (Ich werde nie begreifen, was die so gut finden an den Schlägereien. Sowas tut doch weh.) Jetzt kam Careless mit den Bieren zurück. Vom Rand des Glases, das nun vor Mufti stand, war ein Stück abgesprungen. Langsam, fast bedächtig, drehte er in einer routinemäßigen Bewegung die beschädigte Stelle von sich weg. "Ich habe da letztens in einem SF-Roman was interessantes gelesen," berichtete er, "von Asimov, >Der Tausendjahresplan< hieß der. Da hat ein Hari Seldon, oder so ähnlich, eine Wissenschaft erfunden; Psychohistorie hat er die genannt. Seine Theorie besagt, daß, je größer eine Masse ist desto träger ist sie und je mehr Informationen man über sie hat, desto leichter ist sie zu berechnen. Wenn man das auf Menschen überträgt und dann bedenkt, was aus den Anfängen bis heute geworden ist, kann einem ganz schön bange werden. Wenn ich daran denke, daß das vielleicht von irgendwelchen Schweinekerlen berechnet und beeinflußt worden ist, läuft es mir kalt den Buckel 'runter." Er schnaufte empört und prostete seinen Zuhörern zu.
Mufti, der sich als Politiklehrer kompetent fühlte, bremste. "Langsam, so einfach ist das alles nicht. Wenn das so wäre, dann hätten wir heute schon die Theorie sozialen Wandels, nach der die Soziologie schon seit Jahrzehnten angestrengt sucht. In der Tat gibt es sowohl berechenbare Trends, als auch unvorhersehbare Entwicklungen. Verstehst Du, Napoleon hätte die Schlacht von Waterloo auch gewinnen können. So einfach kann man so etwas nicht vorausberechnen, das wäre schön." Mufti hatte schon einen Schreiber gezückt und wollte beginnen, die Bierdeckel vor ihm mit Diagrammen zu verzieren, die seine Thesen belegen sollten.
Careless stoppte Muftis Redefluß. "Halt, Alterchen, so genau wollten wir das gar nicht wissen. Die Einzelheiten sind nichts für den Tresen. Trinken wir erstmal einen. Prostata, Jungs, auf das, was das Leben lebenswert macht, was immer das auch sein mag." Sie tranken ihre Biere. (Mensch klingt das alles deprimierend. Da gehts mir ja blendend, so wie ich das mit Jojo gedeichselt habe. Das war aber auch ein irrer Glücksfall.) Sie unterhielten sich noch eine Weile über die schlechte Lage und was man dagegen unternehmen sollte. Jeder wußte von vergessenen Menschen, die erst nach Tagen oder sogar Wochen tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurden, einfach verhungert. Sowas war schon fast normal und nur noch eine kleine Meldung unter der Rubrik Verschiedenes in der Tagespresse wert.
"Bei den Kleinen wird ja auch immer zuerst gekürzt, die können sich am wenigsten wehren.", warf Careless irgendwann ein. Doch bald wurden es der Biere zu viele, und die Diskussion uferte aus.
Da sprachen Careless, Götz und Arne über die Vor- und Nachteile von Antiraketensystemen. Während Careless sie für destabilisierend hielt, meinte Götz, daß sie immerhin Verteidigung möglich und damit Überleben wahrscheinlicher machten. Arne vertrat einen streng legalistischen Standpunkt: Er hielt solche Systeme für illegal, da sie gegen etliche Verträge verstießen.
Als er die Argumente zum Thema 'Atomares Gleichgewicht.' hörte, bekam Mufti heftige Magenschmerzen. Er bestellte einen Tequila, stürzte ihn, bezahlte und ging dann, ohne sich zu verabschieden. (Ich sollte mir eine Waffe besorgen. Es wird alles schlimmer, hab ich den Eindruck, nicht zuletzt der Unterhaltungswert von Tresengesprächen.)
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"Im Zeitalter der treffgenauen Nuklearwaffen besteht das Gleichgewicht nicht mehr aus zahlenmäßig gleichstarken Kräften der Supermächte, sondern aus der Fähigkeit zum Zweitschlag nach einem Überraschungsangriff. 'Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter!' Durch immer zielgenauere Waffen, durch MIRV, durch radargeschützte Flugzeuge und besonders durch die Bemühung der Supermächte um die Fähigkeit, anfliegende Sprengköpfe noch im Weltraum abzuwehren, wird das Gleichgewicht immer labiler. Es besteht bei beiden Supermächte eine Tendenz zu der Fähigkeit, dem Gegner die atomare Pistole aus der Hand zu schießen. Sollte eine Seite diese Fähigkeit voll entwickelt haben, dann wird der Erstschlag nicht nur denkbar, sondern zu einer logischen Notwendigkeit. Jetzt kann ich die Streitkräfte des Gegners eliminieren und ihn mit meinen verbleibenden Waffen erpressen, morgen vielleicht hat auch er diese Fähigkeit. 'Wer zuerst schießt, gewinnt'."
Wehrrevue, München, 8/1998, S. 53f.
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Auf dem Nachhauseweg versuchte Mufti in verschiedenen Kneipen noch, eine Frau für die Nacht zu finden, natürlich keine Professionelle, dafür war er in dieser Phase noch zu geizig. Aber entweder war er zu dumm, eine zu finden, oder die Frauen waren nicht dumm genug, mit ihm zu gehen. Seinen Ärger darüber nahm er überhaupt nicht wahr; er war schon immer ein König im Verdrängen negativer Gefühle gewesen. In dieser Nacht träumte er, daß ihn ein Mann, gekleidet in Trenchcoat und Schlapphut, bewaffnet mit einer bullig aussehenden Maschinenpistole, das Gesicht verborgen unter einer Donald Duck Maske, verfolgte, um ihn zu ermorden. Als ihn im Traum die erste Kugel traf, saß er in kalten Schweiß gebadet, kerzengerade in seinem Bett.